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Alltagsdeutsch – Podcast

Rhein-Beziehungen

Millionen Touristen besuchen ihn jährlich, einer geschichtlichen Epoche gab er seinen Namen. Viele Menschen leben von und auf ihm – wie Fährleute und Transportschiffer. Hinter der Quelle verschwindet er aber erst einmal…

Sprecher:
1320 Kilometer lang ist sein Weg. Er beginnt in den Schweizer Alpen, durchquert Frankreich, Deutschland und die Niederlande, um sich am Ende in den Wellen der Nordsee aufzulösen. Sie wissen längst, von welchem Wanderer hier die Rede ist: Vom Rhein, dem größten Fluss Deutschlands und einem der wichtigsten in ganz Europa. Der Rhein war und ist nicht nur Wasserstraße und Transportweg. Mit den Geschichten, die sich um ihn ranken, der Vielzahl von Gedichten und literarischen Beschreibungen ist er in Deutschland ein Stück Kulturgut geworden – und angesichts der zwei Millionen Touristen, die der Fluss jedes Jahr anzieht, ist er auch ein beliebtes Ausflugsziel. Die Menschen, die am Ufer des Rheines wohnen, von ihm und mit ihm leben, entwickeln oft mehr als eine nur praktische Beziehung zu ihm.

Sprecherin:
Vom Rhein leben viele Menschen. Die Besatzung der Transportschiffe und Ausflugsdampfer, Weinbauern und nicht zuletzt die vielen Gaststätten und Cafébesitzer. Fischer sind eine Seltenheit geworden am Rhein. Umso mehr findet man dafür Verkäufer von Andenken und Süßigkeiten. Heiko Dietrich übt einen alten, aber immer noch aktuellen Beruf am Rhein aus. Er ist Fährschiffer im Süden von Köln, wo es keine Brücke mehr gibt, die den Übergang ermöglicht. Allerdings lenkt Heiko Dietrich keine große Autofähre, sondern transportiert mit einem selbst konstruierten 18-Personenboot rund acht Monate im Jahr Fußgänger und Radfahrer über den Rhein.

Heiko Dietrich:

"Dieses Jahr hab 'n wir angefangen, 15. Februar und eigentlich im Grunde genommen täglich, wenn schlechtes Wetter war, dann ist hier geschlossen, also wenn es wirklich intensiv regnet macht man zu – und sonst eben in jedem Fall die volle Stunde einmal hin und her. Und das ganze geht dann so von 11 Uhr vormittags bis in der Regel bis acht Uhr. Und wenn halt viele Leute da sind, dann fährt man auch mal zwischendurch. Also im Grunde genommen in den fünf Monaten im Winter dann wird das Schiff halt eben erst mal auf Vordermann wieder gebracht, anstreichen und dann kann man sich mal um die Buchhaltung kümmern – solche Dinge, vielleicht springt ja auch mal 'n kleiner 14-tägiger Urlaub bei rum."


Sprecher:

Im Winter bringt Heiko Dietrich seine Fähre auf Vordermann, eine sehr gebräuchliche Redewendung, um auszudrücken, dass man etwas ausbessert und wieder in einen guten Zustand versetzt. Außerdem sagt er, vielleicht springt ja auch ein kleiner Urlaub dabei herum. Um auszudrücken, dass eine Arbeit oder ein Geschäft einen zusätzlichen Gewinn einbringt, gibt es die beiden Formeln Es springt etwas dabei heraus oder Es kommt etwas dabei herum. In der Alltagssprache vermischen sich diese Formen auch manchmal wie bei Heiko Dietrich.

Sprecherin:

Heiko Dietrich hat früher als gelernter Tischler gearbeitet, war lange als Transportschiffer in Westeuropa unterwegs und hat auch einige Zeit Industriedesign studiert. Als er sich niederlassen wollte, kam ihm dann die Gelegenheit mit dem kleinen Fährschiff gerade Recht.

Heiko Dietrich:

"Das hat sicherlich auch 'ne romantische Seite. Das können Sie nicht so auf Anhieb erklären, was, was ausmacht, vielleicht so 'n bisschen Huckleberryfinnmäßig, ne. Ich finde diese Geschichte irgendwo bezeichnend."

Sprecher:

Neben dem praktischen Nutzen war es auch ein bisschen jugendliches Abenteurertum, das den weit gereisten Tischler zum Fährmann machte. Gerade so wie die amerikanische Romanfigur Huckleberry Finn es vorlebt. Wenn Heiko Dietrich davon spricht, dass seine Entscheidung für die Fähre sicher etwas Huckleberryfinnmäßiges habe, dann benutzt er eine Nachsilbe, die sehr in Mode ist. Anstatt von großartig sprechen viele von spitzenmäßig. Genauso spricht man von arbeitsmäßig, beziehungsmäßig und freizeitmäßig – und hängt so die Nachsilbe mäßig an alles, womit man einen Zusammenhang ausdrücken möchte.

Sprecherin:

Einige Rheinkilometer weiter südlich steige ich um auf das Boot von Peter König. Er ist Wasserschutzpolizist und überwacht mit seinen Kollegen den Schiffsverkehr. Lastkähne ziehen täglich an seiner Dienststelle vorüber und regelmäßig werden einige von ihnen kontrolliert, ob sie genug Personal an Bord haben, ob der Fahrtenschreiber stimmt oder die Papiere in Ordnung sind.

Peter König:

"Die Wasserschutzpolizeien haben insgesamt ein Schiffskontrollsystem ausgearbeitet, um zu vermeiden, dass die Schifffahrt, dass diese Fahrzeuge so häufig kontrolliert werden. Und man hat einen Vier-Wochen-Rhythmus dabei berücksichtigt, so dass innerhalb von vier Wochen ein Schiff nicht zweimal kontrolliert wird, wenn nicht irgendwelche Auffälligkeiten sind. Natürlich haben wir auch unsere Pappenheimer, die wir nicht vier Wochen lang so rumfahren lassen, wo wir genau wissen, dass die doch zu denjenigen gehören, die des Öfteren die Fahrzeit überschreiten, die ohne die ausreichende Besatzung fahren, oder bei denen technische Mängel sind, die sie nicht beheben wollen, und diese Fahrzeuge kontrollieren wir dann natürlich häufiger."

Sprecher:

In der Umgangssprache findet sich oft auch ein Stück Literatur wieder. Peter König hat beziehungsweise kennt seine Pappenheimer, die er öfter kontrollieren muss, als andere Schiffer. Die sehr verbreitete Wendung Ich kenne meine Pappenheimer stammt aus dem Stück Wallensteins Tod von Friedrich Schiller. Es bedeutet, dass man die Schwächen bestimmter Menschen genau kennt und weiß, was man von ihnen zu erwarten hat.

Sprecherin:

Bevor Peter König zur Polizei ging, arbeitete er als Schiffsjunge auf dem Schiff seines Vaters und legte seine Matrosenprüfung ab. Seine besondere Beziehung zum Rhein hat er bis heute behalten.

Peter König:

"Mit dem Wasser bin ich schon sehr stark verbunden und ich wäre mit Sicherheit nicht bei der Landpolizei geblieben. Ich musste ja zunächst, nachdem ich aus der Schifffahrt ausgestiegen und bei der Polizei eingestiegen bin, musste ich drei Jahre zur Polizeischule gehen und wurde dann zur Landpolizei des Polizeipräsidiums Düsseldorf versetzt und das hat mich sehr gewurmt, so dass ich also meine Bestrebungen in Gange setzte, von der Polizei Düsseldorf zur Wasserschutzpolizei zu kommen, denn an Land wäre ich wahrscheinlich doch nicht so glücklich gewesen wie ich das eben bei der Wasserschutzpolizei bin."

Sprecher:

Während seiner Ausbildung musste Peter König einige Zeit bei der Landpolizei arbeiten. Das hat ihn sehr gewurmt, wie er sagt, ein allgemein üblicher Ausdruck, der benutzt wird, wenn einen etwas stört oder ärgert. Will man ausdrücken, dass eine Sache einen Fehler hat und nicht funktioniert oder funktionieren wird, dann gibt es dafür auch die Wendung Da ist der Wurm drin.

Sprecherin:

Zum Schluss meiner Rheinreise treffe ich den Kunsthistoriker Dr. Tümmers. Er hat eine Liebe ganz besonderer Art zum Rhein entwickelt. Immer wieder hat er sich in seinem Leben mit der Geschichte des Rheines beschäftigt. Von Dr. Tümmers kann ich erfahren, was es mit der so genannten Rheinromantik auf sich hat.

Dr. Horst Johannes Tümmers:

"Es gibt ja gerade im Mittelrheinabschnitt das Phänomen der, der Rheinromantik. Da beginnen plötzlich zu Anfang des 19. Jahrhunderts, beginnen die Leute vom Rhein zu schwärmen, bis heute. Vorher, im 18., 17, 16. Jahrhundert, hat der Rhein keine besondere Figur gemacht. Der taucht wie jeder andere Fluss in den Beschreibungen auf, aber man hat nichts von ihm daher gemacht. Aber 1800 etwa, kurz nach 1800, beginnt durch die Romantiker, beginnt plötzlich eine Völkerwanderung zum Rhein, hängt mit der Romantik zusammen, mit der Naturschwärmerei, die es vorher im 17. Jahrhundert, 18. Jahrhundert seit des Barock nicht gab. Das war 'ne Modeerscheinung und hat eine kurze Weile lang wirklich Dichtung, Musik stimuliert, aber dann – je mehr er so ins breite, Volk drang – wurde daraus die erste Erscheinung des modernen Massentourismus."

Sprecher:

Dr. Tümmers sagte vorhin, der Rhein habe im 16., 17. und 18. Jahrhundert keine besondere Figur gemacht. Man habe von ihm nichts daher gemacht, bis dann die romantischen Dichter kamen. Die beiden Redewendungen Er macht keine besondere Figur und Er macht etwas oder nichts her werden für Vieles benutzt – für Menschen genauso wie für Gegenstände. Hat sich jemand schlecht gekleidet oder nicht klug verhalten, sagt man Er macht keine besondere Figur. Und wenn jemand sein Auto besonders sauber poliert, dann macht sein Auto etwas her, was aber auch sehr übertrieben wirken kann.

Sprecherin:

Nicht nur die romantischen Gefühle wandeln sich im Laufe der Zeit. Auch der Rhein selbst hat deutlich sein Gesicht verändert. In großen Teilen reguliert und kanalisiert, verdrängt der praktische Nutzen oft notwendigerweise die Schönheit.

Dr. Horst Johannes Tümmers:

"Ein Beispiel von der Quelle oben in Graubünden, am Vorderrhein – und der Rhein hat zwei Quellflüsse, den Vorderrhein und den Hinterrhein – und ich war natürlich fühlte mich erhoben an der Quelle des großen Rheins zu stehen, und Hölderlin kam mir ins Gedächtnis und Goethe, und es war alles sehr feierlich, und dann bin ich dem jungen Rhein also gefolgt und da erlebte ich doch was ganz Merkwürdiges: etwa 200 Meter unterhalb dieses kleinen Wasserfalls war der Rhein plötzlich vom Erdboden verschwunden. Und ich bin dann der Sache nachgegangen und kam dahinter, dass auf der Höhenmarke 1800 Meter etwa die Kraftwerke Vorderrhein sämtliche Quellgewässer des Vorderrheins einsammeln, so wie so 'n Gully sieht das aus, und dann 40 Kilometer weit in unterirdischen Leitungen zusammengeführt in einen Stausee. Und von da aus geht's hinunter auf ein Kraftwerk – liegt tief im Fels – und da treibt der Rhein zum ersten Mal die Turbinen. Dann darf der Rhein nicht etwa in sein angestammtes Bett, sondern er wird weiter noch mal 30 Kilometer tief im Fels weit geführt zum zweiten Kraftwerk, treibt noch mal die Turbinen und dann darf er in den Fluss zurück."



Fragen zum Text

Jemand erhält einen für ihn einträglichen Job. Für ihn …

1. kommt etwas dabei heraus.

2. springt etwas dabei heraus.

3. springt etwas dabei herauf.

Der Rhein hat … eine besondere Anziehungskraft ausgeübt.
1. bereits seit dem 16. Jahrhundert
2. erst im 19. Jahrhundert
3. schon im 17. Jahrhundert

Die Redewendung Ich kenne meine Pappenheimer trifft zu auf …

1. Menschen, die einem nicht bekannt sind.

2. Bewohner der bayerischen Stadt Pappenheim.

3. Menschen, deren Schwächen man kennt.

Arbeitsauftrag

Suchen Sie sich eine Stadt am Rhein aus. Erstellen Sie ein schriftliches Porträt in Form eines Rundgangs: Sie sind der Fremdenführer/die Fremdenführerin und möchten ihrer Gruppe alles Wissenswerte über die Stadt ihrer Wahl erzählen. Reichern Sie Ihr Porträt eventuell durch Fotos und/oder Audios an und präsentieren es anschließend in Ihrer Gruppe.

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