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Ostmitteleuropa

Rezession auf dem Markt der Tagespresse in Polen stellt die Existenz zweier Zeitungen in Frage

- Krise auf dem Werbemarkt verursacht starken Rückgang der Verkaufszahlen

Warschau, 21.11.2002, RZECZPOSPOLITA, poln.,

Die Lage der Zeitung ZYCIE ist im Vergleich zu anderen Tageszeitungen dramatisch. Ähnlich ist es auch um die Zeitung TRYBUNA bestellt. Die bei den beiden Zeitungen beschäftigten Journalisten überlegen schon, in einen Streik zu treten. In der Zeit einer Rezession bekommen die sogenannten "Parteiblätter", die sich an eine kleinere Lesergruppe richten, die Folgen der Rezession als erste zu spüren.

Die Mittwochsausgabe der Zeitung ZYCIE sollte eigentlich nicht erscheinen. Die verzweifelten Journalisten, die seit zwei Monaten kein Gehalt bekommen, beabsichtigten, die Mittwochsausgabe mit Verspätung herauszubringen oder sie überhaupt zu stoppen. "Wir mussten aber aufgeben, weil die Leitung uns drohte, dass wir überhaupt kein Geld mehr bekommen und dann wurden kleine Summe auf unsere Konten tatsächlich überwiesen", sagte einer der Journalisten, der bei der Zeitung ZYCIE arbeitet und unbedingt anonym bleiben möchte. Nach Schätzungen der Beschäftigten beläuft sich die gesamte Summe der nicht bezahlten Honorare auf 600 000 bis 700 000 Zloty (ca. 150 000 bis 175 000 Euro). (...) Die Tagesausgabe der Zeitung ZYCIE wird von 36 Personen vorbereitet, darunter von lediglich 18 Journalisten, die die Artikel verfassen. Der Verleger der Zeitung ZYCIE d.h. Dom Wydawniczy "Wolne Slowo" (Verlagshaus "Freies Wort") hat jedoch keine Zeit gefunden, mit den Beschäftigten zu sprechen. (...)

Für heute ist ein weiteres Treffen zwischen der Leitung dieser Zeitung und dem Inhaber geplant. "Die Wahrheit ist jedoch, dass wir überhaupt nicht wissen, was man machen soll. Alle potenziellen Lösungen sind hoffnungslos. Wenn wir in einen Streik treten, sehen wir überhaupt kein Geld mehr", sagen die Journalisten.

Die Stimmung bei der Zeitung TRYBUNA ist ähnlich schlecht. Gestern wurden von dem Verlagshaus Ad Novum der Zentrale der Gewerkschaft zwei Listen übergeben. Die erste Liste enthält die Namen von 28 Beschäftigten, die entlassen werden und auf der zweiten Liste wurden weitere 28 Arbeitnehmer genannt, die eine Änderungskündigung erhalten sollen. (...)

"Wir halten uns an das Gesetz über Massenentlassungen", versichert Krzysztof Spychalski, Direktor des Verlages Ad Novum und fügt hinzu: "Wir können solch einen Zustand nicht akzeptieren, in dem die Kosten die Einnahmen weit übersteigen, vor allem im Hinblick auf die Gläubiger sowie die Eigentümer und die potenziellen Investoren".

In den geplanten Änderungskündigungen ist die Kürzung der Honorare und der Gehälter um 50 Prozent vorgesehen. Die Kürzungen bei den Verwatungs- und Gehaltskosten sollen Einsparungen in Höhe von 300 000 Zloty (etwa 75 000 Euro) im Monat bringen. Die Gesamtkosten im Jahr sollen um 3,6 Millionen Zloty (ca. 900 000 Euro) gesenkt werden.

Bedeuten die Probleme der zwei "Parteiblätter" das Ende der Zeitungen, die einer bestimmten politischen Gruppierung dienen? Dr. Ryszard Fijas vom Zentrum für Presseuntersuchungen an der Jagiellonen Universität in Krakau sagt, dass es nicht so eindeutig sei. "Die beiden Zeitungen genießen zwar den Ruf, politisch sehr genau positioniert zu sein und auf eine bestimmte Leserschaft zu zielen, aber die sinkenden Verkaufszahlen und darüber hinaus auch die geringere Leserzahl haben verschiedenen Ursachen. Es ist also schwierig, eine Gemeinsamkeit zu finden. Im Falle der Zeitung TRYBUNA lag der Fehler daran, den Inhalt an eine kleine und ältere Leserschaft anzupassen, die diese Zeitung in der Gierek-Ära (siebziger Jahre - MD.) zu lesen begann. Diese Gruppe stirbt jedoch aus und die Leserschaft der TRYBUNA wird immer kleiner und es werden keine neuen Leser gewonnen", sagt Dr. Fijas.

Die als "Blatt der rechten Parteien" eingestufte Zeitung ZYCIE, die ihren Höhepunkt kurz nach der Gründung d.h. 1996 feierte, verlor trotz der Nähe zu der Partei AWS (Wahlaktion Solidarnosc) systematisch ihre Leser. Nach Ansicht von Dr. Fijas sind die Ursachen für die gegenwärtigen Probleme dieser Tageszeitung auf Geldmangel zurück zu führen. "Eine Zeitung ist kein Geschäft für ein oder zwei Jahre. Bei der Zeitung ZYCIE wurden jedoch zuerst die regionalen Ausgaben abgeschafft und dann wurde auf die Korrespondenten in ganz Polen und auch im Ausland verzichtet. Diese Zeitung verlor nach und nach an Inhalt", behauptet Dr. Ryszard Fijas.

Es lässt sich jedoch nicht verbergen, dass die Krise auf dem Werbemarkt in Polen alle Zeitungen und Zeitschriften trifft. Aus den Angaben des Verbandes für die Kontrolle der Distribution der Presse geht hervor, dass ein bedeutender Verkaufsrückgang bei allen Tageszeitungen zu verzeichnen ist. (...)

Nur bei der Zeitung RZECZPOSPOLITA haben sich die Verkaufzahlen im Vergleich zum dritten Quartal des vergangenen Jahres nicht geändert. Die Zeitung DZIENNIK SPORTOWY (Sportzeitung) verzeichnete sogar einen Anstieg der Leser um 14,5 Prozent. Alle anderen Zeitungen mussten jedoch Verluste hinnehmen. Die Zeitung ZYCIE 20 Prozent, TRYBUNA 12 Prozent, SUPER EXPRESS acht Prozent, GAZETA WYBORCZA 7,5 Prozent, PULS BISNESU 5,5 Prozent sowie die Zeitung PARKIET drei Prozent. (...)

"Nach den Prognosen des Weltverbandes der Presseherausgeber wird der Verkauf von Tageszeitungen in der nächsten Zukunft um etwa 6,2 Prozent im Jahr steigen. Auch die Gewinne aus der Werbung sollen wachsen, und zwar um etwa acht Prozent im Jahr. Die Bedingung dafür ist jedoch die Anpassung der Zeitungen an die Bedürfnisse der Leser und der Werbeauftraggeber. Dabei handelt es sich um die genaue Bestimmung der Zielgruppen, eine größere Flexibilität, auf die Wunsche der Leser einzugehen, sowie um die Anwendung neuester Technologien und die Erhöhung der Produktivität," sagte der Vorsitzende der Kammer der Presseherausgeber auf dem 6. Kongress der Medien und des Marketings in Szczecin (Stettin).

Wieslaw Podkanski, der Vorsitzende des Verlages Axel Springer Polska, der nach unbestätigten Informationen eine neue gesamtpolnische Tageszeitung auf den polnischen Markt bringen will, vertritt jedoch optimistische Ansichten. "Ich glaube daran, dass es durchaus eine Zukunft für die Presse gibt. Aber die Zeitungen werden etwas anders aussehen oder auf einem anderen Weg die Leser erreichen. Vieles deutet darauf hin, dass es sogar auf dem polnischen Markt Platz für eine weitere Tageszeitung gibt", behauptet Wieslaw Podkanski. (Sta)

  • Datum 25.11.2002
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