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Kultur

Revolution der Generation web 2.0

Ob beim Protest gegen das Bahnprojekt "Stuttgart21" oder den Aufständen in Tunesien oder Ägypten: Soziale Netzwerke wie Twitter und Facebook helfen, Massen zu mobilisieren. Ein Gespräch mit Journalistin Mercedes Bunz.

Ein Ägypter in einem Internetcafe (Foto: dpa)

Mercedes Bunz schreibt über Themen wie Digitalisierung und Internet. Auf ihrer Homepage nennt sie sich selbst einen "Digital Thinker". Im Herbst erscheint ein Buch von ihr über Algorithmen.

DW-WORLD.DE: Frau Bunz, welche Bedeutungen spielen Twitter und Blogs Ihrer Meinung nach im politischen Leben?

Mercedes Bunz: Wir sehen ja jetzt gerade an den Aufständen im arabischen Raum, dass sie offensichtlich eine große politische Bedeutung haben können. Man kann das ein bisschen so sehen, als ob wir in der Vergangenheit eigentlich diese sozialen Medien eher als Testlauf benutzt haben. Wir haben mit ihnen geübt, um den Kanal offen zu halten und jetzt sehen wir, wie dieser Kanal politisch eingesetzt werden kann. Bei den Protesten gegen das Bahnhofsprojekt "Stuttgart21" ist Twitter auch schon zum Einsatz gekommen. Die Bahnhofsgegener haben sich darüber verabredet oder ausgetauscht. Jetzt sehen wir wirklich, was für eine Auswirkung soziale Netzwerke in Ländern haben können, in denen es keine freie Presse gibt. So haben die Leute die Chance, sich auch weiter untereinander kurzzuschließen und zu informieren.

Sie sind also der Meinung, dass das Internet gerade für die Protestbewegungen in Tunesien und Ägypten eine große Rolle spielt?

Absolut, man kann ganz eindeutig davon ausgehen, dass Facebook in der tunesischen Revolution das wichtigste Nachrichtenmedium gewesen ist. Das Begräbnis des Straßenverkäufers, der sich angezündet hatte, wurde auf Facebook gepostet, und es gibt dort mehrere Fanpages mit zahlreichen Videos. Die Jugendlichen, die da auf die Straße gehen - und zu 50 Prozent besteht die Bevölkerung ja aus Jugendlichen -, die proben einen Aufstand mit Mobiltelefon und posten das, was sie da sehen oder erleben, dann auf Facebook.

Woran liegt es, dass die sozialen Netzwerke da so einen hohen Stellenwert haben? Liegt es vielleicht daran, dass die Medien in Ägypten und Tunesien einer gewissen Zensur unterliegen?

Das liegt absolut daran, ja. Wir sehen natürlich auch, dass in diesem Raum der arabische Fernsehsender Al-Dschasira eine sehr wichtige Rolle spielt. Nicht umsonst hat man Al-Dschasira aus Ägypten ausgeschlossen vor kurzem, aber soziale Medien rücken in diesem Moment, wo es Zensur gibt, an die Stelle. Man spricht auch von sogenannten Schattennachrichtenagenturen.

Ägypten ist eigentlich ein sehr modernes arabisches Land. Twittern und bloggen – was bedeutet das in der ägyptischen Gesellschaft tatsächlich, oder gehört das eher zur Jugendkultur?

Zum einem müssen wir sagen, Ägypten erscheint uns als ein sehr modernes Land, weil wir es als Touristenort wahrgenommen haben. Tatsächlich herrscht dort ein Diktator seit Jahrzehnten, und Blogger sind auch in der Vergangenheit im Gefängnis gelandet, wenn sie politische Äußerungen unter die Leute gebracht haben. Es ist ähnlich wie China zu beurteilen. Jetzt sehen wir die Befreiung, weil die Leute genug davon haben. Und natürlich ist es so, dass in Ländern, in denen die Bevölkerung sehr jung ist – das ist bei uns nicht anders - gerne soziale Medien genutzt werden. In Tunesien sind 18 Prozent der Bevölkerung bei Facebook angemeldet gewesen, und das wurden dann im Laufe der Zeit immer mehr.

Wie weit sind denn die sozialen Netzwerke in Ägypten und Tunesien verbreitet? Wieviele Nutzer gibt es in der Provinz?

Das ist natürlich schwierig. Es hat ein kleinerer Prozentsatz in Ägypten Internet. Ich glaube, in Tunesien waren es vier Millionen. Aber es ist dann natürlich auch so, dass sich einige Leute über das Internet informieren und ihr Wissen weiter tragen an ihre Freunde und weitere Freunde. Ich glaube, diese Aufstände, die wir da jetzt erleben, die sind nicht aufgrund von Facebook oder Twitter entstanden, aber Facebook und Twitter helfen den Menschen dabei, sich zu organisieren. Was für uns aus dem Westen sehr interessant ist: Wir hören zum ersten mal die Stimmen von gemäßigten, ganz normalen Leuten, die sagen, dass sie das nicht mehr mitmachen, die eine Ausbildung haben und die in diesem Land keine Chance für sich sehen, aber für ein besseres Leben etwas riskieren möchten.

Das Gespräch führte Klaus Gehrke

Redaktion: Sabine Oelze

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