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Kultur

Revolution auf der Leinwand

Junge Filmemacher aus Kairo und Tunis beteiligen sich am Talent Campus der Berlinale. Auch wenn ihre Filme nicht im Programm laufen, nutzen sie die Chance, ihren Forderungen nach künstlerischer Freiheit Luft zu machen.

Filmsplakat von 'The Ring Road'

Es wird auch Arabisch gesprochen auf der Berlinale. Der so genannte Talent Campus gleicht einer Art Nachwuchsförderung des Festivals. Gut 200 junge Filmemacher und Produzenten, die für eine Woche aus der ganzen Welt eingeladen sind, diskutieren unter dem Dach des Hebbel-Theaters über Gelder, Förderungen, und wie man sich durchboxt auf dem überfüllten Markt. Unter ihnen sind auch Hisham Saqr und Tamer Ezzat aus Ägypten. Saqr hat den Film "The Ring Road" gedreht und produziert, der im letzten Jahr auf dem Cairo International Film Festival gezeigt wurde. Protagonist ist ein investigativer Journalist, der für eine fiktionale Zeitung arbeitet und sich an die Fersen eines mächtigen Geschäftsmannes heftet, von dem er annimmt, dass dieser mit Nieren-Filtern für Dialyse-Patienten handelt. "Ich bin sehr traurig", sagt Hisham Saqr. "Am liebsten wäre ich jetzt in Kairo. Ich bin wirklich sehr stolz auf alles, was wir erreicht haben. Damit hat niemand gerechnet." Hisham Saqrs Kollege Tamer Ezzat schaut ständig auf sein I-pod. Die Revolution im Großen ist gelaufen. Der Wandel im Kleinen fängt jetzt erst an. "Die Filmschaffenden in Kairo fordern, dass die ägyptische Behörde, die bisher für die Zensur von Filmen stand, neu überdacht und reformiert wird", so Tamer Ezzat. "Ich weiß nicht, was dabei herauskommen wird. Aber ich bin zuversichtlich, dass am Ende mehr Freiheit stehen wird und wir in fünf Jahren dort sind, wo wir als Filmemacher hinwollen."

Kein Platz für Subkultur


Filmszene aus 'Ring Road' des ägyptischen Regisseurs Tamer Ezzat

Szene aus dem Film 'The Ring Road' von Tamer Ezzat

Noch in der Mubarak-Ära sind vier unabhängige Filme entstanden. Einer davon "Microphone". Nicht nur im Ausland, auch auf den Festivals in Tunis und Kairo erhielt er Preise und Auszeichnungen. Die Geschichte handelt von Khaled, der aus der Fremde nach Alexandria zurückkehrt. Dort trifft er seine Ex-Freundin, die ihrerseits ans Auswandern denkt. "Es geht um Formen der Subkultur", sagt Hisham Saqr, der den Film geschnitten hat. "Die Schauspieler in dem Film stehen für alles, was wir selbst mitgemacht haben. Es geht um die Möglichkeit, sich als Künstler frei auszudrücken. Musiker im Untergrund in Alexandria etwa hatten bislang keine Proberäume, konnten nicht auftreten. Manchmal nur aus dem Grund, weil sie sich dem Kommerz verweigern." "Microphone" nimmt vorweg, was jetzt binnen weniger Tage wahr wurde: die Wut auf ein Regime, der Kampf gegen die Drangsalierung im Alltag, der Ruf nach einem Umsturz. Bemerkenswert ist die Solidarität gegenüber dem unabhängigen Film in Ägypten: Stars und bekannte Schauspieler treten ohne Gage vor die Kamera, weil es ihnen um vernachlässigte Themen und neue Erzählformen geht.

Tunesien: Land ohne Filmindustrie


Der tunesische Filmemacher und Produzent Ben Hamra

Der tunesische Filmemacher Mohamed Ali Ben Hamra

In Tunesien kam die Revolution einen Monat früher. Aber die Probleme sind zum Teil andere als in Ägypten, dem großen Filmland Arabiens, das in manchen Jahren bis zu 50 Filme produziert, darunter auch viele kommerzielle Produktionen, die US-amerikanischen Blockbustern ähneln. Mohamed Ali Ben Hamra ist ein junger Autor und Produzent aus Tunis, der mittlerweile ein Standbein in Italien hat. "Das größte Problem ist, wie unabhängige Filmemacher ihre Filme finanzieren können. In Tunesien ist es genau als in Ägypten. Bei uns gibt es keine Filmindustrie. Es entstehen drei große Filme pro Jahr. Aber es gibt genügend junge Leute, die mit Mikrophon und Kamera eine Geschichte erzählen wollen." Nach Meinung von Ben Hamra kommt in Tunesien noch ein Konflikt der Generationen hinzu. "Damals war ich 24, ich hatte einen langen Film gemacht, und drei kurze", erinnert er sich. "Ich wollte in den Verband der Filmproduzenten. Dessen Präsident hat selbst nur zwei Filme gedreht. Aber er meinte: Glaubst du etwa das ist Kino, was du da machst?"

Angst vor Zensur


Ben Hamra drehte mit modernster Kamera-Technik, betont er. Die ältere Generation in Tunesien kenne sich mit digitalem Kino nicht aus. "Doch ausgerechnet diese Verbandsleute dürfen nach Cannes zum Festival reisen, um dort Tunesien repräsentieren. Sie lassen es sich dort in Pavillons gut gehen ohne sich für den Filmmarkt zu interessieren. So etwas ist unglaublich."
In den Wettbewerben der Berlinale sucht man ägyptische oder arabische Filme vergeblich dieses Jahr. Auf die Idee, etwas von Tamer oder Hishams Filmen zu zeigen, ist auf dem Talent Campus keiner gekommen. Auf diese Weise erfahren nur wenige von der Willkür und Selbstzensur in ihren Ländern. "Ich hatte ein Drehbuch über die Liebe einer koptischen Christin zu einem Muslim geschrieben. Ausgehend von einer echten Geschichte", erzählt Tamer. "Das Ende der Geschichte habe ich abgeändert, aus Angst vor der Zensur. Es war klar: wenn ich die Figuren im Film am Ende heiraten lasse, wird es zensiert. Und ich hatte recht", so Tamer. Die Zensurbehörde befürchtet religiöse Spannungen. Ein Drehbuch kann schnell als Gefährdung der Staatssicherheit ausgelegt werden. Tamer und Hisham wünschen sich zudem, dass der Westen sein Bild von der arabischen Welt ändert. "Ich will als Filmemacher in Ägypten nicht andauernd Klischees erfüllen, nur um an europäische Fördergelder zu kommen", sagt Tamer. "Statt über Selbstmord-Attentäter möchte ich vielleicht ein Drehbuch über meinem Freund schreiben, der nicht genügend Geld hat, um zu heiraten und sich ein eigenes Zuhause zu leisten."

Autor: Martin Gerner

Redaktion: Sabine Oelze