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Nahost

"Revolution 2.0 - diesmal gegen das Militär"

Erneut Tote und Verletzte in Ägypten - die gewalttägigen Auseinandersetzungen gehen unvermindert weiter. Die DW hat mit dem Journalisten Karim El-Gawhary gesprochen, der Augenzeuge der jüngsten Proteste in Kairo war.

DW: Erst vor wenigen Tagen gab es in Port Said mehr als 70 Tote nach einem Fußballspiel - das war der Auslöser für neue Unruhen in Ägypten, vor allem in Kairo. Herr El-Gawhary, Sie waren in der Nacht zum Samstag bis nach Mitternacht auf dem Tahrir-Platz. Wie haben Sie die dortigen Proteste erlebt?

Karim El-Gawhary: Wütende junge Männer, vor allem Fußballfans, hatten sich rund um das Innenministerium versammelt. Dazwischen lagen sehr viele Verletzte; Krankenwagen fuhren dort hinein und hinaus. Inzwischen zählt man 1.500 Verletzte. In Suez und Kairo kamen insgesamt sechs Menschen zu Tode, fünf Demonstranten und ein Polizeioffizier, der von einem Polizeifahrzeug überrollt wurde. Interessant ist, wie sich die Leute hier inzwischen organisiert haben: Jeder hat eine Gasmaske zuhause, und alle wissen, wie sie sich verhalten müssen. Zehntausende standen auf dem Platz und in den umliegenden Straßen - und trotzdem gab es immer einen Korridor, den die Menschenmassen freigelassen haben als Passage für die Krankenwagen. Es hat sich eine fast beunruhigende "Aufstandsroutine" eingeschlichen.

Kann man angesichts dieser Ereignisse schon von einem zweiten Arabischen Frühling sprechen?

Der deutsch-ägyptische Journalist Karim El-Gawhary (Foto: ORF)

Als Journalist mitten im Geschehen: Karim El-Gawhary

Die Menschen auf dem Tahrirplatz wünschen sich diese Fortschreibung. Sie betrachten ihre Revolution als unvollendet. Das Militär hat sich an die Stelle Hosni Mubaraks gesetzt und das System über die erste Revolution hinweggerettet. Jetzt erleben wir eine "Revolution 2.0" - nur diesmal richtet sie sich nicht gegen einen Diktator, sondern gegen das Militär, das seit mehr als 60 Jahren eng mit der Politik verwoben war. Die Leute wissen, dass ohne Druck nichts passieren wird, und dass sie nun auf sich selbst gestellt sind. Sonst bewegt sich in dieser Region überhaupt nichts.

In welche Richtung entwickeln sich die Proteste? Gibt es Unterschiede zu den Auseinandersetzungen vor einigen Monaten?

Die Polizei scheint defensiver vorzugehen als noch im Winter vergangenen Jahres. Die Truppen sind demoralisiert. Doch auch auf der Seite der Demonstranten kommt es immer wieder zu Diskussionen, wie es weitergehen soll. Im hinteren Teil des Tahrir-Platzes werden Strategiedebatten geführt, Sinn und Zweck der vielen Opfer werden in Frage gestellt. Manche versuchen auch, die jungen Männer zurückzuhalten, und meinen, dass man erst sicher stellen müsse, dass es auch politisch weiter geht.

De facto regiert noch immer der Militärrat. Aber seit zwei Wochen ist ein gewähltes Parlament im Amt. Wie positioniert sich hier die Muslimbruderschaft?

Mohamed Saad al-Katatni von der Muslimbrüderschaft spricht zum Parlament (Foto: REUTERS/Khaled Elfiq/Pool)

Unter Druck: Im Parlament sind die Muslimbrüder stärkste Kraft

Die Muslimbruderschaft, die stärkste parlamentarische Kraft, sitzt zwischen den Stühlen: Einerseits wollen sie ihr Verhältnis zum Militärrat aufrecht erhalten, andererseits stehen sie selbst unter dem Druck der Straße: Ihre Basis fordert, dass sie etwas unternehmen. Das ist eine gefährliche Zwickmühle. Die Muslimbrüder müssen entscheiden, ob sie weiter einen Schmusekurs mit dem Militär fahren, oder ob sie der Straße folgen und den Militärrat dazu zwingen abzutreten. Sie haben das algerische Szenario im Hinterkopf, wo 1992 die Islamisten einen Wahlsieg errungen hatten, den ihnen das Militär durch einen Putsch sofort entrissen hat. Es sieht in den letzten Tagen dennoch so aus, als würde die Muslimbruderschaft mit dem Militärrat auf Konfrontation gehen.

Wie wird sich der Militärrat verhalten?

Diese Frage ist schwer zu beantworten. Ein zentraler Punkt wird sein, wie das Militär zusammenhält. Wir bekommen immer wieder erzählt, dass innerhalb des Militärs viele aufbegehren, weil man ihrer Ansicht nach die ursprüngliche Strategie nicht vollendet hat, weil man sich aus der Politik nicht zurückzieht. Doch diese Entwicklung ist intransparent und daher von außen kaum zu beurteilen.

Ist mit einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitslage zu rechnen?

Sicherheitskräfte und Demonstranten stehen sich bei den Ausschreitungen in Kairo gegenüber (Foto: REUTERS/Mohamed Abd El-Ghany)

Für die Demonstranten geht die Revolution weiter

Das Schlimmste wäre, wenn das Chaos noch größer wird. Der Verdacht liegt nahe, dass es ohnehin ein organisiertes Chaos ist: Es gab ja nicht nur diese Ausschreitungen nach dem Fußballspiel in Port Said sondern auch mehrere bewaffnete Banküberfälle - die Kriminalitätsrate ist in atemberaubende Höhen geschnellt. Vor dem Innenministerium verlieren junge Menschen ihr Leben oder zumindest ihre Augen, weil mit Schrotflinten in die Menge geschossen wird. Die Sicherheitslage könnte weiter eskalieren.

Was wäre das alternative Szenario?

Das Beste wäre, wenn das Militär seine Macht an eine zivile Autorität abgeben würde. Zum Beispiel könnte es seine Exekutivmacht an den Parlamentspräsidenten abtreten, damit der dann Präsidentschaftswahlen ausruft.

In Syrien sind in der letzten Nacht nach Oppositionsangaben mehr als 200 Menschen bei Krawallen umgekommen. Sehen Sie einen Zusammenhang?

Was in Syrien passiert, betrifft Ägypten ganz unmittelbar. Ich konnte in der vergangenen Nacht beobachten, dass die Demonstranten kurz vor dem Innenministerium abgebogen und Richtung syrische Botschaft marschiert sind. Die syrischen Aufständischen haben auch ein seit Tagen stark frequentiertes Zelt am Tahrir-Platz aufgestellt. Ägypten ist ein Modellfall: Wie gut oder schlecht es hier läuft, kann zum Vorbild für den Rest der arabischen Welt werden - vor allem auch für Syrien.

Das Interview führte Johanna Schmeller.
Redaktion: Klaus Dahmann

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