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Nahost

Revolutionäre proben den nächsten Aufstand

Vor einem Jahr hat in Ägypten der Aufstand gegen das Mubarak-Regime begonnen, doch verändert hat sich seither kaum etwas. Zahlreiche Aktivisten wollen nun erneut in die Offensive gehen und den Militärrat stürzen.

Seine Stimme hat Omar Sabry schon lange verloren. Auch frischer Pfefferminztee hilft nicht gegen seine Heiserkeit. Seit drei Wochen zieht er fast jeden Abend mit anderen Aktivisten durch Heliopolis, einen Stadtteil im Nordosten von Kairo und führt die Sprechchöre an. Er schreit sich seine Wut aus dem Leib, gegen die Lügen des Militärrats, gegen die Gewalt.

Omar Sabry ist Mitte zwanzig, arbeitet als Berater, doch sein Herz gehört der Revolution. Er und seine Mitstreiter wollen die Bevölkerung wachrütteln. Sie zeigen auf öffentlichen Plätzen Videos über das brutale Vorgehen der Polizei und des Militärs gegenüber Demonstranten, bilden Menschenketten, sprayen Graffitis. Sie haben Großes vor, sie wollen die Massen zurück auf die Straße bringen. An diesem Mittwoch, dem 25. Januar - also an dem Tag, an dem vor einem Jahr der Aufstand gegen das Regime Mubarak begonnen hat - wollen sie erneut rebellieren. "Wir müssen unsere Revolution zu Ende führen", sagt Omar.

Das Mubarak-Regime regiert weiter

Omar Sabry schreit sich die Wut aus dem Leib (Bild: Viktoria Kleber)

Omar Sabry schreit sich die Wut aus dem Leib

Denn seit Beginn der Revolution vor einem Jahr hat sich in Ägypten wenig verändert. Zwar ist Husni Mubarak gestürzt, die alte Garde sitzt aber noch immer fest im Sattel, gestützt vom Militärrat. Prozesse gegen den ehemaligen Präsidenten und seine Getreuen werden ständig verschleppt. Bis heute wurde kein einziger Polizist zur Rechenschaft gezogen, der beim Aufstand vor einem Jahr Demonstranten erschoss.

Stattdessen lieferte sich die Polizei weitere Straßenschlachten mit den Demonstranten, bei denen nach Angaben von Revolutionären seit Juli mindestens 120 Menschen getötet und mehr als 6000 verletzt wurden. Damit es keinen Aufschrei wegen Menschenrechtsverletzungen mehr gibt, wurden kritische NGOs geschlossen. Auch Aktivsten und Bloggern wird der Mund verboten. Manche werden von Schergen des Regimes auf der Straße zusammengeschlagen, anderen wird kurzerhand vor dem Militärgericht der Prozess gemacht. Über 12.000 Zivilisten wurden laut Human Rights Watch im Zeitraum eines Jahres vor ein Militärtribunal gestellt, so viele waren es selbst in 30 Jahren Mubarak nicht.

Zum Einjährigen soll der Militärrat gestürzt werden

Ägyptens Feldmarschall Hussein Tantawi ist Vorsitzender des Militärrats (Foto: Reuters)

Ägyptens Feldmarschall Hussein Tantawi ist Vorsitzender des Militärrats

Der Militärrat ist taub für den Aufschrei nach Brot, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit, der vor einem Jahr durch Ägypten schwappte. Die Aktivisten wollen ihn nun stürzen, sie fordern eine sofortige Übergabe der Macht an den Parlamentspräsidenten und eine vorgezogene Präsidentschaftswahl bereits im April statt im Juni. Sie wollen verhindern, dass der Militärrat an der Verfassung mitschreibt.

54 Parteien und politische Bewegungen haben deswegen zu Demonstrationen aufgerufen - in Kairo und landesweit. Doch damit ein weiteres Aufbegehren erfolgreich sein kann, muss es Omar und den anderen Aktivisten gelingen, die Bevölkerung für sich zu gewinnen. Viele Ägypter sind revolutionsmüde, sie wollen Essen, Sicherheit, Stabilität und nicht noch mehr Chaos. Deshalb geht Omar von Stadtviertel zu Stadtviertel, klärt auf mit Fotos, Flyern und Videos.

Der Militärrat droht mit Gewalt

Es sind Bilder, die die Polizei nicht gerne sieht. Ein Kiosk in Heliopolis, der den Aktivisten Strom für die Vorführung zur Verfügung stellt, wird noch am selben Abend geschlossen. Und auch während der Märsche, die zu den Vorführungsplätzen führen, werden Glasflaschen auf die Teilnehmer geworfen. Ein Autofahrer steigt aus, geht auf einen von Omars Freunden zu und schubst ihn zu Boden. Der Marsch blockiere den ganzen Verkehr und überhaupt, sie seien ohnehin vom Ausland bezahlt. "Das geht ans Eingemachte", sagt Omar. Aber auch solche Menschen müssten sie überzeugen. Die Situation in Kairo ist sehr angespannt.

Ägyptens Revolutionäre zeigen Bilder von der Brutalität der Polizei (Foto:Viktoria Kleber)

Ägyptens Revolutionäre zeigen Bilder von der Brutalität der Polizei

Es sind auch die Propagandamühlen des Staatsfernsehens und des Militärrats, gegen die die Aktivisten kämpfen. Der Militärrat will an diesem 25. Januar den ersten Geburtstag der Revolution feiern, fernab von jeglichen Störenfrieden. Feldmarschall Tantawi sprach bereits von schweren Gefahren, denen Ägypten gegenüber stehe und von Menschen, die das Land in Brand setzen wollten. "Die Pläne zielen darauf ab, das Rückgrat Ägyptens, die Armee, zu brechen. Wir werden das nicht erlauben", so Tantawi. Es ist eine offene Drohung an Omar und die anderen Aktivisten. Sie soll ihnen Angst einflößen und sie von weiteren Protesten abhalten.

Muslimbrüder wollen feiern

Laut der ägyptischen Tageszeitung Al Masry Al Youm sollen sogar spezielle Sicherheitskräfte für die Demonstrationen trainiert worden sein. Ihnen sei auch der Einsatz von scharfer Munition erlaubt. Das schreit nach Eskalation.

Die Muslimbrüder sind der klare Gewinner der ägyptischen Parlamentswahlen (Foto:dpa)

Die Muslimbrüder sind der klare Gewinner der ägyptischen Parlamentswahlen

Fernab von jeglichen Demonstrationen halten sich die Muslimbrüder - auch sie wollen den Jahrestag bejubeln. Vor mehr als einem Jahr wurden viele von ihnen noch verfolgt oder saßen in Mubaraks Folterkellern. Heute bilden sie die Mehrheit des ägyptischen Parlaments.

"Wir stehen an einem entscheidenden Punkt", sagt Omar. An diesem 25. Januar werde sich zeigen ob die Protestbewegung noch genügend Kraft hat, um politische Entscheidungen auf der Straße zu erzwingen. Für ein demokratisches Ägypten ist er bereit alles zu geben. "Wenn sie uns angreifen", so sagt er, "empfangen wir ihre Munition mit offenen Armen."

Autorin: Viktoria Kleber
Redaktion: Daniel Scheschkewitz

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