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Asien

Revolutionäre bei Tee und Kuchen

25 Jahre liegen die Volksaufstände in Myanmar zurück. Sie bilden den Ursprung der heutigen Demokratisierung. Bei einem Treffen ehemaliger Aktivisten in Yangon wird deutlich: Die Vergangenheit ist höchst lebendig.

Die tief stehende Sonne wirft lange Schatten, als ich den alten Kolonialbau am Rand der Altstadt von Yangon erreiche. Weder eine Hausnummer noch ein Schild weist den Weg. Über ein schmales, seit Jahren nicht geputztes Treppenhaus erreiche ich im dritten Stock eine Bücherei. Sobald ich die Schwelle überschreite, ist alles blitzsauber. Die Wände sind gesäumt mit gut gefüllten Bücherregalen.

An einem Tisch warten drei Gesprächspartner. Sie wollen mir die lange und komplizierte Geschichte ihres Landes und der Demokratiebewegung erläutern. Tun Win Nyein arbeitet als Redakteur und Grafikdesigner, Kyaw Minn besitzt einen Buchladen und Tin Naing Toe ist Historiker. Auf einem weißen Spitzendeckchen stehen Kuchen und birmanischer Tee - sehr schwarz mit stark gesüßter Kondensmilch - bereit.

Die Wurzeln der Revolution

Die Lebensgeschichten der drei Männer stehen im Gegensatz zu der gediegenen Atmosphäre. Als sich 1988 das ganze Land gegen die Herrschaft der sozialistischen Partei BSPP und des Militärs erhob, arbeiteten alle drei als Ingenieure für den birmanischen Staat. Tun Win Nyein und Tin Naing Toe zögerten nicht lange und schlossen sich den Demonstranten an. Der erste übernahm die Führung der Arbeiter in einem Vorort von Yangon und der zweite kehrte in seine Geburtsstadt im Delta des Irrawaddy zurück, wo er eine Vereinigung der Ingenieure gründete, um Streiks zu organisieren. Kyaw Minn, der damals als Beamter enger in den Staatsapparat eingebunden war, sympathisierte zwar mit den Demonstranten, sah aber aufgrund der strikten Kontrolle durch den Staatsapparat keine Möglichkeit, an den Protesten teilzunehmen.

Demonstranten versammeln sich am 03. August 1988 im Zentrum von Rangun (Foto: ROSELLE ASSIRELLI/AFP/Getty Images)

Demonstranten versammeln sich am 03. August 1988 im Zentrum von Rangun

1988 beendete das Militär den Aufstand mit Gewalt. Alle drei mussten sich entscheiden: Sie konnten mit einem gewissen Risiko in ihr vorheriges Leben zurückkehren, in den Untergrund gehen oder sich den bewaffneten Widerstandsgruppen in den Grenzregionen Myanmars anschließen. Tun Win Nyein, in dessen Reden bis heute die Empörung und der Zorn des Revolutionärs spürbar sind, entschied sich für den Untergrund.

In seiner Geburtsstadt Mandalay gründete er die Untergrundzeitung "Ottama". "Ottama" ist der Name eines berühmten buddhistischen Mönches, der gegen die britische Kolonialherrschaft gekämpft hatte. Später wurde Tun Win Nyein verhaftet und für viele Jahre eingesperrt. Tin Naing Toe kehrte zu seiner Arbeit zurück, kündigte aber wenige Monate später, als alle Regierungsmitarbeiter aufgefordert wurden, ausführliche Fragebögen über ihre Aktivitäten während der Monate des Aufstands auszufüllen. Auch Kyaw Minn, der seinen Posten bei der Regierung während der Proteste nicht aufgegeben hatte, quittierte schließlich den Dienst und machte sich als Buchhändler selbstständig.

Die Erben Aung Sans

Der Nationalheld Aung San in Uniform (Foto: AP Photo)

Der Nationalheld Aung San

Zu unserer Gesprächsrunde in der Bücherei gesellt sich nach einiger Zeit Hnein Hnein Hnway, die Frau von Tun Win Nyein. Sie ist Politikerin und Sprecherin der kleineren Oppositionspartei "Demokratische Partei für eine neue Gesellschaft" (DPNS). Auch sie war wie ihr Mann Tun Win Nyein viele Jahre im Gefängnis.

Alle vier stellen sich und den Aufstand gegen die Militärdiktatur in eine Linie mit dem Volkshelden Aung San und dessen Kampf gegen die Briten: "General Aung Sun kämpfte gegen die Kolonialregierung. Er repräsentierte sein gesamtes Volk und kämpfte für die Unabhängigkeit des Landes. Jetzt kämpfen wir gegen die Unterdrückung und Missachtung der Bürgerrechte durch die Militärdiktatur."

Der Kampf geht weiter

Der Kampf, das wird in dem Gespräch deutlich, ist noch nicht zu Ende: Tin Naing Toe sagt: "Natürlich ist die Situation heute besser als vor 25 Jahren. Das ist der Erfolg von 1988…". Tun Win Nyein fällt ihm ins Wort: "Aber noch hat sich in Birma zu wenig geändert, obwohl ich an den Wandel glaube. Zum Beispiel gibt es immer noch keinen rechtlichen Schutz für Arbeiter und Bauern. Die Freiheit für die Presse und die politischen Parteien ist ungenügend. Und wir brauchen ein föderales System für die ethnischen Minderheiten." Die anderen nicken zustimmend.

Auf die Frage, ob sie dem amtierenden Präsidenten Thein Sein vertrauen, antworten sie sehr vorsichtig und differenziert. Sie unterscheiden zwischen dem Menschen und seiner Rolle. Thein Sein ist gemeinsam mit Aung San Suu Kyi das Gesicht des Öffnungsprozesses. Kyaw Minn glaubt, dass Thein Sein als Person aufrichtig, in seiner Rolle aber machtlos ist. "Ich glaube, dass er Gutes tun möchte, aber hinter ihm steht die Militärführung. Präsident Thein Sein ist nur eine Marionette." Tun Win Nyein ist noch vorsichtiger: "Es könnte sein, dass Thein Sein ein guter Mensch ist, aber auch er war Teil der militärischen Willkürherrschaft. Daher glaube ich nicht, dass er sich in zwei Jahren ändern kann."

Nagani Buchclub (v.l.n.r.): Hnein Hnein Hnway, Tun Win Nyein, Ting Naing Toe, Kyaw Minn (Foto: DW/R. Ebbighausen) * nur im Zusammenhang mit der Reportage über Myanmar 1988 verwenden * !

Die Revolutionäre (v.l.n.r.): Hnein Hnein Hnway, Tun Win Nyein, Ting Naing Toe, Kyaw Minn

Rechte der Minderheiten

Hnein Hnein Hnway als Sprecherin der DPNS kritisiert insbesondere die Gewalt gegen die muslimische Minderheit der Rohingya. 1988 sei es der Militärregierung gelungen, einen Aufstand mit tausenden Demonstranten im ganzen Land niederzuschlagen. "Und jetzt auf einmal ist diese Regierung nicht mehr fähig, die Gewalt zu bändigen?" Im Gegenteil vermutet Hnein, die Regierung schüre die Konflikte gezielt, um den Öffnungsprozess zu behindern.

Tun Win Nyein hält ein leidenschaftliches Plädoyer für ein föderalistisches System. "Die Verfassung von 2008 muss weg! Nur dann kann man über den Föderalismus diskutieren." Ohne Föderalismus könne es keine Einigung mit den Minderheiten geben und ohne diese Einigung könne der Bürgerkrieg nicht beendet werden.

Der Westen

Die vier Veteranen der Demokratie-Bewegung kritisieren auch die Haltung des Westens nach der Freilassung Suu Kyis und den Nachwahlen zum Parlament. Der Westen habe die Sanktionen voreilig aufgehoben. "Die formalen Bedingungen scheinen ausreichend zu sein für die USA und die EU, ganz gleich wie es tatsächlich in Myanmar aussieht", beklagt Tun Win Nyein. Es scheine dem Westen gleichgültig zu sein, wer die Mitglieder im Kabinett sind und ob das Volk und die Ethnien gegen die Verfassung von 2008 sind. "Die internationalen Investoren wollen kommen und so drängt man sich uns auf."

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