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Globale Zusammenarbeit

Rettungsanker Green Economy?

Auf der Rio+20-Konferenz ging es auch um die Ökologisierung der Wirtschaft. Doch ob der Umbau Entwicklungsländer fördert oder bremst, darum gibt es Streit.

Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker fOTO. Auswärtiges Amt/ Jürgen Gebhardt

Die Welt setzt falsche Prioritäten: Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker

Erst Wachstum, dann Umweltschutz. Dieses ungeschriebene Gesetz scheint seit dem ersten UN-Klimaschutzgipfel von Rio de Janeiro 1992 den Schutz des Klimas in eine Sackgasse manövriert zu haben, sagt Professor Ernst Ulrich von Weizsäcker, deutscher Ressourcen-Ökonom in Diensten des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP): "Handel ist heilig und die Umwelt kommt dann dran, wenn man reich genug ist, um sich drum zu kümmern". Diese von den reichen Industrienationen vorgelebte und lange praktizierte Philosophie sei auch von Schwellen- und Entwicklungsländern übernommen worden, sagt von Weizsäcker. "Wenn ich mit Vertretern der Entwicklungsländer über grünes Wirtschaften spreche, hat man den Eindruck, die wollen erst mal reich und schmutzig werden und finden deshalb das ganze Gerede von der Green Economy uninteressant."

Ökologie und Ökonomie sind kein Widerspruch

UN-Chefdiplomat Ban Ki Moon würden solch provokante Thesen nie über die Lippen gehen. Doch auch der UN-Generalsekretär bemühte sich vor dem Beginn der Rio+20 Konferenz im Juni 2012, Widerstände gegen einen ökologischen Umbau der Weltwirtschaft aus dem Weg zu räumen. Es sei ein Mythos zu glauben, sagte der UN-Generalsekretär, dass es einen natürlichen Widerspruch zwischen wirtschaftlichem Erfolg und dem Schutz natürlicher Ressourcen gebe. Das sagte Ban bei der Vorstellung eines 600 Seiten starken Berichts des UN-Umweltprogramms UNEP, in dem die positiven Effekte erneuerbarer Energien und Umwelttechnologien auf die Beschäftigung in Schwellen- und Entwicklungsländern hervorgehoben wurden. Durch kluge Politik könne das Wirtschaftswachstum vom Energieverbrauch und damit auch vom Ausstoß von CO2-Emissionen entkoppelt werden. In den Augen des brasilianischen Botschafters in Deutschland, S. E. Everton Viera Vargas, kann das allerdings nur dann gelingen, wenn die Klimadiplomatie sich den wirklichen Akteuren des Wandels zuwende. Die wirklichen Akteure, darunter versteht er vor allem private Unternehmer, Nichtregierungsorganisationen und den Bürger selbst. "Nur ihr Engagement wird am Ende die grüne Ökonomie schaffen."

Janos Pasztor, Vorsitzender der UN-Arbeitsgruppe für globale Nachhaltigkeit; Foto: Auswärtiges Amt/ Jürgen Gebhardt

N icht so kurzfristig denken: Janos Pasztor, Vorsitzender der UN-Arbeitsgruppe für globale Nachhaltigkeit

Janos Pasztor, Vorsitzender der UN-Arbeitsgruppe für globale Nachhaltigkeit, sieht das anders. Er plädiert für mehr und nicht weniger staatliche Eingriffe, durchgesetzt durch verbindliche Verhandlungsergebnisse auf UN-Ebene. Sein Augenmerk fällt dabei auf die öffentliche Auftragsvergabe, die durch umweltfreundliche Kriterien neu ausgerichtet werden soll. "In vielen Ländern macht die öffentliche Beschaffung bis zu 30 Prozent der Gesamtausgaben eines Staates aus", erklärt Pasztor. Würden hier unter dem Dach der UN einheitliche Standards verabredet, ließe sich auch in Schwellen- und Entwicklungsländern der Umstieg ins Zeitalter der grünen Ökonomie schneller durchsetzen. "Das würde die Nachfrage nach neuen, klimafreundlichen Technologien beflügeln", sagt Pasztor.

Technologie alleine ist zu wenig

Ein Befund, dem Barbara Unmüßig ganz gewiss nicht widersprechen würde. Dennoch gehen solche Ansätze der Klimaschutzexpertin der grünen Heinrich-Böll-Stiftung nicht weit genug. Noch werde viel zu viel über technologische Innovation, aber viel zu wenig über Ressourcenverzicht geredet. "Es wird suggeriert, als würden wir es mit technischer Innovation alleine schaffen", sagt Unmüßig. "Nirgendwo ist die Rede von Lebensstilwandel, nirgendwo ist die Rede davon, wie der reiche Norden sein hohes Konsumniveau zugunsten des ärmeren Südens drosseln muss".

Mit Sonnenstrom betrieben: Fußballspielzeug, das Licht spendet Lizens: http://creativecommons.org/licenses/by/2.0/deed.de

Mit Sonnenstrom betrieben: Fußballspielzeug, das Licht spendet

Neben der Einrichtung einer Arbeitsgruppe Technologiefolgenabschätzung auf der Ebene der Vereinten Nationen plädiert Barbara Unmüßig deshalb für einen differenzierteren Umgang mit den Zielkonflikten grüner Technologien. So dürfe der Wunsch reicher Länder, ökologisch korrekt mit Agrartreibstoffen wie Bioethanol Fahrzeuge zu betanken, nicht zu weltweiten Preisexplosionen bei Nahrungsmitteln führen. Bisherige Konzepte eines ökologischen Umbaus der Wirtschaft seien für solche sozialen Zusammenhänge blind gewesen, was sich ändern müsse, um vor allem die zwei Milliarden besonders armen Menschen mit auf den Weg zum grünen Wirtschaften mitzunehmen.

Reichtum bleibt das größte Umweltproblem

Marianne Fay, Chefökonomin der Weltbank für nachhaltige Entwicklung Foto: Auswärtiges Amt/ Jürgen Gebhardt

Die Ärmsten in die Green Economy mitnehmen: Marianne Fay, Chefökonomin der Weltbank für nachhaltige Entwicklung

Nicht Armut, sondern Reichtum bleibe der größte Bremsklotz auf dem Weg zum grünen Wachstum, argumentiert Marianne Fay. "Die Bedürfnisse der Ärmsten sind keine Gefahr für die Nachhaltigkeit", sagt die Chefökonomin der Weltbank im Bereich nachhaltige Entwicklung. Zur Begründung führt sie eine Modellrechnung der Weltbank an. Darin wird angenommen, die derzeit 1,3 Milliarden Menschen ohne Zugang zu Elektrizität würden ab sofort ans Stromnetz angeschlossen. Selbst im ungünstigsten Fall, also wenn der gesamte Strombedarf durch klimaschädliche Kohlegroßkraftwerke produziert würde, blieben die Auswirkungen der entstehenden Kohlendioxidemissionen beherrschbar, sagt die Weltbank-Vertreterin. "Ein solcher Anstieg der Kohlendioxid-Emissionen ließe sich schon allein dadurch kompensieren, dass alle Amerikaner ihre Autos gegen sparsamere europäische Modelle tauschten", sagt Fay. Viele andere Verhaltensänderungen in reichen Nationen wären denkbar, Verzichtsaufrufe an Schwellen- und Entwicklungsländer hält sie dagegen für unangebracht.

Heinz Leuenberger, Direktor für Umweltmanagement der UN-Industrieorganisation UNIDO, will die Gemeinsamkeiten von Industrie- und Schwellenländern stärken. Gerade bei der Ressourcenoptimierung von industriellen Produktionsprozessen funktioniere das vorzüglich. Denn egal ob im reichen Norden oder im ärmeren Süden: die Einsparpotentiale seien gewaltig. "In den westlichen Ländern kann die Ressourceneffizienz um bis zu 50 Prozent gesteigert werden, in Entwicklungsländern sogar um bis zu 90 Prozent." Unverzichtbar auf dem Weg in die grüne Ökonomie sei neben mehr Effizienz aber auch eine absolute Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, sagt Leuenberger. "In Europa brauchen wir in etwa 14 bis 15 Tonnen Material pro Kopf und Jahr. Wirkliche Nachhaltigkeit würde sich dagegen nur dann einstellen, wenn dieser Wert bei sechs Tonnen pro Kopf und pro Jahr liegen würde. Technologie- und Wissenstransfer könnte vor allem hier den CO2-Austoß der Wirtschaft stark drosseln.

Wachstumsdrang wird zu Wachstumszwang: Wann fängt die Welt an, Ressourcen zu sparen?

Wachstumsdrang wird zu Wachstumszwang: Wann fängt die Welt an, Ressourcen zu sparen?

Ein Effekt, den Ressourcen-Ökonom Ernst Ulrich von Weizsäcker leider immer noch vergeblich zu entdecken versucht. Denn bislang würden Effizienzfortschritte beständig durch weiter ausgedehnten Konsum aufgefressen. Dieser "Rebound-Effekt" führe dazu, dass "auch eine Verfünffachung der Ressourcenproduktivität zu einer Verfünffachung des Konsums führen kann". Mit grünem Wirtschaften habe das am Ende dann nichts mehr zu tun, sagt von Weizsäcker. Deshalb gelte es über Preissignale deutlich zu machen, dass es Umwelt nicht zum Nulltarif geben könne. "Erst wenn wir die Preise anheben, so dass sie halbwegs die ökologische Wahrheit sagen, haben wir eine Chance auf Effizienz zu Gunsten der Natur." Erst Wachstum, dann Umweltschutz – dieses Gesetz wird damit ausgehebelt werden müssen, sonst wird die Green Economy ein Wunschtraum bleiben - im Norden wie im Süden.