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Kultur

Rettung oder Rechtsbruch?

Genforscher aus Deutschland und Frankreich arbeiten eng zusammen. Aber Deutschland sieht bioethische Fragen viel grundsätzlicher als Frankreich. Beispiel Klonen: Soll man es verbieten oder mit langen Haftstrafen ahnden?

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Das "andere Ich": ein natürlicher Zwilling und kein Klon

Der deutsche Bundestag hat sich am Donnerstag (21.2.2003 mit der Mehrheit von Koalition und Union für ein internationales Verbot des therapeutischen und reproduktiven Klonens ausgesprochen. Dass die beiden Regierungsfraktionen und die Union sich in so seltener Einigkeit zusammenfanden, hat zwei Gründe: Im November 2002 scheiterten die Vereinten Nationen bei dem Versuch, das Klonen international verbieten zu lassen, und im Januar verkündete die Raelianer-Sekte die Geburt des angeblich ersten Klon-Babys.

Auch wenn Experten die Botschaft der selbsternannten Klonsekte für wenig glaubhaft halten, kommt seitdem Bewegung in die Diskussion: Die republikanische Fraktion in den USA will "jedes menschliche Klonen" per Gesetz verbieten lassen. In Frankreich verabschiedete der Senat eine Gesetzesvorlage, nach der das Klonen von Menschen künftig mit 20 Jahren Haft bestraft werden soll. Deutschland und Frankreich hatten vor der UNO ein gemeinsames Konzept eingebracht - wenn auch erfolglos. Die Mitglieder der "nationalen Ethikräte" Frankreichs und Deutschlands treffen sich immer wieder zum Gedankenaustausch, denn in Sachen Bioethik haben Deutsche und Franzosen oft gemeinsame Ziele. Aber es gibt auch Unterschiede.

Grenzüberschreitende Diskussion

Kontrovers diskutiert wird zum Beispiel die Prä-Implantations-Diagnostik (PID): Dabei werden Embryonen, bevor sie bei der künstlichen Befruchtung in die Gebärmutter eingepflanzt werden, auf einzelne Erbkrankheiten untersucht. Kranke Embryonen werden aussortiert. Aus deutscher Sicht ist dies der Einstieg in die Selektion - deshalb wurde die Prä-Implantations-Diagnostik verboten. Aus französischer Sicht ist diese Technik akzeptabel, wenn dadurch schwere Erbleiden verhindert und Abtreibungen vermieden werden.

Holocaust-Erfahrung und Gesetzgebung

"In Deutschland wir haben das Embryonenschutzgesetz von 1990. Wahrscheinlich das strengste Gesetz der Welt", so das Fazit der französischen Juristin Françoise Furkel, die an der deutsch-französischen Hochschule in Saarbrücken lehrt. "Das erklärt sich hauptsächlich durch die Geschichte - durch die Nazizeit." Alles, was in Richtung Eugenik gehe, werde in Deutschland aus der Holocaust-Erfahrung heraus strikt abgelehnt, während in Frankreich die Grenzen nicht so eng gezogen würden.

Auch bei der Nutzung embryonaler Stammzellen durch die Wissenschaft sind die gesetzlichen Regelungen in Deutschland strenger. Und das wird auch so bleiben, glaubt Françoise Furkel. "Ich bin ein bisschen pessimistisch, und ich glaube nicht, dass wir bald zu einer Harmonisierung der Gesetze kommen. Es wäre wünschenswert, aber ich glaube nicht, dass wir das bald schaffen können."

Französische Embryonen für die deutsche Forschung?

Dass überzählige Embryonen in Frankreich der Stammzellforschung zur Verfügung stehen und in Deutschland nicht, könnte zu besonderen Formen der Zusammenarbeit unter den Wissenschaftlern führen. "Wenn die Parlamente gestatten, dass die Forscher in beiden Ländern mit Embryonen arbeiten dürfen, diese in Deutschland nicht hergestellt werden dürfen, dann könnten die deutschen Forscher französische, überzählige Embryonen nutzen, ohne dass sie sie selbst erzeugen müssten", meint Philippe Meyer, Medizin-Professor aus Paris.

Das ganze müsse jedoch sehr transparent, vernünftig und vorsichtig geschehen. Französische Embryonen für die deutsche Forschung - eine Form der Zusammenarbeit, die in beiden Ländern nicht nur auf Zustimmung stoßen wird. Denn bioethische Diskussionen haben in den letzten Jahren auch in Frankreich an Bedeutung gewonnen.

Verschiedene Positionen

Die Unterschiede in der Art der Diskussion und auch bei den Themen sind deutlich. Das hat der Mediziner Detlev Ganten in vielen deutsch-französischen Gesprächsrunden immer wieder erfahren. Er leitet das Max-Delbrück-Zentrum für Molekulare Medizin in Berlin und ist Mitglied des deutschen nationalen Ethikrates. "Wir fassen die Dinge gern grundsätzlicher auf. Die Franzosen gehen sehr viel mehr von der zwischenmenschlichen Beziehung aus und gehen in vielen Punkten pragmatischer heran an die Lösung der Probleme", meint Ganten. "Sie sehen das menschliche Problem deutlicher als das grundsätzliche Problem."

So wurde das Thema "Anonymität von Samenspendern" in Frankreich viel ausführlicher diskutiert als in Deutschland. In
Deutschland steht hingegen das Thema "Schutz von Embryonen" häufiger im Vordergrund. Ein Grund hierfür: die Rolle der Kirchen in der Bioethik-Diskussion. Die Kirchen sind in Deutschland politisch wesentlich einflussreicher als in Frankreich.

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