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Kultur

Rettung des deutsch-jüdischen Kulturerbes

Weltweit dokumentieren Archive und Nachlässe das Schicksal jüdischer Auswanderer. Doch viele wertvolle Zeugnisse drohen in Vergessenheit zu geraten. Internationale Historiker haben sich zusammengetan, um das ändern.

Die Kuppel der Grossen Synagoge in Berlin Mitte w.(AP Photo/Markus Schreiber)

Berlin war einst eine europäische Metropole des Judentums. Aber nicht nur in der Hauptstadt, auch in der brandenburgischen Provinz hat es in rund 50 Ortschaften seit dem frühen 18. Jahrhundert jüdische Gotteshäuser gegeben. Die Zerstörung dieser Kultur war tiefgreifend – zunächst während der NS-Zeit, später aber auch in der DDR. Eine Erinnerung an jüdisches Kulturerbe war dort aus politischen Gründen unerwünscht. Wo sich einst Synagogen befanden, wurden Parkplätze oder Einkaufszentren gebaut – manche Spuren verschwanden auch unter brachliegendem Gelände. Ein kollektives Vergessen setzte ein. Viele Menschen wissen deshalb gar nicht mehr, dass es eine jüdische Gemeinde in ihrer unmittelbaren Umgebung gegeben hat.

Die Historikerin Elke-Vera Kotowski will im Rahmen eines Projektes des Moses-Mendelssohn-Zentrums in Potsdam Abhilfe schaffen. Gemeinsam mit Studierenden der Universität Potsdam begibt sie sich auf Spurensuche: Heimatmuseen und Archive werden durchforstet, aber auch Privatpersonen befragt, um Informationen über das jüdische Leben zusammenzutragen.

Wiedergefundene Orte

Alten Synagoge in Hagenow bei Ludwigslust 03.09.2007. Nach dreijähriger Sanierung wird der Gebäudekomplex am Mittwoch (05.09.2007) als Kulturzentrum wiedereröffnet. Das fast 180 Jahre alte Gotteshaus gehört zu den letzten Zeugnissen jüdischer Gemeindekultur Westmecklenburgs.dpa-Foto: Jens Büttner/lmv

Wiederaufgebaut: Synagoge in Hagenow

Die Studiengruppe will die Orte nicht nur wiederfinden, sondern auch kenntlich machen, indem sie sie mit Kultgegenständen, historischen Fotos, Erinnerungsstücken und Zeitzeugenberichten kombiniert. Mit einem doppelten Ziel: Eine Wanderausstellung soll die Menschen der Region informieren. Ein pädagogisches Begleitprogramm wird Schülern, Studierenden und Lehrern Material an die Hand geben.

Projekte wie dieses will das Potsdamer Moses-Mendelssohn-Zentrum am liebsten weltweit ins Leben rufen. In vielen Staaten, in die jüdische Emigranten aus dem deutschen Sprachraum ausgewandert sind, existieren Spuren ihres Lebens. Manche sind schwer zu finden, weil sich die eingewanderte mit der dortigen Kultur vermischt hat. Das ursprüngliche deutsche Judentum sei mit der Shoah so gut wie vollständig ausgelöscht worden, berichtet Julius Schoeps, Professor am Moses-Mendelssohn-Zentrum. Das deutsch-jüdische Erbe habe keinen Ort mehr, es müsse ins öffentliche Bewusstsein integriert werden und dürfe nicht länger als etwas Fremdes begriffen werden, so Schoeps. Viele Wissenschaftler aus anderen Ländern unterstützen diese Bemühungen. Und doch bleibt die Frage umstritten, was mit den Fundstücken jüdischen Lebens an den Orten, wo sie konkret aufgespürt werden, geschehen soll.

Digitale Aufbereitung

Abreise in die Emigration: Juden mit ihrem Gepäck vor der Abfahrt eines Passagierdampfers von Lissabon in die USA. (undatierte Aufnahme)

Abreise: von Lissabon in die USA

"Wir wollen diese Dinge unter keinen Umständen zwangsweise 'repatriieren'", sagt Elke-Vera Kotowski und setzt sich gegen den Vorwurf zur Wehr, im Rahmen des Projekts sollten womöglich private Erinnerungsstücke oder Materialien aus Archiven nach Deutschland zurückgeführt werden. Auch Julius Schoeps betont, "Zwangsmitnahmen" nach Deutschland dürfe es nicht geben.

Auch in den USA und Mittel- und Südamerika beteiligen sich Wissenschaftler an der Spurensuche. Die Historikerin Atina Grossmann vom New Yorker Leo-Baeck-Institut, deren Vater vor den Nazis in die USA flüchtete, zeigt sich skeptisch. Kultgegenstände, Bücher, Dokumente, persönliche Dinge, Traditionen und Werte gehörten längst zur Kultur derjenigen Länder, die jüdische Auswanderer aufgenommen hätten.

Rettung vor dem Verfall

Ihre argentinische Kollegin Liliana Feierstein schlägt vor, Benutzern in Deutschland und anderswo Kopien zu überlassen – hilfreich dabei sei die Digitalisierung aller aufgefundenen Bestände. Dagegen gibt es unter Experten keinen Widerspruch. Eine allgemein zugängliche Datenbank sei ein – wenn auch fernes – Ziel des Projekts am Moses-Mendelssohn-Zentrum, erklärt Elke-Vera Kotowski. Die Dokumente müssten vor dem Verfall und dem Vergessen bewahrt und öffentlich nutzbar gemacht werden: "So wollen wir Austausch auf transnationaler Ebene schaffen."

Portraet von Rabbi Dr. Leo Baeck bei seinem ersten Deutschlandbesuch nach seiner Befreiung aus dem KZ Theresienstadt in Hamburg am 1. Oktober 1948. (AP Photo/Str)

Leo Baeck 1948

Am New Yorker Leo-Baeck-Institut mit seinen großen Dokumentensammlungen ist man bereits einen Schritt weiter. "Unsere Bestände werden kontinuierlich digitalisiert", berichtet Frank Mecklenburg, Mitarbeiter am Leo-Baeck-Institut. Er verweist darauf, dass die Sammlungen des Instituts über die Webseiten weltweit zugänglich seien. Für eine künftige Datenbank in Potsdam böten sich gute Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Vernetzung.

Briefe in die alte Heimat

Stapel von Briefen

Briefe - Material für die Digitalisierung

Manchmal schlägt die Geschichte aber auch unerwartete Haken und so dürfen sich die Forscher des Moses-Mendelssohn-Zentrum über einen Zufallsfund freuen. 1.600 Briefe und rund 100 Dokumente - die Hinterlassenschaft der jüdisch-christlichen Familie Guttmann - fanden ihren Weg von New Hampshire nach Potsdam. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen Mutter und Sohn. Die Briefe berichten von der Flucht und dem Neuanfang in den USA. Ein wichtiges Zeitzeugnis der Jahre zwischen 1926 bis 1956. Die gesamte Korrespondenz soll einfließen in die zukünftige Datenbank am Moses Mendelssohn Zentrum.

Autorin: Cornelia Rabitz

Redaktion: Sabine Oelze

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