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Europa

Retter oder auch Täter?

Bisher war Bulgarien stolz darauf, im Zweiten Weltkrieg Juden nicht an die Nazis ausgeliefert zu haben. Nun erinnert der Zentralrat der Juden in Griechenland an die Deportationen die dennoch stattgefunden haben.

Holocaust: Deportation von jüdischen Frauen und Kindern aus dem Warschauer Ghetto per Viehwaggon nach Treblinka (Foto: picture-alliance / IMAGNO/Austrian Archives)

Deportationen von Juden gab es in Bulgarien offiziell nicht

Der Zentralrat der jüdischen Gemeinden in Griechenland hat in einem offenen Brief Bulgarien aufgefordert, seine geschichtliche Verantwortung für die Deportierung von 11.343 Juden während des Zweiten Weltkriegs zu übernehmen. Es geht dabei um rund 4000 Menschen aus Nordgriechenland und über 7000 aus der heutigen Republik Mazedonien, wo bulgarische Truppen, damals Verbündete von Nazi-Deutschland, stationiert waren. Die bulgarische Öffentlichkeit ist aufgebracht, denn ein Teil der eigenen Vergangenheit ist noch nicht aufgearbeitet.

Widerstand der Zivilgesellschaft

Tatsache ist, dass die rund 50.000 bulgarischen Juden während des Zweiten Weltkriegs gerettet worden sind, und zwar obwohl das Land, von einem deutschstämmigen König autoritär regiert, seit 1941 an der Seite von Deutschland agierte. Es war aber weniger eine ausdrückliche Entscheidung der Regierung, sondern vielmehr eine gemeinsame Anstrengung von liberalen Politikern, Kirchenvertretern und der breiten Öffentlichkeit, die sich der geplanten und von Berlin ausdrücklich gewünschten Deportation widersetzte. In seinem Buch Rettungswiderstand schreibt der jüdisch-polnisch-deutsche Autor Arno Lustiger dazu:

Gedenkstein im ehemaligen Konzentrationslager Treblinka (Foto: Mary Evans Picture Library)

Gedenkstein im ehemaligen Konzentrationslager Treblinka

"Die meisten bulgarischen Juden überlebten den Zweiten Weltkrieg und die antisemitische Vernichtungspolitik. Doch nicht dank der bulgarischen Regierung oder des Staatsoberhauptes. Diese zeigten keine Skrupel, die Juden an die Deutschen auszuliefern. Im März 1943 wurden Tausende von thrakischen und makedonischen Juden aus der bulgarischen Besatzungszone Griechenlands nach Treblinka deportiert und ermordet. Die Mithilfe der Bulgaren bei den Deportationen hat die ganze Nation für das Schicksal ihrer eigenen Juden sensibilisiert. Ohne den breiten Widerstand aus Gesellschaft, Kirche und Politik wäre den bulgarischen Juden das Gleiche widerfahren wie ihren Glaubensgenossen in den besetzten Gebieten. Dieser entschlossene Protest gründete vor allem in der traditionell engen Beziehung von Christen und Juden auf bulgarischem Boden.“

Als Verbündeter Deutschlands, hatte der bulgarische Staat damals die – laut Nationalmythologie – "bulgarischen Urgebiete“ in Nordgriechenland und Vardar-Mazedonien okkupiert. Damals, aber auch heute noch, wurde und wird diese Besatzung von der bulgarischen Öffentlichkeit mehrheitlich nicht als kriegerischer Akt gegen souveräne Staaten, sondern als "nationale Wiedervereinigung“ interpretiert. Gleichzeitig aber wird die Schuld für die Judendeportationen aus den besetzten Gebieten verdrängt und/oder auf Hitler abgeschoben.

"Listige Griechen" und "arrogante Deutsche"

Juden im Sommer 1942 auf dem Weg in das Vernichtungslager Treblinka (Foto: (c) dpa - Report)

Aus Griechenland und aus Mazedonien sind 11.000 Juden ins Vernichtungslager Treblinka deportiert worden

Diese ambivalente Einstellung spiegelt sich auch in der aktuellen Diskussion in Bulgarien wieder. Offiziell hat Bulgarien noch keine Stellungnahme zum Brief der jüdischen Gemeinden in Griechenland abgegeben, in den Leserforen der Medien gab es allerdings zahlreiche Reaktionen. Der Tenor: "listige Griechen“ wollen wieder von ihrer aktuellen Misere ablenken. Und wieder sind auch die "arroganten Deutschen“ da, die damals Millionen Juden umgebracht haben, heute aber erneut die Welt beherrschen wollten. So ist es in den Foren zu lesen.

Die Rettung der bulgarischen Juden ist mittlerweile mehrfach international anerkannt worden. Italienische und deutsche Autoren, US-amerikanische Filmemacher, der Staat Israel und die Judengemeinden in vielen Ländern haben Respekt und Dankbarkeit bekundet. Arno Lustiger schreibt dazu: "Wir werden niemals erfahren, wie viele Juden hätten gerettet werden können, wenn andere Völker im besetzten Europa sich ähnlich wie die Bulgaren verhalten hätten. Ihnen allen, Christen und Juden, gebührt eine kollektive Ehrung. 19 Bulgaren wurden von Yad Vashem bis Januar 2011 als Gerechte geehrt.“ Die Mehrheit der bulgarischen Bevölkerung würde am liebsten nur diese Seite der Geschichte lesen.

Übergriffe auf die Roma in Katunitsa am 24.9.2011 (Foto: EPA/VASSIL DONEV (c) dpa - Bildfunk)

Übergriffe auf die Roma in Katunitsa am 24.9.2011

Eine selektive Wahrnehmung eigener Vergangenheit

Sei es die aggressive Rolle Bulgariens in den Balkankriegen am Anfang des 20. Jahrhunderts und in den zwei Weltkriegen, sei es die kommunistische Vergangenheit mit der überall anwesenden und KGB-treuen Staatssicherheit – In Bulgarien wird all dies verdrängt - zugunsten eines immer gefährlicheren Nationalismus.

Im letzten Jahr gab es diverse Ausschreitungen und Gewaltexzesse gegen Roma und Moslems, gegen dunkelhäutigen Fußballspieler oder Schwule und Lesben. Vor diesem Hintergrund ist die Aufregung nach dem Aufruf der griechischen jüdischen Gemeinden keine Überraschung.  

Autor: Alexander Andreev
Redaktion: Zoran Arbutina

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