Republikanischer Sonnenkönig: Warum Macron so beliebt ist | Europa | DW | 22.12.2017
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Frankreich

Republikanischer Sonnenkönig: Warum Macron so beliebt ist

In Umfragen hat der französische Präsident zuletzt stark zugelegt. Mit einem raffinierten politischen Mix spricht er unterschiedliche Bevölkerungsschichten an: Reformer genauso wie Konservative.

Der Spaziergang durch den Elysée-Palast begann im ersten Stock, direkt im Büro des Staatschefs. Dieser stellt es gleich zu Beginn klar: Er arbeite hart und schlafe wenig. Insofern, so die unterschwellige Botschaft, sei seine Macht legitimiert - nicht nur durch das Ergebnis der Wahlen, die Macron im Mai dieses Jahres in das höchste Staatsamt Frankreichs katapultierten; sondern auch durch dessen persönliches Verhalten, die unbedingte Hingabe an die Pflicht, gewidmet - so die Botschaft - ausschließlich dem Wohl des Volkes.

Von "meinem Volk" sprach Emmanuel Macron während des 40-minütigen Interviews im öffentlich-rechtlichen Fernsehsender France 2. Der Ausdruck kam nicht überall gut an; an die Attitüde eines "roi soleil", eines "Sonnenkönigs", erinnerte der Ausdruck die Zeitung "Le Monde". Als eine Art "republikanischen Monarchen" beschrieb sie den Präsidenten. 

Damit, so legte es die Kritik in den Tagen nach dem Fernseh-Interview vom vergangenen Wochenende nahe, traf die Zeitung den Kern der Inszenierung. Sie umriss genau jenen Eindruck, den der Beraterstab des Präsidenten bei den Zuschauern hervorrufen wollte, nämlich ein Ineinandergreifen einerseits majestätischer und andererseits alltäglicher Motive. Hier die durch einen langen roten Läufer verzierte Ehrentreppe im Elysée-Palast, dort der dynamische junge Präsident, vertieft in das Gespräch mit dem Reporter.

Paris Elysee-Palast mit Wache (picture-alliance/AP Photo/F. Mori)

Der Glanz der Macht: Empfang im Elysée-Palast, Dezember 2017

Er wolle herausfinden, was das "Schicksals Frankreich" ist, vertraute er diesem bei dem Spaziergang durch den Präsidentensitz unter anderem an. Ein großer Satz - im Netz verspottet, insgesamt aber offenbar durchaus nach dem Geschmack weiter Teile des Publikums. "Die Franzosen schätzen eine gewisse Vertikalität der Macht", schrieb Le Monde, mit Blick nicht nur auf das Fernsehinterview.

Der junge Präsident

Tatsächlich befindet sich Macron gerade in einem Umfragehoch - und unterscheidet sich dadurch von seinen beiden Vorgängern François Hollande und Nicolas Sarkozy, die sich beide nach einem halben Jahr im Amt mit deutlich gesunkener Beliebtheit abfinden mussten. Ganz anders Macron: Nach Erhebungen des Meinungsforschungsinstituts Ifop erfreut sich Macron, nach einem Zwischentief im August, in dem nur 40 Prozent eine gute Meinung von ihrem Staatsoberhaupt hatten, nun einer Zustimmung von 52 Prozent. Noch erfreulichere Werte ermittelt das Institut Odoxa. Seinen Umfragen zufolge sind 55 Prozent der Franzosen mit ihrem Präsidenten zufrieden.

Macron ist aus einer ganzen Reihe von Gründen so populär. Der augenfälligste: sein junges Alter. Am Donnerstag dieser Woche wurde er 40 Jahre alt. Als er zum Präsidenten gewählt wurde, war er Ende 30 - ein geradezu jugendliches Alter für sein Amt. Damit ist er in Europa nicht allein. Sebastian Kurz in Österreich, Jüri Ratas in Estland, Leo Varadkar in Irland - sie alle sind in ihren (zum Teil auch späten) 30ern.

Paris Präsident Macron (picture-alliance/AP Photo/Y. Valat)

Jung, erfinderisch und die Wähler im Blick: Macron im Elysée-Palast. Dezember 2017

"Die Völker haben entschieden, die Generation abtreten zu lassen, die gegenüber den Krisen (Arbeitslosigkeit, Armut, Immigration) versagt hat", kommentiert Christophe Barbier, der Chefredakteur des Politmagazins L´Express, den - noch überschaubaren - Trend. "Einige Völker haben sich für den Populismus entschieden, andere für die Jugend, und wieder andere für den Populismus in Form der Jugend." Man werde sehen, ob diese Generation Erfolg haben werde, aber der dahinter stehende Imperativ sei offensichtlich: "Versucht nicht, eine alte Welt zu reparieren - erfindet eine neue Welt."

Anleihen beim Alten

Macron aber erfindet sein Land nicht restlos neu. Zumindest unterlegt er das neue Frankreich mit Versatzstücken aus dem alten. Zu sehr, ahnt er offenbar, darf man das Publikum nicht überfordern. Arbeitsmarkt, Bildung, Immigration: Auf diesen Feldern hat er seine Akzente gesetzt oder ist gerade dabei, das zu tun. Seine Arbeitsmarktreform, im Wesentlichen eine Flexibilisierung und Lockerung der Schutzrechte von Arbeitnehmern, hat zwar viele Franzosen auf die Straße gebracht, findet in weiten Teilen der Bevölkerung aber auch Zustimmung.

Macron, umreißt Le Monde den Eindruck nicht weniger Bürger, sei dabei das Land aus seiner Blockade zu führen, und das mit einem kompetenten Team. Damit unterscheide er sich deutlich von seinen Vorgängern. Es scheint, als sei die neue Welt Macrons weniger eine komplette Neuschöpfung als vielmehr die Abkehr vom Gestus des laissez faire, dem sich die abgewählte Regierung Hollande verschrieben hatte. Nicht umsonst nimmt Macron auch immer mehr Wähler des rechtspopulistischen Front National für sich ein. 35 Prozent von dessen Wählern, ergaben die Umfragen, haben einen guten Eindruck von ihm - das sind 14 Prozent mehr als noch im November.

Die Schwächen der Opposition

Leicht macht es ihm auch die Opposition: Die Republikaner sind unter ihrem neuen Chef Laurent Wauquiez gerade dabei, ihren Kurs neu zu definieren. Die Sozialisten erwachen nach der krachenden Niederlage bei den letzten Parlamentswahlen, mit einem Stimmenanteil von etwas über sechs Prozent, erst langsam aus der Benommenheit. Und die linkspopulistische Bewegung "La France Insoumise" (Unbeugsames Frankreich), geführt von Jean-Luc Mélenchon, vermag mit ihrem radikalen Programm nur ein knappes Fünftel der Franzosen zu überzeugen. Auch darum ist Macron so beliebt: Viele Franzosen sehen zu ihm einfach keine Alternative.

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