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Kultur

Reproduzierte Sehnsucht: Villa Massimo in Rom

Seit Jahrhunderten träumen die Deutschen von Italien, dem Land der antiken Kunst. Heute ist man in zwei Flugstunden da. Ende eines Traums? Fragen an Joachim Blüher, Direktor der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo.

Die Villa Massimo in Rom (Foto: Villa Massimo)

Die Villa Massimo in Rom

Als vor gut hundert Jahren der Berliner Kunstmäzen Eduard Arnhold in Rom die Deutsche Akademie Villa Massimo gründete, erfüllte er sich und etlichen Künstlern einen lang gehegten Traum. Denn Rom, die Ewige Stadt und ein bedeutendes Zentrum antiker Kunst, war schon damals ein legendärer Sehnsuchtsort der Deutschen. Die Villa Massimo wurde zum Anziehungspunkt für ganze Künstlergenerationen. Heute wird sie aus dem Bundeshaushalt finanziert, und ein Stipendium dort ist eine der höchsten Auszeichnungen für Künstler in Deutschland. Jetzt war die Villa Massimo mit Arbeiten des Stipendiaten-Jahrgangs 2010 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu Gast. Gelegenheit für DW-Reporterin Aya Bach zu einem Gespräch mit dem Direktor der Akademie, Dr. Joachim Blüher.

Deutsche Welle: Als die Villa Massimo gegründet wurde, war ein Aufenthalt in Italien noch verbunden mit einer großen Sehnsucht nach der Antike. Wie ist das heute? Wie war es, als Sie zum ersten Mal das Gelände der Villa Massimo betreten haben und dann vor rund acht Jahren dort Direktor wurden - ging da Ihr italienisches Herz auf?

Joachim Blüher: Ja, die Sehnsucht gibt es heute noch. Für mich war damit unbedingt die Antike verbunden. Ich hatte als 15-Jähriger zwei Bands. Meine erste Band hieß "Forum Romanum", und es war völlig klar: Ich musste irgendwann in Rom landen. Als ich in der Villa Massimo ankam, wusste ich noch nichts davon, dass ich jemals Direktor dort werden würde. Besucht habe ich sie an einem Tag, der sagenhafte 41 Grad Celsius hatte - mit meinen kleinen Kindern und meiner Frau. Wir hatten furchtbaren Durst, man ließ uns zwanzig Minuten warten, das haben wir erduldet. Dann bin ich doch durch die Villa geführt worden, und ich war sehr beeindruckt, obwohl es damals eine Baustelle war. Den Zauber, der heute den Eintretenden umgibt, gab es damals aber nicht, es waren einfach zu viele Maschinen und Gerüste da.

Direktor der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo: Dr. Joachim Blüher (Foto: Villa Massimo)

Dr. Joachim Blüher

Wie ist es heute mit den Stipendiaten, wenn sie nun das Gelände ohne Baustellen-Atmosphäre betreten? Sind sie auch von dieser alten, geradezu mythischen Sehnsucht der Deutschen nach Italien ergriffen?

Die Villa selbst reproduziert diese Sehnsucht. Am Anfang meiner Amtszeit bin ich zu den achtzehn anderen Akademien in Rom gefahren und habe mich dort als der "Neue" vorgestellt. Und ich habe schnell gemerkt: Wenn ich bei den Dänen klingelte, fand ich Dänemark vor. Wenn ich in Amerika klingelte, lagen dahinter die Neuenglandstaaten, und in Frankreich sah man noch an den Rabatten, dass es Frankreich war. Dann kommen Sie zur Villa Massimo - und da ist nichts von Deutschland. Sie haben nur Italien. Das ist der Zauber. Wenn Sie dann eine halbe Stunde dort sind, merken Sie langsam: Da ist ein bisschen viel Italien drin. Das heißt: Die Einfahrt ist Florenz. Vor dem Haus sind Sie in Rom. Die Ausleger links und rechts sind Venedig. Und wenn sie eintreten, sind Sie in Pompeji - und Sie merken sehr schnell: Sie sind sehr in Deutschland. Sie sind in der deutschen Idee von Italien. Es ist ein Theaterdonner. Bei uns ist alles gefälscht. Es gibt ein paar echte, sehr gute Antiken, aber sonst ist alles gefälscht und hergerichtet wie ein Grandhotel. Es ist dieser Geist des Lockeren, des Entspannten, des Laissez-Faire in dieser Villa. Auch wenn heute sehr, sehr hart gearbeitet wird. Aber es ist ein Zeichen: Lass' fahren, was du mitgebracht hast.

Wenn man an die Villa Massimo denkt, könnte man sich vorstellen, dass da Künstler unter Zypressen und Olivenbäumen arbeiten. Ist das tatsächlich so ein idyllischer Ort?

Es ist ein idyllischer Ort. Aber die Künstler arbeiten nicht unter den Zypressen, weil kaum noch einer nach der Natur zeichnet. Es wird mit Computern und allen neuen Methoden gearbeitet. Es wird natürlich auch außerhalb der Stadt gearbeitet. Aber der Zauber bleibt und all das, was uns eigentlich doch seit Jahrtausenden - Jahrhunderte reichen dafür gar nicht - nach Italien gebracht hat. Letztlich auch das gute Klima. Ich bin am Montag in Rom weggefahren bei 16 Grad, und ich bin in Berlin angekommen bei minus 14. Da muss ich nicht viel erklären. Dazu kommt das viel bessere Essen, weil die Sonne die Früchte verwöhnt. Und dann gibt es doch die Hoffnung, das Leben dort im Süden könnte leichter sein, weil der Rest auch leichter ist. Das wird sich nie ändern. Ich weiß nicht, ob wir einen Nationalcharakter haben, aber ich glaube, unsere Sehnsucht ist tief in unsere Kultur eingeschrieben.

Wie sehr kommt man eigentlich als Stipendiat der Villa Massimo mit der Bevölkerung Roms in Kontakt?

Es hängt von jedem Einzelnen ab, ob er mit jemandem in Kontakt kommen möchte oder ob er für sich sein möchte. Wir machen natürlich viele Veranstaltungen, wir holen viele Menschen zu uns. Wir gehen hinaus mit unseren Stipendiaten, wir treffen andere Ausländer, wir treffen Italiener. Und dann entwickelt sich etwas an professionellem Zusammensein. Sie dürfen nicht vergessen, um mit Italienern zusammen zu sein, muss man ihre Sprache sprechen, das kann nicht jeder. Ein Gespräch über die Kunst ist oft leichter. Diese Gespräche gibt es, sie sind oft ganz wunderbar und ertragreich. Aber sie hängen eben von jedem Einzelnen ab. Das kann man nicht par ordre de Mufti dekretieren.

Das Gespräch führte Aya Bach
Redaktion: Conny Paul