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Kultur

Reporteralltag in Rio

DW-Reporterin Vanessa Fischer ist unterwegs in Rio de Janeiro. Sie begleitet ein Kamerateam des Senders TV Globo durch die Stadt. Ein ergreifender Bericht über einen ganz normalen Arbeitstag.

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In den Favelas sind Schießereien an der Tagesordnung

Der Strand von Ipanema: ein Postkartenpanorama mitten in der Stadt. In der Woche ist der Strand tagsüber schön leer. Ein paar Touristen, Rentner und Hausfrauen brutzeln in der Sonne oder trinken Kokoswasser an einer der vielen Strandbuden. Wir fahren die breite Promenade ab. Ich bin unterwegs mit einem Fernsehteam des größten und mächtigsten Senders Lateinamerikas: TV Globo. Trotz wachsender Konkurrenz hält der Marktführer in Brasilien noch immer eine durchschnittliche Einschaltquote von rund 50 Prozent.

"Drogen, so viel sie wollen"

Wir suchen eine bestimmte Stelle, einen Zugang zur Kanalisation. Dort wartet die Polizei auf uns. "Wir haben während der Streife jemanden husten gehört. Das hat uns skeptisch gemacht", sagt der Einsatzleiter. Hinter einer Betonplatte und Eisenstäben, die den Zugang eigentlich versperren sollten, hat die Polizei am Abend zuvor 21 Straßenkinder entdeckt, fast alle minderjährig. Heute wollen die Beamten das Versteck räumen und das Raubgut beschlagnahmen. "Es sind kleine Gangster", sagt einer der Polizisten. "Von den Großen werden sie vorgeschickt, die Leute auszurauben. Dafür bekommen sie Drogen, so viel sie wollen. Und wir müssen sie wieder laufen lassen, weil sie ja minderjährig sind."

"Die Polizei ist sich für nichts zu schade"

Mit großer Mühe quetschen wir uns zwischen den Stäben hindurch. Das abgestandene Wasser stinkt bestialisch und aufrecht stehen kann hier auch niemand. Auf einem etwa fünf Meter breiten Betonpodest liegen ein paar Decken und lauter gestohlene Ware: Walkman, ein DVD Player, Taschen, Portemonnaies und rund zehn Paar neue, noch verpackte Schlappen. "Was, ganz neue Schlappen? Und noch verpackt? Zeig mal her?", ruft einer der Polizisten.

Der Einsatzleiter schielt zu mir herüber und fühlt sich jetzt verpflichtet, die Kollegen anzumahnen. "Auf der Wache wird natürlich alles genau aufgelistet!" Einstimmiges "Ja, natürlich!", von der Truppe. Bette, die Reporterin, die ich begleite, ist auch gar nicht erstaunt. "Die Polizei hier ist sich für nichts zu schade. Natürlich teilen sie die Schlappen nachher untereinander auf." Rund 220 Euro netto verdient ein Polizist im Monat. Auch in Brasilien lässt es sich mit einer Familie damit nur schwer über die Runden kommen.

Täglich Schießereien

Die Korruption ist ein Geschwür, an dem die brasilianische Polizei ernsthaft erkrankt ist. Die Bevölkerung Rios traut ihr schon lange nicht mehr über den Weg. Fast täglich gibt es irgendwo Schießereien zwischen der Polizei und Drogenbossen, die in den Armenbezirken, den Favelas, das Sagen haben. Und keiner weiß eigentlich mehr genau, welche von beiden Fraktionen die üblere ist.

Lilia soll sich mit einem Team aufmachen in einen nördlichen Außenbezirk der Stadt, in die Favela Beira Mar. Dort findet die Totenwache für ein 16jähriges Mädchen statt. Sie ist am Tag zuvor im Kugelhagel einer dieser Schießereien getötet worden und noch ist nicht klar, aus welchem Gewehr die Kugel stammte. Die Reporter sind äußerst vorsichtig, wenn sie in solche Bezirke fahren. Manchmal benutzen sie sogar Autos mit schuss-sicheren Scheiben.

Im Revier der "Olheros"

Auf der Veranda vor der schlichten Kapelle sammeln sich immer mehr Leute. Nacheinander treten sie an der offenen Sarg, legen Blumen auf die Erde. Die Mutter des Mädchens sitzt auf einer Holzbank, Verwandte umarmen sie, spenden Trost. Sie ist außer Stande, ein Interview zu geben. Die Reporterin versucht es erst gar nicht. Aber der Vater, der will reden. "Die Polizei ist schon schießend in die Favela gekommen. Meine Tochter kam von der Schule. Ich bin sicher, die Kugel kam von einem Polizisten", sagt der Mann.

Wir warten drei Stunden lang in der sengenden Hitze, bis die Trauernden den Sarg zum Friedhof begleiten. 37 Grad und kein Lüftchen weht. Die ganze Zeit über werden wir genau beobachtet. Von sogenannten "Olheros", Spionen der Drogenbosse, die später Bericht ablegen. "Nach einer Weile bekommst du einen Blick dafür", sagt der Kameraman und deutet unauffällig auf drei jugendliche Halbstarke, die etwas abseits stehen und verstohlen in die Gegend gucken.

Auf der Rückfahrt zum Sender erreicht uns ein Anruf der Redaktion. Die Untersuchung ist abgeschlossen. Es war tatsächlich eine Kugel der Polizisten, die das Mädchen getötet hat. Allein in den ersten neun Monaten des vergangenen Jahres sind in Rio mehr als 900 Menschen durch Polizeikugeln gestorben.