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Global Ideas

Reporter-Tagebuch: Zu wenig Luft zum Atmen

Jürgen Schneider weiß seit seiner Reportage in Argentinien ganz genau, wie Staub schmeckt.

(Foto: Jürgen Schneider)

(Foto: Jürgen Schneider)

Blick von der Puna auf die Anden

Vier Stunden liegt unser Aufbruch im Bergstädtchen Tilcara zurück. Die blaue Farbe unseres Teamfahrzeugs, ein großer Pickup-Jeep, hat sich in ein fahles Gelb verwandelt. Vor einer gefühlten Ewigkeit haben wir bei Abra Pampa die befestigte Straße verlassen. Seitdem schlucken wir Staub. Vor uns fährt der Transporter, der Solaranlagen in die Berge bringt. Wir würde ja gerne überholen, einfach, um mal was anderes zu sehen als Schemen in einer Sandwolke und was anderes zu schmecken als Sand gemischt mit Dieselabgasen. Geht aber nicht, denn nur die Leute im Wagen vor uns kennen den Weg auf die Puna. Die Straße windet sich durch endlose Ebenen immer höher. Wir werden heute noch bis über 4300 Meter Höhe hinauf kommen bis unsere Reise im Camp bei knapp 4000 Meter endet. Erstaunlich, wie unterschiedlich sich Staub und Sand auf der Zunge anfühlen können. Mal pulvrig fein wie Mehl, dann wieder körnig, als würde man Schleifpapier zerkauen. Hin und wieder sausen größere Brocken an der Frontscheibe vorbei. Ein Loch haben wir schon drin. Schön ist was anderes.

(Foto: Jürgen Schneider)

Dreharbeiten auf der Puna Hochebene

Dazu kommt die immer dünner werdende Luft. Im Laufe der Zeit probieren wir alle Varianten der Atembeschwerden durch, japsen, seufzen, husten, hecheln oder einfach abrupt stehen bleiben, weil einem schlagartig die Luft ausgeht. Selbst Auto fahren kann da anstrengend werden. Menschen begegnen wir kaum auf dem Weg in die Berge. Dafür immer wieder Lamas und ihren wilden Verwandten, den Vikunja. Wir stoppen immer wieder für Filmaufnahmen. Lamas sind tolle Filmobjekte. Es ist schwer zu sagen, wer neugieriger ist, wir oder die Tiere. Man schaut sich interessiert an. Leider bewegen sie sich selten vom Fleck. Um Bewegung in die Bilder zu bekommen, hilft nur springen, mit den Armen wedeln und brüllen – manchmal rühren sie sich dann sogar einen Meter oder zwei.  Elende Plackerei, denn nach zweimal Springen glaubt man, der Kopf platzt, weil die Luft fehlt.

So geht es den ganzen Tag. Fahren, halten, rausspringen, weil ein tolles Bild auftaucht. Dann fluchen, weil man wieder zu schnell aus dem Auto geeilt ist und einem fast schwarz vor Augen wird. Wieder rein, denn die Zeit wird knapp. Im Dunkeln fährt es sich hier in den Bergen noch unsicherer. Die Wege sind schmal, die Schluchten tief. Die grandiose Landschaft entschädigt aber für einige Härten.

Nach mehr als acht Stunden über Sand und Schotterpisten sind wir am Ziel. Misa Rumi, ein Dörfchen mit mehr Tieren als Einwohnern. Hier werden wir die nächsten Tage bleiben. Es ist kurz vor Sonnenuntergang und eine frostige Nacht in gut 3800 Meter Höhe liegt vor uns. Eine Nacht, in der man den Sauerstoffmangel so richtig genießen kann, denn an Schlaf ist für uns Flachländer hier oben nicht zu denken. Es fehlt einfach die Luft dafür. 

Autor: Jürgen Schneider
Redaktion: Klaus Esterluß