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Global Ideas

Reporter-Tagebuch: „That's island style!“ oder: Zeit ist relativ

Grit Hofmann und Carmen Meyer haben in Mikronesien einen Tag verloren, aber viel mehr gewonnen.

Kameramann unter Wasser (Foto: DW / Grit Hofmann & Carmen Meyer)

Brücke in Mikronesien (Foto: DW / Grit Hofmann & Carmen Meyer)

Zwei Meter - Die Brücke ist der höchste Punkt der ganzen Insel

Na danke, Datumsgrenze!

Irgendwo zwischen Hawaii und den Marschallinseln ist es passiert: Wir haben einen Tag verloren! Gerade noch war es Montag. Jetzt soll schon Dienstag sein, versicherte uns jedenfalls der Pilot. Na danke, Datumsgrenze! Wir landen gerade auf Majuro, einem der am dichtesten bewohnten Atolle der Marschallinseln. Schon beim Blick aus dem Flieger ist die dramatische Lage seiner fast 1200 Inseln offensichtlich: So flach! So schmal! So viel Wasser! Anders als die vielen einheimischen Mitreisenden fragen wir uns: Wo nur soll hier unsere Boing landen?

Sandbank (Foto: DW / Grit Hofmann & Carmen Meyer)

Sandbank - Küstenerosion in Mikronesien läßt Inseln verschwinden

Eine Stunde später fahren wir im Shuttlebus des Hotels auf der einzigen Straße entlang der hufeisenförmigen Insel: Links die riesige Lagune, rechts der unendliche Pazifik. Vor uns eine kleine Brücke, keine zwei Meter hoch. Der Fahrer erklärt uns, dass wir gerade den höchsten Punkt der Insel überqueren. Wahnsinn. Jeder Millimeter, den das Meer ansteigt, muss für die Menschen hier eine echte Bedrohung sein. Wir werden es herausfinden, deswegen sind wir hier.

Zeit wird hier anders definiert.

Am Nachmittag dann unsere erste Erfahrung mit dem „Island style“. Pünktlich, wie es sich für ein Kamerateam gehört, stehen wir am Steg – bereit für eine Bootsfahrt entlang der Insel. Unsere sehr engagierten Ansprechpartner vor Ort arbeiten für eine örtliche NGO, sie wollen uns das Inselprojekt „Micronesia Challenge“ zeigen. Sie haben uns eine Besichtigung der Drehorte organisiert. Doch bevor es los geht, warten wir. 10 Minuten…, 20 Minuten…, 30 Minuten... Auf Nachfrage, wann es denn losgeht, heißt es immer wieder: „In einer Minute!“ Hm, alles klar. Wir ahnen: Zeit wird hier anders definiert.

Irgendwann verlässt unser kleines Boot tatsächlich den Hafen – wir steuern hinaus in die Lagune. Was wir gezeigt bekommen, entspricht dem Klischee des Paradieses: glasklares Wasser, puderfeine Strände, Palmen. Wie ein Blick in einen Fernreisenkatalog. Doch hinter all dem äußerlich Schönen zeigt sich schnell die traurige Wirklichkeit: Wir besuchen Familien, die in undichten Hütten so nahe am Ozean wohnen, das die Kinder quasi über dem Wasser schlafen. Den Inselbewohnern bricht Stück für Stück ihr Land weg, das Paradies geht unter. Dieses Dilemma wird uns die nächsten drei Tage begleiten. Bedrückend.

Baum am Strand (Foto: DW / Grit Hofmann & Carmen Meyer)

Falscher Baum - Mit steigendem Wasserspiegel wandert die Küste ins Landesinnere

„Südseeentspannt“ - Bloß nicht nervös werden

Auf dem Weg zurück in den Hafen wieder ein besonders Zeiterlebnis: Der Bootsmotor fällt aus. Mitten in der Lagune. Eine gefühlte Ewigkeit versuchen unsere Begleiter, den Motor zu reparieren. Hartnäckig, aber erfolglos. Dann heißt es warten auf das Rettungsboot. Für uns eine weitere gefühlte Ewigkeit. Die Wellen treiben uns weit hinaus auf die Lagune, der Wind frischt auf, Wolken ziehen heran. Das Boot schwankt hin und her, der Magen ebenso. Nach zwei Stunden dann endlich: Wir werden abgeschleppt!

Am nächsten Tag stehen wir erholt und – natürlich – pünktlich erneut am Steg. Bereit zum Korallentauchen, unser erster Dreh. 8 Uhr, das war die Absprache. Leider nur tauchen unsere Protagonisten erst nach eineinhalb Stunden auf. Wir atmen tief durch, genießen die ersten Sonnenstrahlen und üben uns weiter im „Island style“: bloß nicht nervös werden! Denn eins ist klar: Unsere Interviewpartner sind alles andere als desinteressiert. Im Gegenteil, sie machen für uns möglich, was sie können. Nur auf Majuro und in Deutschland ticken die Uhren scheinbar anders. Und das übrigens auch im Büro des Präsidenten der Marschallinseln! Wir erfahren erneut: das Interview ist um einen Tag verschoben. Egal, mittlerweile sind wir fast so „südseeentspannt“ wie die Inselbewohner selbst. Überhaupt kein Problem!

Offen und ehrlich, aber Angst um die Heimat

Am Ende stellen wir fest: nichts fing pünktlich und wie geplant an, aber alles endete wunderbar. Das Team der „Micronesia Challenge“ hat uns herzlich aufgenommen, uns professionell begleitet, uns in das Inselleben eingeführt. Und sie haben uns offen und ehrlich von ihren Ängsten um ihre Heimat erzählt. Die Menschen auf den Marschallinseln lieben ihr Land. Also versuchen sie, sich gegen die Folgen des Klimawandels, gegen den steigenden Meeresspiegel, gegen das Bleichen der Korallen zu wehren. Mit den wenigen Mitteln, die sie haben.

Das beschäftigt uns noch lange - auch als wir längst wieder im Flugzeug sitzen, auf dem Weg zurück nach Berlin. Wir haben 30 Stunden Flug vor uns, immer gen Osten. Und dann ist es soweit: Wir erhalten unseren verlorenen Tag zurück.

Reporterinnen: Grit Hofmann, Carmen Meyer