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Global Ideas

Reporter-Tagebuch: "Schuhe kaufen, Tickets kaufen, Taxi fahren..."

Karl Harenbrock kann nach einer Odyssee im Schuh-Eldorado endlich auf Reisen gehen. Leicht ist das aber nicht.

altes auto mit offener kofferraumklappe (Foto: DW / Karl Harenbrock)

Schuhe kaufen

Die Winterschuhe aus Berlin waren in Lima dann doch nicht zu gebrauchen, bei 32 Grad plus. Ich steuere das nächste Kaufhaus im Stadtteil Miraflores in Lima an. Eine Kaufhauskette hat hier ein modernes Gebäude hingesetzt, dagegen sieht das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) in Berlin alt aus.

Im Eingangsbereich befindet sich, natürlich die Parfümabteilung. Herrenschuhe gibt es im zweiten Stock Wenn die Globalisierung etwas mit sich bringt dann, dass sich die Kaufhäuser auf dieser Welt immer ähnlicher werden. In der Schuhabteilung stehen alle Marken die man kennt: Adidas, Reebok, Nike. Also, ein Herrenschuh Größe 44 soll es sein. Ich wühle mich durch die Angebote, die Schuhkartons sind meterhoch gestapelt. Natürlich haben alle Schuhe die Kennzeichnung „Made in China“. Es gibt alles: Sportschuhe, Lackschuhe, Sandalen, nur die Größe 44 gibt es nicht. Ich frage einen Verkäufer. Größe 44? Der schüttelt den Kopf und geht gleich wieder. Sollte es tatsächlich in diesem Schuh-Eldorado „Made in China“ keine Größe 44 geben? Doch! Unter einem Stapel, ganz unten, entdecke ich an einem Schuhkarton die richtige Nummer.

Den Schuh im Karton hätte ich zu Hause nicht geschenkt haben wollen. Plastiksohle, braun, mit hellen Streifen kreuz und quer. Preis: umgerechnet 14,50 Euro. Darum mein Wunsch an die chinesischen Schuhhersteller: Bitte liefert demnächst nach Peru auch mal den einen oder anderen Schuh in Größe 44. - Für ganz normal gewachsene Europäer.

Ticket kaufen

Ich brauche zwei Inland-Flugtickets. Mit meinem Mitarbeiter Erwin Dopf, der schon seit 35 Jahren in Peru lebt, versuche ich es bei einer Regionalgesellschaft über das Internet. Man kann buchen, aber das bezahlen geht nicht per Kreditkarte. Mit einem Ausdruck des gewünschten Fluges gehen wir zu einer, auf der Internetseite angegebenen Bank, und versuchen dort die Flugtickets zu zahlen. Die junge Dame am Schalter prüft den Ausdruck, kein Problem, sagt sie, die Fluggesellschaft ist ein Kunde der Bank.

Ich möchte mit meiner Visakarte zahlen. Die junge Dame am Schalter lehnt ab, es werden nur Kreditkarten der eigenen Bank akzeptiert. Mit meiner deutschen Kreditkarte komme ich also nicht weiter. Aber sie akzeptiert Barzahlung in Euro. Die Tickets kosten 350 Euro. Ich lege meine 50 Euroscheine hin, sie beginnt mit ihren rot lackierten Fingernägeln jede Banknote am Rand abzutasten. Gibt es einen kleinen Riss, legt sie den Schein beiseite. Kaputte Euroscheine werden nicht akzeptiert. Erwin erklärt mir, dass Banksystem in Peru fange erst seit ein paar Jahren an, zu funktionieren. Bis vor zwei Jahren war es nicht einmal möglich eine Überweisung zu tätigen, von einer Bank zur einer anderen.

Frau mit Kind im Arm (Foto: DW / Karl Harenbrock)

Taxi fahren

In dem kleinen Dorf in den Anden miete ich ein Taxi. Die Marke: Toyota. Wohl das einzige Taxi weit und breit. Der Fahrer parkt sein Auto immer so geschickt, dass er es zum Anlassen des Motors einen kleinen Hang hinunterrollen lassen kann und dann mit dem eingelegten zweiten Gang startet. Der Trick muss sein, weil der Anlasser des Fahrzeuges defekt ist. Natürlich ist nicht nur der Anlasser kaputt, auch die Handbremse ist in einen erbärmlichen Zustand, die Rückleuchten fehlen und die Heckklappe klemmt. Aber Hauptsache, das Fahrzeug fährt. Ist gerade keine passender Hang zur Stelle lässt der Fahrer den Dieselmotor einfach laufen.

Auch an diesem Abend startet er den Wagen von einem Hang aus. Drin sitzen vier Personen, ich sitze vorne auf dem Beifahrersitz. Eine Frau stoppt uns, sie fragt, ob sie mitfahren kann? Ihr neugeborenes Baby ist krank, es hustet. Wir rücken zusammen, lassen die Frau mit ihrem Baby auf dem Beifahrersitz. Mit an Bord ist jetzt auch der Vater des Kindes, die Großmutter - zu guter letzt füllen 8 Personen das Auto, plus Baby.

Die Säuglingssterblichkeit in den Andendörfern ist sehr hoch. Das nächste Krankenhaus liegt gut eine Stunde mit dem Auto entfernt. Die junge Mutter erzählt, dass erst vor ein paar Tagen ein Säugling im Dorf an Lungenentzündung gestorben ist. Sie hat Angst, dass auch ihr Baby stirbt. Sie ist froh, dass sie mit unseren Toyota mitfahren kann. Es geht die steilen Wege hinab in die nächste Stadt zum Krankenhaus. - Ob das Baby überlebt hat, kann ich nicht mehr in Erfahrung bringen. Ein paar Tage später sitze ich Lima bei Starbucks, der amerikanischen Kaffeehauskette. Dort prangt über dem Tresen das Schild „Save the Children.“ Die machen tatsächlich Werbung damit, dass sie Kinder retten, denke ich. Mir schmeckt der Kaffee plötzlich nicht mehr.

Autor: Karl Harenbrock

Redaktion: Klaus Esterluß