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Afrika

Reparationen für Tansania?

Tansania will Deutschland für Verbrechen zur Rechenschaft ziehen, die während der Kolonialzeit begangen wurden. Dabei folgt das Land dem Beispiel Namibias, das bereits mit der Bundesregierung verhandelt.

Bisher hat die Regierung in Daressalam noch keine Forderungen erhoben. Der tansanische Verteidigungsminister Hussein Mwinyi zeigt sich jedoch zuversichtlich, dass sich das Außenministerium seines Landes so schnell wie möglich konkreter mit der deutschen Regierung auseinandersetzen werde. Eine Nachfrage aus dem Parlament hatte Mwinyi am Mittwoch dazu bewogen, aus dem Wunsch nach Entschädigung vieler Familien von Opfern ein Staatsanliegen zu machen.

Zehntausende Menschen seien in der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika getötet und gefoltert worden, erklärte Mwinyi. "Tansania folgt nun dem Beispiel anderer afrikanischer Länder wie Kenia und Namibia, die sich wegen Entschädigungen an die Regierungen ihrer ehemaligen Kolonialmächte gewandt haben." Kenia habe bereits Zahlungen von Großbritannien erhalten, Namibia stecke noch in Verhandlungen mit Deutschland, sagte der Minister im Gespräch mit der DW.

Debatte in den sozialen Medien

Die Ankündigung der Regierung stößt in den sozialen Medien auf große Resonanz. Auch DW-Nutzer reagierten auf Mwinyis Vorstoß. "Deutschland soll Entschädigungen zahlen für das Unheil, das sie uns angetan haben", schreibt Innocent Yona Isaya aus Kahama auf der Facebook-Seite des DW-Kisuaheli-Programms. Shechambo Gerald aus Bagamoyo hingegen hält nichts von dem Plan: "Ich sehe keinen Sinn darin, Kompensationen zu fordern. Wir brauchen Industrieländer wie Deutschland, die uns in unserer industriellen Entwicklung helfen. Deutschland hat da bereits viel getan."

Bundespräsident Gauck in Tansania (DW/C. Stäcker)

Großer Empfang für Bundespräsident Gauck und Lebensgefährtin Daniela Schadt in Arusha 2015

Deutschland pflegt heute ein enges Verhältnis zu seiner ehemaligen Kolonie. 2015 reiste Bundespräsident Joachim Gauck nach Tansania, auch die wirtschaftlichen Beziehungen sind gut. Doch die Erinnerungen an die Kolonialzeit belasten die Partnerschaft. Erst vergangenen November hatten ARD-Reporter aufgedeckt, dass in Berliner Museumssammlungen noch immer hunderte Schädel aus Deutsch-Ostafrika lagern. Sie stammen mehrheitlich aus dem heutigen Ruanda, 60 Schädel stammen vermutlich aus dem heutigen Tansania.

Koloniale Schuld

Das Thema koloniale Schuld rücke zunehmend auch ins Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit, sagt Niema Movassat, Mitglied des deutschen Bundestages für die Fraktion "Die Linke". Die jahrelange Debatte um die Anerkennung des Völkermordes an den Nama und Herero in Namibia habe nun auch die tansanische Regierung in ihrem Vorhaben bestärkt. "Die Zahlen der Opfer sind in Tansania sogar noch höher." Historiker schätzen, dass bis zu 300.000 Menschen zu Tode kamen, als deutsche Schutztruppen zwischen 1905 und 1907 den Maji-Maji-Aufstand im Süden Tansanias niederschlugen. Dabei brannten sie auch die Felder der Bauern nieder, Zehntausende verhungerten.

Tansania Park in Hamburg Askari Relief (picture-alliance/dpa)

Die deutsche Erinnerungskultur an die Kolonialzeit ist umstritten: Askari-Denkmal in Hamburg

Die Frage der kolonialen Verantwortung Deutschlands habe bisher nur eine untergeordnete Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung gespielt, sagt Linken-Abgeordneter Movassat. "Es gibt kein zentrales Mahnmal, das an die Verbrechen erinnert. In Schulen wird  zu wenig aufgeklärt", sagte Movassat im DW-Gespräch. "Die deutsche Kolonialgeschichte ist kaum bekannt, rückt aber jetzt stärker ins Bewusstsein durch die Klage aus Namibia. Daraus erwächst auch eine stärkere Beachtung des Themas in afrikanischen Ländern."

"Eine moralische Pflicht"

Die Kolonialverbrechen in Namibia hat die Bundesregierung vergangenes Jahr als Völkermord anerkannt. Das zeigt, dass nach mehr als hundert Jahren Bewegung in die Debatte kommt. Doch das geht manchen Namibiern nicht weit genug. Traditionelle Führer der Volksgruppen der Herero und Nama haben jetzt Klage gegen Deutschland eingereicht: Sie fordern konkrete Entschädigungszahlungen.

"Es gibt auf jeden Fall eine moralische und historische Pflicht für Deutschland, Entschädigungen zu zahlen", sagt Movassat. Und eine Reparationsklage aus Tansania habe durchaus Chancen auf Erfüllung, wenn man sich die Beispiele Kenia und Namibia anschaue. Im Januar deutete die deutsche Regierung an, möglicherweise Geld an Namibia zu zahlen. Ein Entgegenkommen, das auch tansanischen Opfervertretern Hoffnung machen dürfte. Eine Stellungnahme der Bundesregierung war bis Redaktionsschluss nicht zu bekommen.

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