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Deutschland

Rente im Aquarium oder Paella in Spanien?

Alle Spiele der WM hat der Tintenfisch Paul aus Oberhausen richtig getippt. Nun soll er seinen Ruhestand im Aquarium genießen. Doch in Spanien überlegt man, das Tier zu kaufen.

Paul hat auf Spanien getippt (Foto: AP)

Paul

Menschenschlangen stehen vor dem Eingang und warten trotz der Hitze geduldig auf den Einlass. So geht das schon seit Wochen hier am Aquarium "Sealife" in Oberhausen. Warum gehen die Leute nicht einfach ins Schwimmbad, fragt sich der ahnungslose Betrachter dieses Spektakels. Die Antwort: Hier im Aquarium lebt Paul. Und Paul ist eine Attraktion.

Ein weiser Oktopus

Paul ist ein zweieinhalbjähriger Tintenfisch - man nennt ihn auch Krake, wissenschaftlich korrekt ist auch die Bezeichnung Oktopus. Ein Oktopus hat acht Arme, neun Gehirne und drei Herzen. Bei soviel inneren Werten ist es fast glaubhaft, dass ein so ausgestattetes Tier auch hellseherische Fähigkeiten haben kann. Die ersten Beweise seiner Sinneskraft lieferte Paul bereits vor zwei Jahren bei der Fußball-Europameisterschaft.

Wie macht der das?

Paul tippt auf Deutschland gegen Uruguay (Foto: AP)

So ist's recht - Deutschland gewinnt gegen Uruguay

Paul ist scharf auf Muscheln. Während der EM 2008 kam jemand auf die Idee, zwei Glaskästchen zu nehmen und jeweils eine Muschel dort hineinzulegen. Jedes Kästchen wurde mit den Nationalfarben eines der beiden Teams ausgestattet. Dann kam Paul, der Tintenfisch, und durfte wählen. Mit dem wählerischen Griff in einen der beiden Glaskästen hatte Paul seine Muschel ausgesucht - und auf einen Sieg der Mannschaft getippt, deren Fahne das Kästchen schmückte. Hört sich einfach an, ist es aber nicht.

Bei der diesjährigen WM tippte Paul nun wieder - nicht nur die Deutschland-Spiele - und traf jedes Mal. Wie kann das sein, wurden in den letzten Wochen Wissenschaftler gefragt, und Antworten gab es genug - nicht nur von Wissenschaftlern.

Lieblingsfarbe oder Geruchsinn?

Eine Erklärung: Farbkombinationen. Vielleicht mag Paul der Hellseher rot-gelb. Beide Farben kommen sowohl in der spanischen als auch in der deutschen Flagge vor. Vielleicht hat er sich deswegen beim EM-Endspiel 2008 zwischen Deutschland und Spanien vertippt. Da hatte er nämlich auf Deutschland gesetzt. Wiederholt hat Paul einen solchen Fehler nicht.

Auge eines Tintenfischs (Foto: dpa)

Ein Blick für Farben?

Liegen die anderen richtigen Tipps daran, dass weder Großbritannien (blau-rot-weiß) noch Argentinien und Uruguay (blau-weiß) die richtige Farbkombination in ihren Landesfarben aufweisen können? Aber warum hat er dann im zweiten Gruppenspiel den serbischen Kasten (blau-rot-weiß) bevorzugt und nicht die deutschen Farben?

Vielleicht hilft da eine weitere Erklärung: Der Tintenfisch hat einen ausgezeichneten Geruchssinn. Auch wenn die Sealife-Betreiber felsenfest behaupten, dass beide Muscheln immer identischer Herkunft und Qualität waren, und damit für menschliche Verhältnisse sicher auch Recht hatten, so kann es doch immerhin sein, dass der Tintenfisch mit allerfeinster Nase zur jeweils besseren Muschel gegriffen hat. Doch auch in diesem Fall wäre die Übereinstimmung der Tipps mit dem tatsächlichen Spielausgang noch zuviel des Zufalls.

Bodyguards für eine Krake

Ungeachtet dieser Spekulationen ist Paul weltberühmt geworden. Und wie jeder Promi hat auch Paul nicht nur Fans. Unter dem Titel: "Krake Paul, wir wissen wo dein Becken steht" wurden im Internet schon wüste Drohungen gegen das Tentakel-Orakel ausgestoßen; von deutschen wie auch von enttäuschten holländischen Fußballfans. Das Internet wurde überschwemmt von Tintenfisch-Rezepten, von Fotos aufgehängter Kalamares; auf dem Videoportal youtube wurden brutalste Szenen aus chinesischen Restaurants gezeigt, in denen Oktopusse lebend in kochende Flüssigkeit geworfen werden. Doch all das erreichte den knuddeligen Paul in seinem Oberhausener Aquarium nicht wirklich. "Sealife" sorgt rund um die Uhr für "Security" und konnte so feige Anschläge gegen das Tier erfolgreich verhindern.

In Griechenland hängen Tintenfische in der Sonne (Foto: dpa)

Ohne Worte

Tintenfisch im Ruhestand

Der Trubel der letzten Tage hat sich nun nach dem WM-Ende gelegt. Und das ist gut so. Denn Paul braucht Ruhe. Er ist nämlich schon zweieinhalb Jahre alt. Und das ist ein recht hohes Alter für einen Oktopus. Um es ganz brutal deutlich zu sagen: Paul steht möglicherweise kurz vor seinem Ableben. Da will "Sealife" gut dafür sorgen, dass es dem alten Mollusken bis zum Tod gut geht. Allerdings wollen Pauls Anhänger noch nicht, dass er aufhört - im Gegenteil. Täglich landen zu Hunderten Mails mit Orakel-Fragen im Sealife-Postfach. Fragen wie "Wie lange wird Merkels Koaltition noch halten?" oder "Kriege ich dieses Jahr in Mathe eine Fünf?" sorgen zwar für allgemeine Belustigung, können aber nach wissenschaftlicher Expertise nicht von Paul beantwortet werden. So darf der Krake mit dem Zweiten Gesicht in Ruhe in seinem Aquarium den ewigen Jagdgründen unter Wasser entgegensehen.

Spanien geht in diesem Fall leer aus

Paella mit Meeresfrüchten

Paella

Daran ändert wohl auch ein großzügiges Angebot aus Spanien nichts: Ein galizisches Dorf hat Geld gesammelt und möchte Paul für 30.000 Euro kaufen. Er soll auch dort auftreten, allerdings nicht als hellseherisches Tentakel-Orakel, sondern als Maskottchen. Und zwar für ein Gastronomiefest. Im Mittelpunkt dieser Fiesta stehen Spezialitäten aus Tintenfisch. Ein Schelm, wer da Böses denkt.

Aber die Betreiber von "Sealife" in Oberhausen lassen sich auch von solch verlockenden Angeboten nicht aus der Ruhe bringen. Paul bleibt da und sicher ist: Dieser Tintenfisch wird in keiner Paella enden.

Autorin: Silke Wünsch (mit dpa, ap, afp)
Redaktion: Hartmut Lüning