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Asien

Rendite per Mausklick

Die staatlichen Banken Chinas stehen unter Druck. Im Finanzsektor mischen jetzt auch Internetfirmen mit. Eine vielversprechende Entwicklung, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

Auch in China ist der Onlinehandel längst nicht mehr aufzuhalten. Von Elektronik über Haushaltsartikel bis hin zu Kleidung oder Nahrung ist alles erhältlich und zudem noch viel günstiger als im Kaufhaus. Obwohl von den 1,3 Milliarden Chinesen erst rund 600 Millionen im Netz unterwegs sind, produziert der Internethandel schon jetzt gewaltige Zahlen. Allein am 11. November, dem inoffiziellen Singles-Day mit zahlreichen Sonderangeboten, wurden umgerechnet rund 4,3 Milliarden Euro Umsatz gemacht. Das sind fast 15 Prozent des jährlichen Betrags, der in Deutschland online umgesetzt wird – und das an nur einem Tag.

Mit Abstand größter Gewinner dieser Entwicklung ist der Internetkonzern Alibaba mit seinem Onlinemarktplatz Taobao. Alibaba plant in diesem Jahr seinen Börsengang und wird mit 120 Milliarden Dollar auf einen ähnlichen Marktwert wie der Internetriese Facebook geschätzt. Zum Handel gehören in China auch Geldgeschäfte. Deshalb scheut sich Alibaba nicht, die staatlichen Banken des Landes online anzugreifen.

Konsum und Geldanlage erleichtert

Kolumnist Frank Sieren in China (Foto: DW)

Sieren: "Ritterschlag für Online-Finanzgeschäfte"

Wenn man sich bei Taobao registriert, wird auf der Webseite ein Konto erstellt. Es kann mit Guthaben aufgeladen und dann zum Einkaufen genutzt werden. Neu ist ein System Namens Yu'e Bao. Es ermöglicht dem Nutzer, sein Geld für Investitionen freizugeben, wenn es gerade nicht für Einkäufe benötigt wird. Taobao legt das ruhende Geld dann am Kapitalmarkt an und verspricht seinen Nutzern eine hohe Rendite von derzeit um die sechs Prozent.

Solche Erträge können die staatlichen Geldinstitute Chinas mit ihren fixen Zinssätzen bisher nicht bieten. Bei ihnen sind die Renditen nur etwa halb so hoch. Was man bei einer staatlichen Bank an Zinsen kriegt, wird damit von der Inflation größtenteils wieder aufgefressen.

Attraktive Alternative zu staatlichen Banken

Die Kunden laufen deshalb in Scharen zur Internetkonkurrenz über. Innerhalb eines Jahres meldeten sich schon über 80 Millionen chinesische Kunden bei dem neuen System an, mittlerweile verfügt Taobao über ein Gesamtkapital von fast von fast 500 Millionen Yuan, umgerechnet rund 60 Millionen Euro. Und Alibaba reitet nicht alleine auf dieser Erfolgswelle. Das chinesische Unternehmen Baidu, dem die gleichnamige beliebte Suchmaschine gehört, hat ein paar Monate nach Taobao ein fast identisches Kontosystem eingeführt.

Man kann schnell verstehen, warum diese Angebote so erfolgreich sind: Ein paar Mausklicks sind schneller erledigt als der Gang zur Bank. Allerdings sind wie bei allen neuen Systemen noch viele Fragen offen. Wie lange können sich die Renditen halten? Und wer haftet bei Problemen? Geht bei einer staatlichen Bank etwas schief, springt stets der Staat ein. Die Finanzgeschäfte der Internetunternehmen sind derzeit noch unreguliert. Momentan sind die Onlinehändler nicht mehr als eine Schattenbank, von denen es offline in China schon etliche gibt.

Staat unterstützt Online-Finanzdienste

Trotzdem ist nicht damit zu rechnen, dass die Regierung die Geschäfte der Onlineunternehmen unterbinden wird. Zwar wird das Geschehen laut offizieller Stellen eingehend beobachtet, aber verboten werden solle es nicht. Im Gegenteil: Wie auf dem in diesen Tagen in Peking tagenden Volkskongress bekannt wurde, will die Regierung die Expansion der Onlinehändler in den Bankensektor sogar unterstützen.

Denn die Führung ist gerade dabei, das Finanzsystem des Landes umzukrempeln. Kapitalströme sollen über Grenzen hinweg leichter möglich sein, die Zinsen sollen liberalisiert und die staatlichen Banken Konkurrenz durch neue Privatbanken kriegen. Fünf private Geldhäuser sollen in den nächsten Jahren testweise geschaffen werden.

Öffnung des Bankensektors

Auf dem Volkskongress nannte der Chef der Bankenaufsicht, Shang Fulin, erstmals weitere Details: Die Metropolen Tianjin und Shanghai sowie die Provinzen Zhejiang und Guangdong sollen Testgebiete werden, um den Bankensektor zu öffnen. Und: Zu den Investoren, denen die Regierung gestattet hat, eine private Bank zu gründen, soll auch Alibaba gehören. Für den Onlinehändler ist das der Ritterschlag. Nun dürfte klar sein, dass die Onlinegeschäfte schon bald nicht mehr nur vom Staat geduldet, sondern sogar mit einer eigenen Bankenlizenz ausgestattet werden. Noch vor einem Jahr wäre das undenkbar gewesen.

Unser Korrespondent Frank Sieren gilt als einer der führenden deutschen China Spezialisten. Er lebt seit 20 Jahren in Peking.

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