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Europa

Renaissance des Nationalismus in Ungarn

Ein rechtsradikaler Dichter wird in Ungarn zur Schullektüre, seine Asche soll feierlich in seinem Heimatort im Nachbarland Rumänien bestattet werden – gegen den Willen der rumänischen Regierung.

Mitglieder der rechtsextremen Ungarischen Garde marschieren durch Budapest (Foto: ddp images/AP Photo/Bela Szandelszky)

Mitglieder der rechtsextremen "Ungarischen Garde" - die Organisation wurde zwar 2009, doch sie veranstaltet immer noch Zeremonien

József Nyírö wurde 1889 im siebenbürgischen Szeklerland geboren, damals noch Teil Ungarns. Er war nicht einfach ein Blut-und-Boden-Dichter, sondern einer der führenden Kulturideologen während der Schreckensherrschaft der ungarischen Pfeilkreuzler von Oktober 1944 bis März 1945, als zehntausende ungarische Juden auf Todesmärsche geschickt oder massakriert wurden. Als Symbol verwendete diese nationalsozialistische Partei in Ungarn das Pfeilkreuz, das an das Hakenkreuz der Nazis in Deutschland angelehnt war.

Truppen der Pfeilkreuzler-Regierung marschieren durch Budapest (Oktober 1944) (Foto: Bundesarchiv)

Pfeilkreuzler marschieren durch Budapest (Oktober 1944)

Im Pfeilkreuzler-Parlament diente Nyírö als Abgeordneter Siebenbürgens. Bis zur letzten Minute blieb er dem faschistischen Regime unter Pfeilkreuzler-Führer Ferenc Szálasi treu. Nach 1945 wurde er von Ungarn und Rumänien als Kriegsverbrecher gesucht, doch er konnte zunächst nach Deutschland und 1950 in Francos Spanien fliehen. Heute gehören seine Werke zur Pflichtlektüre an den Schulen Ungarns.

Rumäniens Regierung hat die Wiederbestattungs-Zeremonie zu seinen Ehren verboten. Der rumänische Premier Victor Ponta erklärte, er wolle verhindern, dass die Grabstätte von Nyírö zu einem Pilgerort für Rechtsextreme werde.

Anstelle der Begräbniszeremonie fand am Pfingstsonntag im Geburtsort des Dichters eine ökumenische Andacht statt. Neben dem ungarischen Kulturstaatssekretär Géza Scöcs war auch der Parlamentspräsident aus Budapest, László Kövér, anwesend. Er verkündete, das Begräbnis werde irgendwann sowieso stattfinden, auch gegen den Willen der "unzivilisierten, hysterischen, paranoiden, barbarischen" rumänischen Regierung. Das Volk werde "siegreich" sein, "das einen Sohn hat, dessen Asche man fürchtet“, fügte er hinzu.

Asche des Dichters nach Rumänien geschmuggelt

Inzwischen hat der ungarische Kulturstaatssekretär Géza Szöcs in der Online-Publikation index.hu zugegeben, dass die Urne mit der Asche des faschistischen Dichters nach Rumänien geschmuggelt worden sei. Er sagte, es sei trotz der konspirativen Aktion "nichts Illegales geschehen", er wisse jedoch nicht, wo sich die Asche jetzt befinde.

Nyírös geplante Neubestattung ist Teil einer völkisch-nationalistischen Renaissance in Ungarn, die vor allem Rechtsextreme seit Jahren erfolgreich forcieren. Inzwischen wird sie auch von Regierungschef Viktor Orbán und seiner rechtsnational-konservativen Partei Bund Junger Demokraten (Fidesz) immer stärker gefördert.

Dabei loten Viktor Orbán und seine Partei vor allem das Verhältnis zu jenen Nachbarländern Ungarns neu aus, in denen bedeutende ungarische Minderheiten leben, wie in der Slowakei, in Serbien und Rumänien. Nachdem es in den vergangenen zwei Jahrzehnten unter großen Mühen gelungen war, das Verhältnis zwischen Ungarn und seinen Nachbarn zu entspannen und zugleich mehr Minderheitenrechte zu sichern, befinden sich Orbán und seine Partei Fidesz nun auf einem neo-revisionistischen Kurs. Zwar ist mittelfristig nicht zu erwarten, dass am Tabu einer Neuordnung der Grenzen oder einer Revision des Trianon-Vertrages von 1920 gerüttelt wird, durch den Ungarn zwei Drittel seines Staatsgebietes verlor. Doch bedeutend mehr als während jeder anderen postkommunistischen ungarischen Regierung wird in Budapest jetzt die Einheit aller Ungarn im Karpatenbecken betont.

Faschistische Ideologen werden salonfähig

Ob im Gesetz zum "Tag des nationalen Zusammenhaltes" am 4. Juni, an dem der "Trianon-Tragödie" gedacht wird, ob in der neuen Verfassung, die Anfang 2012 in Kraft trat, oder im umstrittenen Mediengesetz - überall werden die Ungarn auf ihre "heilige Pflicht" eingeschworen, zur geistigen und seelischen Einheit aller Ungarn, zum Erhalt der Nationalkultur und der gemeinsamen Sprache beizutragen.

Parallel zu diesem "Revisionismus light" wird in Ungarn neuerdings auch wieder die Persönlichkeit von Miklós Horthy salonfähig gemacht. Horthy regierte Ungarn von 1920 bis 1944 als Reichsverweser, errichtete ein autoritäres, ultrakonservativ-klerikales Regime und verkörpert den ungarischen Revisionismus. Der notorische Antisemit war mitverantwortlich für die Deportation von mehr als 400.000 ungarischen Juden im Frühjahr und Sommer 1944, die anschließend in Auschwitz ermordet wurden. Jetzt sollen in Ungarn Gedenktafeln und Statuen an ihn erinnern.

Nationalismus schadet ungarischen Minderheiten

Der ungarische Parlamentspräsident Laszlo Köver (Foto: dpa - Bildfunk)

Parlamentspräsident Köver beschimpft die rumänische Regierung als "barbarisch"

Der Erfolg der völkisch-nationalistischen und neo-revisionistischen Linie Ungarns ist aber zweifelhaft. Ungarn ist in der EU isoliert wie kein anderes Land und gilt als stabilitätsgefährdend für Mittel- und Südosteuropa.

Mehr noch: Orbán und seine Partei haben die politischen Vertretungen der ungarischen Minderheiten in den Nachbarländern womöglich dauerhaft geschwächt. Bei den slowakischen Parlamentswahlen verpasste die von Fidesz unterstützte Ungarische Koalitionspartei (MKP) den Einzug ins Parlament, die Partei "Most-Híd" musste Stimmenverluste hinnehmen. Statt mit bis zu 14 Prozent der Sitze im Parlament repräsentiert zu sein, muss sich die ungarische Minderheit nun mit knapp neun Prozent zufriedengeben.

Ein noch schlimmeres Debakel droht der ungarischen Minderheit im November bei den Parlamentswahlen in Rumänien, nachdem in den vergangenen zwei Jahrzehnten rund 400.000 Ungarn aus Siebenbürgen abgewandert sind. Die parlamentarische Repräsentanz der Minderheit könnte - bis auf einen Pflichtabgeordneten, den jede Minderheit in Rumänien hat - dann ganz verloren gehen. Außerdem treten drei ungarische Parteien zur Wahl an, sodass die Stimmen der ungarischen Minderheit gerade einmal ausreichen könnten, um einer einzigen Partei den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde zu ermöglichen - und damit den Einzug ins Parlament.

Doch möglicherweise könnte genau das ein zynisches Kalkül von Orbán und seiner Partei sein: dass möglichst viele enttäuschte Angehörige der ungarischen Minderheit aus den Nachbarländern nach Ungarn ziehen. Orbáns Partei könnte sich so langfristig eine stabile Wählerschaft sichern. Und Ungarn würde sein gravierendes demographisches Problem lösen - auch ohne die Zuwanderung anderer Nationalitäten.