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Kultur

Renaissance der Rituale

Zur Begrüßung die Hand reichen, Ostereier verstecken, eine Hochzeit feiern mit allem, was dazugehört: Rituale reichen von kleinen Gesten im Alltag bis zur theatralischen Inszenierung. Und sie machen das Leben leichter.

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Wenn der Sandmann kommt, dann ist für kleine Kinder Schlafenszeit


Psychotherapeuten, Mediziner, Pädagogen, Präventionsforscher und Kulturwissenschaftler: Sie alle beschäftigen sich mit dem Phänomen der gesellschaftlichen Rituale. Rituale sind zum einen "ein Vorgehen nach festgelegter Ordnung" und zum anderen "das Verhalten in bestimmten Grundsituationen". Zusammengenommen heißt das: "Wenn die Menschen nach Sinn und Orientierung suchen, dann versprechen sie sich das von bestimmten Ritualen", erklärt Henrik Jungaberle vom Fachbereich Medizinische Psychologie der Universitätsklinik Heidelberg.

Papst Johannes Paul II

Papst Johannes Paul II bei einer Messe

Damit aus einer regelmäßigen Handlung oder einer Gewohnheit ein Ritual werde, bedürfe es einer symbolischen Bedeutung. "Wenn der Priester in der Kirche die Hände hebt, weiß die Gemeinde, dass er keine Pommes bestellen möchte", macht Jungaberle deutlich. Wer Macht habe, könne neue Rituale stiften. Damit sie funktionieren, brauche es allerdings auch eine Gemeinschaft von Menschen, die sie tragen, erklärt der Psychologe. Denn wenn den Ritualen diese Gemeinschaften abhanden kommen, dann verkümmern sie.

Ritual oder Folklore?

Auftakt Oktoberfest

Oktoberfest: Fressen und Saufen bis zum Umfallen

Viele Feste und Feiern haben rituellen Charakter. Zum Beispiel das Münchner Oktoberfest: Warum drängeln sich Menschenmassen in brechend vollen Zelten, mit Bierlachen auf dem Fußboden und dem fettigen Geruch von Bratfett, fragte sich Brigitte Veiz, Diplomandin der Sozialpsychologie. Ganz einfach: "Im rauschhaften Erleben wird das Individuum dem Alltag enthoben. Es kann glücklich, frei und unbeschwert in einer tanzenden, feiernden Menge sich selbst vergessen - im bayerisch-dionysischen Rausch", schreibt sie. Veiz hat jahrelang für ihre Diplomarbeit an der Basis recherchiert.

Aboriginals in Australien

Sonnenscheintanz der Aborigines in Australien

Für die Japaner auf Deutschlandreise stellt das Fest aber kein Ritual dar, sondern bloße Folklore, weil sie das Treiben nur von außen betrachten und nicht wirklich in die Gemeinschaft integriert werden. Ähnlich verhält es sich mit den Volkstänzen, die die Ureinwohner von Australien, Hawaii oder Taiwan für Touristen aufführen. "Sie werden nicht aus kultischem, sondern aus wirtschaftlichem Interesse gezeigt und fallen somit unter die Rubrik Folklore", erklärt Jungaberle.

Rituale sind wichtig

Frau balanciert Geschenke heim.

Zu Weihnachten, da gibt's Geschenke. Oder war da etwa noch was?!

Auf die besondere Rolle von Ritualen bei der Entwicklung von Kindern weist Gabriele Gloger-Tippelt hin. "Kleine Kinder benötigen mehr Rituale als Jugendliche oder Erwachsene", meint die Düsseldorfer Entwicklungspsychologin. Rituale geben Kleinkindern emotionale Sicherheit und Orientierung. Sie sind Brücken von einem Lebensabschnitt zum anderen. Wie sich ein Ritual im Laufe der Zeit verändern kann, erklärt die Psychologin am Beispiel von Konfirmation und Weihnachtsfest. "Diese Rituale werden längst nicht mehr als religiöse, sondern als Familien- oder Geschenkefeste gefeiert", sagt Gloger-Tippelt.

Zeitgenössische Rituale haben ohnehin kaum noch etwas mit Religion zu tun. In Kultur und Gesellschaft, Politik, Psychologie, Sport, Theater, Literatur, Medien und Kunst - überall gibt es Zeremonien, die nach einem immergleichen, wiederkehrenden Muster ablaufen, Gemeinschaft und Vertrautheit stiften und deshalb als Ritual wahrgenommen werden. In den schweizerischen Städten Turi und St. Gallen gibt es eine nebenberufliche "Fachschule für Rituale". Die ersten Ritualistinnen und Ritualisten verlassen die Schule Ende 2004. Sie haben pro Semester 2300 Schweizer Franken (1500 Euro) in ihre Ausbildung investiert. Was sie gelernt haben, grenzt haarscharf an Esoterik. (arn)

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