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Kultur

Reliquie in Trier: Ein Rock für viele Pilger

Pilgern boomt - auch in Deutschland. Fast eine halbe Million Menschen hat sich auf den Weg nach Trier gemacht um bei der Jubiläumswallfahrt zum "Heiligen Rock" im Dom der Stadt dabei zu sein.

Vier Wochen lang war die Bischofsstadt Zielpunkt für Besucher aus allen Teilen der Welt - aus Brasilien, Bolivien, den Philippinen, aus Osteuropa und aus ganz Deutschland. Viele Menschen haben sich zu Fuß oder mit dem Fahrrad nach Trier aufgemacht.

Sammelpunkt für erschöpfte Wallfahrer in Trier (Foto: Brüderkrankenhaus)

Rasten in der Oase

Erster Anlaufpunkt für Pilger ist hier die sogenannte Pilgeroase, ein großes, weißes Zelt, das mit zahlreichen Bänken und Tischen ausgestattet ist. "Hier können sich die erschöpften Pilger ausruhen und stärken", sagt Karin Müller-Bauer vom Bistum Trier. Man bekommt einen heißen Kaffee, Tee und Obst. Für die ganz hartgesottenen Pilger gibt es auch die Möglichkeit, hier zu übernachten - in Pagodenzelten auf Feldbetten. Fast 500 Besucher haben in den vergangenen Wochen davon Gebrauch gemacht.

Schlangestehen für die Reliquie

Von der Pilgeroase geht es quer durch die Trierer Altstadt zum Dom. Manchmal wird den Wallfahrern Geduld abverlangt - je nach dem wie lang die Warteschlangen vor dem Eingang sind. Vor dem Dom hängen rot-weiße Fahnen. In großen Holzbehältern stecken bunte Pilgerstäbe.

Pilgerschlange vor dem Dom in Trier (Foto: DW)

Vor den Toren des Doms ist Geduld gefragt

Zu den geduldig wartenden Besuchern gehört auch Brigitte Gatzen aus Dormagen. Sie sei nach Trier gekommen, weil sie als gläubiger Mensch etwas Besonderes erleben wolle, sagt sie. Im vergangenen Jahrhundert sei der Heilige Rock dreimal gezeigt worden, doch sie habe ihn noch nicht gesehen. Das wolle sie jetzt nachholen.

Drinnen, im besonderen Licht des Gotteshauses, wartet das Objekt der Begierde. Der Heilige Rock ist in einem Schrein aus Zedernholz und Glas vor dem Altar des Doms aufgebaut. Die Besucher bleiben andächtig stehen, berühren den Schrein, bekreuzigen sich, machen Erinnerungsfotos.

Echt oder nicht echt? Egal!

Der Heilige Rock wurde vor genau 500 Jahren erstmals aus dem Hauptaltar im Dom herausgenommen. Die Trierer Erzbischöfe wollten seine Existenz verheimlichen. Doch Kaiser Maximilian wollte die Tunika unbedingt öffentlich zeigen. Er setzte sich durch und zeigte das Gewand, das Jesus Christus angeblich bei seiner Kreuzigung getragen haben soll, dem Reichstag, der damals in Trier tagte, und danach dem Volk.

Eröffnungsgottesdienst im Dom in Trier zur Heilig-Rock-Wallfahrt (Foto: dapd)

Andacht am Schrein mit dem Heiligen Rock

Der Legende nach soll die Heilige Helena, die Mutter von Kaiser Konstantin, den Heiligen Rock im 4. Jahrhundert von einer ihrer Pilgerreisen aus dem Heiligen Land mitgebracht haben. Selbstverständlich wurde seitdem immer wieder über die Echtheit des Gewandes diskutiert. Selbst die katholische Kirche gibt zu, dass die nicht zu beweisen ist. Doch für viele Pilger in Trier ist nicht entscheidend, ob die Reliquie echt ist oder nicht. "Das beruht ja eh alles auf Überlieferungen", sagt Pilgerin Brigitte Gatzen, "aber ein bisschen glauben muss man schon - oder?"

Reibungslos dank Ehrenamt

Mehr als 2000 ehrenamtliche Helfer waren während der Wallfahrt im Einsatz. An ihren roten Jacken und Taschen sind sie leicht zu erkennen. Sie begrüßen neue Pilger im Empfangszelt vor dem Dom. Sie stehen drinnen im Dom am Schrein. Sie geben wichtige Informationen weiter oder beantworten Fragen rund um Wallfahrt und Rock.

Wallfahrtshelferin Wilhelmine Lautwein in Trier (Foto: DW)

Helferin Wilhelmine Lautwein

Wilhelmine Lautwein ist eine von ihnen. Seit dem Start der Wallfahrt, Mitte April, ist sie dabei. "Ich kann nur Positives berichten", sagt sie, "die Leute waren gut gelaunt trotz schlechtem Wetter. Die Emotionen, die man da erlebt, das ist einmalig. Man freut sich über Groß und Klein." Die kleinen Besucher waren vor allem die mehr als 4800 Kinder aus den Kindertagesstätten von Stadt und Region, die an drei Tagen in den Dom gekommen sind.

Poppig gefeiert und kritisch beäugt

Tag für Tag wurden während der Wallfahrt in den Trierer Kirchen mehrere Gottesdienste gefeiert: Im Palastgarten beim Kurfürstlichen Palais fanden Freiluftgottesdienste und Konzerte statt - und die wiederum nicht nur für Pilger. Die deutsche Band Frida Gold begeisterte in Trier mit Pop. Klassisch wurde es mit Gustav Mahlers Auferstehungssinfonie, ein Mammutkonzert, das in der Trierer Arena aufgeführt wurde. 400 Sängerinnen und Sänger aus Trierer Chören und die Deutsche Radio Philharmonie haben mitgewirkt.

Während der Wallfahrt haben zahlreiche Museen und Kultureinrichtungen Ausstellungen gezeigt, die die Heilig Rock Wallfahrt zum Thema haben. Darunter auch eine Ausstellung im Kulturzentrum Tuchfabrik, das sich kritisch mit der Reliquienverehrung auseinandersetzt.

Ein Rock vereinigt Konfessionen

Aus Sicht der Verantwortlichen des Bistums ist die Heilig Rock Wallfahrt erfolgreich verlaufen. Pressesprecherin Judith Rupp unterstreicht besonders den "Tag der Ökumene". Mehrere tausend Besucher anderer christlicher Glaubensgemeinschaften seien gekommen. Dass inzwischen auch evangelische Christen auf katholischen Pfaden wallfahren, mag ein Zeichen der konfessionellen Annäherung sein. Als weiteren Höhepunkt bezeichnet Rupp die Begegnung der vielen nationalen und internationalen Pilgergruppen - Begegnungen und Gespräche von Menschen, die sich vermutlich nie im Leben begegnet wären.

Pralinenhändler Uwe Bonnemann in seinem Geschäft in Trier (Foto: DW)

Süßer die Kasse nie klingelt, als zur Wallfahrtszeit...

Bei tausenden Pilgern täglich verwundert kaum, dass rund um den Trierer Dom in den vergangenen vier Wochen vielfach Ausnahmezustand herrschte. Restaurants, Eisdielen und Cafés haben demnach ebenfalls vom Pilgerstrom profitiert. Auch Pralinenhändler Uwe Bonnemann ist zufrieden. "Meine Erwartungen sind übertroffen worden", sagt er. Besonders die eigens kreierten Heilig Rock-Pralinen hätten den Geschmack der pilgernden Kundschaft getroffen.

Wenn die Heilig Rock Wallfahrt am Sonntagabend (13.05.2012) nach 31 Tagen mit einer Vesper feierlich endet, kommt der Heilige Rock, die wichtigste Reliquie des Trierer Doms, wieder zurück in die sogenannte "Heiltumskammer". Unter idealen klimatischen Bedingungen wird er dort bis zur nächsten Wallfahrt aufbewahrt - bis es irgendwann in vielen Jahren wieder heißt: Besucher aus allen Teilen der Welt sind nach Trier gekommen...

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