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Deutschland

Religiöse Fanatiker werben im Verborgenen

Der Rechtsterrorismus wird in Deutschland mit hoher Priorität bekämpft, im Hintergrund lauern jedoch die Gefahren des religiösen Extremismus. Die radikalen Salafisten stechen besonders hervor.

"Wir müssen verstehen, dass der Islam eine Religion des Handelns ist, eine Religion der Taten (…). Jeder von uns sollte wissen, dass das Ziel das Paradies ist. Also verschwendet keine Zeit, dahin zu gelangen." So lautet die Botschaft eines radikalen und vorbestraften Konvertiten, der sich vermutlich bald wieder in Deutschland aufhalten wird. Gerichtet ist dieser Aufruf an die salafistische Szene in Deutschland, einer Minderheit der Muslime, die sich am Vorbild muslimischer Gründerväter orientiert. Die Anhänger des Salafismus lehnen Neuerungen der muslimischen Religionsgeschichte ab. Salafisten sind die derzeit am stärksten wachsende islamistische Gruppierung in Deutschland, die neben Ulm, Frankfurt und Berlin vor allem in Nordrhein-Westfalen aktiv ist. Das Spektrum reicht von harmlosen, rein am Glauben orientierten Anhängern bis hin zu Gewalt befürwortenden Salafisten.

Nährboden für die Kriminalisierung

Mathilde Koller, Leiterin des NRW-Verfassungsschutzes (Foto: Ministerium für Inneres und Kommunales NRW)

Mathilde Koller: "Prävention ist enorm wichtig"

Der politische Salafismus aber gilt als Nährboden für Radikalisierungsprozesse, die gerade Jugendliche in die kriminelle Sackgasse führen können. Aktuelle Entwicklungen machen deutlich, dass der religiös motivierte Extremismus nach wie vor eine Gefahr darstellt. "Wir sehen mit Sorge, dass überregional bekannte Salafisten nach Nordrhein-Westfalen einreisen. Eine Quantifizierung oder Qualifizierung der Gefahr kann man mit diesem Faktum aber nicht verbinden", sagt Mathilde Koller, Leiterin des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen. Jugendliche seien die Hauptzielgruppe der Salafisten, auch weil sie leicht empfänglich seien für Botschaften, die einfache Lösungen für das Leben gäben.

Pionier des "Internet-Dschihad" nun in Frankfurt

Anlass zur Sorge gibt der Umzug des Österreichers Mohammed Mahmoud nach Deutschland Ende 2011. Zuerst wohnte er in Berlin, dann übernahm er eine umstrittene Moschee in Solingen. Jetzt ist der 26-Jährige, der sich "Abu Usama al-Gharib" nennt, im Raum Frankfurt gemeldet. Seit seiner Haftentlassung in Österreich, hält er bundesweit Islam-Seminare in Deutschland und wirbt im Netz für die salafistische Lehre. Österreichs bekanntester Islamist gilt als Pionier des "Internet-Dschihad", der auch für die Produktion von Drohvideos verantwortlich gewesen sein soll. Zeitgleich soll der Ex-Rapper "Deso Dogg" von Berlin nach Bonn gezogen sein. Er hatte sich von der Musik abgewandt und wirbt nun ebenfalls als Prediger "Abu Talha" für salafistisches Gedankengut.

Hans Willi Körfges, SPD-Landtagsabgeordneter (Foto: NRW-SPD)

Hans Willi Körfges: "Die Mehrheit friedliebender Muslime hat zu leiden“

Zwar wurde der in Mönchengladbach ansässige islamistische Verein "Einladung zum Paradies" aufgelöst – Anlass zur Entwarnung ist das aber nicht: "Solange Menschen mit solchen Bestrebungen regelmäßig in Städten auftauchen und durch öffentlichkeitswirksame Aktionen auf sich aufmerksam machen, muss man das sorgsam beachten", sagt der NRW-Landtagsabgeordnete Hans Willi Körfges (SPD) .

Bürger-Bündnis wehrt sich gegen Islamisten

Die beiden Wohnortwechsel des Prediger-Duos gelten als Akt der Konzentration der deutschsprachigen Salafisten-Szene in Nordrhein-Westfalen. Allerdings ist die Szene sehr dynamisch, so dass sich Zentren schnell verschieben. Erfolgreich zur Wehr gesetzt hatte sich ein breit angelegtes Bürgerbündnis in Solingen: Die Ablehnung der Aktivitäten des Österreichers "Abu Usama al-Gharib" im Umfeld der "Millatu-Ibrahim-Moschee" war möglicherweise der Grund für seinen raschen Ortswechsel nach Frankfurt. Obwohl der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz keine erhöhten Gefahren sieht, hält auch er es für besorgniserregend, dass solche Prediger bei Jugendlichen auf erheblichen Zuspruch stoßen. "Das Schlimmste daran ist, dass die weitaus überwiegende Mehrheit friedliebender Muslime darunter zu leiden hat", sagt Hans Willi Körfges. Wenn diesen extremistischen Bestrebungen nichts Effektives entgegengesetzt würde, bestehe die Gefahr der Ausgrenzung aller Muslime.

Prävention wichtiger denn je

Die Mehrheit der Muslime lehnt eine salafistische Auslegung des Islams ab. Sie werden daher ebenso wie Christen, Juden oder Atheisten als "Ungläubige" betrachtet. In rund 30 Moscheen Nordrhein-Westfalens wird die salafistische Ideologie verbreitet. Die Anzahl der gewaltbereiten, so genannten Dschihadisten, ist allerdings sehr gering und liegt – gemessen an der Gesamtbevölkerung – unter einem Prozent. Verfassungsschutz und Polizei arbeiten bei der Bekämpfung des religiös motivierten Extremismus eng zusammen. Dabei kommt der Prävention eine bedeutsame Rolle zu: "In unserer Präventionsarbeit setzen wird darauf, dass junge Muslime oder Nicht-Muslime, die die Zielgruppe der Islamisten sind, gar nicht erst in deren Fänge geraten", sagt Mathilde Koller. Das heißt, dass sie zum Beispiel im Politikunterricht zu unterscheiden lernen zwischen dem Islam als Religion und fundamentalistischen Ausprägungen einer Ideologie, die bis ins kriminelle Milieu führen kann. Auf Tagungen werden Multiplikatoren über Lebenswelten potentiell gefährdeter Jugendlicher informiert, Strategien salafistischer Propaganda analysiert. Jahresberichte oder aktuelle Erkenntnisse des Verfassungsschutzes sind zudem online abrufbar.

Dialog mit Fundamentalisten?

Abdlqalk Azrak im Büro des Integrationsrats Bonn (Foto: Abdlqalq Azrak)

Abdlqalk Azrak: "Können den Extremismus im Griff behalten"

Reichen aber diese Aufklärungsmaßnahmen für eine effektive Präventionsarbeit? Abdlqalk Azrak ist Vorstandsmitglied einer Bonner Moschee, in der auch extrem religiöse Leute zum Beten kommen. Abweisen kann er sie weder auf gesetzlicher Grundlage, noch aus religiöser Sicht. Er plädiert daher für eine Präventionsstrategie, die national wie international sehr kontrovers diskutiert wird: den Dialog mit nicht gewaltbereiten Fundamentalisten, der beispielsweise in Norwegen praktiziert wird. "Unser Dialogangebot sollte sich an junge Leute richten, die sich für extremistische Ideologien begeistern könnten – dann könnten wir den Extremismus im Griff behalten", sagt Abdlqalk Azrak. Beim Umzug in die neue Bonner Moschee, die derzeit noch gebaut wird, würde man seitens der Moschee sehr genau hinschauen, dass fremde Leute keine unerwünschten Aktivitäten betrieben.

Autorin: Ulrike Hummel
Redaktion: Arne Lichtenberg

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