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Politik & Gesellschaft

"Relativ gute Chancen für Humala"

Bei der Stichwahl am 5. Juni in Peru treten Ollanta Humala und Keiko Fujimori gegeneinander an. Die besseren Chancen hat der frühere Militär Humala, erklärt der Publizist Wolf Grabendorff im Interview mit DW-WORLD.DE.

Ollanta Humala (Foto: picture alliance)

Ollanta Humala

DW-WORLD.DE: Wie sehen Sie das Wahlergebnis von Peru, sind Sie auch so kritisch wie der Schriftsteller Mario Vargas-Llosa, der gesagt hat, dass die Wahl zwischen Ollanta Humala und Keiko Fujimori eine Wahl zwischen Aids und Krebs wäre?

Wolf Grabendorff: Da muss man wissen, dass Vargas-Llosa eine besondere Haltung zu diesen politischen Entwicklungen hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es so extrem interpretiert werden kann, zumal Humala ja heute nicht mehr so extrem ist, wie er vor fünf Jahren war. Humala hat einen sehr geschickten Wahlkampf geführt, in dem er versichert hat, dass er nicht verstaatlichen wird, und dass er nicht vorhat, das Modell des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez zu übernehmen. Das hängt damit zusammen, dass er Chávez sehr nahe stand vor fünf Jahren, als er zum ersten Mal als Präsidentschaftskandidat angetreten ist. Jetzt orientiert er sich aber stärker am ehemaligen brasilianischen Präsidenten Lula und dessen Politik. Das ist ja eine sehr erfolgreiche Politik in Lateinamerika gewesen. Im Moment stehen die Chancen für Humala relativ gut, die Stichwahl zu gewinnen.

Für welches Wirtschaftsmodell steht Keiko Fujimori?

Sie steht für ein Modell, das wesentlich autoritärer und rechtspopulistisch ist. Sie wird ein Wirtschaftsmodell durchführen, wie es schon unter ihrem Vater der Fall war: dass der Staat das Sagen hat und der Wirtschaft viel Raum lässt, aber dort, wo es ihn interessiert, auch direkt interveniert.

Sie liegt ja jetzt fast acht Prozentpunkte hinter Humala. Hat sie eine Chance, den Rückstand noch aufzuholen?

Das ist schwer zu sagen. Peru ist immer ein Land gewesen, in dem es zu Überraschungen bei Wahlen gekommen ist und wo die sogenannten Outsider, die nicht zum Parteiensystem gehören, die beste Chance gehabt haben. Man kann nicht ausschließen, dass sie noch aufholt. Aber ich halte es für relativ unwahrscheinlich, weil sie, ähnlich wie Humala auch, einen sehr großen Ablehnungsfaktor in der Bevölkerung hat. Es gibt viele Leute, die sich an ihren Vater erinnern. Und zwar nicht positiv. Deswegen ist die positive Seite, dass sie eine Frau ist und dass in Lateinamerika immer mehr Frauen gewählt werden, nicht so durchschlagend, weil Humala auch derjenige ist, der das bessere Programm vorgelegt hat. Sie hat programmatisch bislang sehr wenig ausgesagt.

Was ist es für ein Peru, das Alan Garcia seinem Nachfolger hinterlässt? Wo liegen die größten Herausforderungen für den neuen Präsidenten?

Das Land steht wirtschaftlich ganz hervorragend da. Eine der großen Auseinandersetzungen auch jetzt im Wahlkampf war, dass von diesen wirtschaftlichen Leistungen – ein Wachstum von bis zu acht Prozent – sehr wenig bei einem Großteil der Bevölkerung angekommen ist. Das heißt, es geht nicht darum, die Wirtschaft zu verbessern, sondern es geht darum, besser umzuverteilen. Die Armutsraten sind weiterhin außerordentlich hoch in Peru. Und vor allen Dingen besteht eine große Ablehnung gegenüber der politischen Klasse. Es gibt kein Land in Lateinamerika, in dem die Politiker, die politische Klasse und die Parteien so schlecht angesehen sind, wie in Peru. Es ist ein Land, in dem vor allem soziale Reformen und Reformen im Erziehungs- und Gesundheitsbereich sehr anstehen.

Wäre Humala denn geeignet, diese Reformen durchzuführen? Peru ist ja ein sehr gespaltenes Land.

Die Polarisierung bestand schon vor den Wahlen. Sie ist durch den Wahlkampf verstärkt worden und wird nach den Wahlen weiter bestehen. Vor allem die Mittelklasse, die unter den Präsidenten Toledo und García aufgestiegen ist, hat große Bedenken gegenüber Humala. Die Polarisierung kann der neue Präsident nicht leicht überwinden, obwohl er im Wahlkampf immer seine Dialogbereitschaft zur Schau gestellt hat und auch davon gesprochen hat, ein nationales Einheitskabinett zu bilden.

Welche außenpolitischen Folgen wird der anstehende Regierungswechsel haben?

Humala ist ein sehr nationalistischer Kandidat. Das kommt auch daher, dass er aus dem Militär kommt. Er hat sich Chile gegenüber sehr kritisch geäußert. Chile und Peru sind seit 2007 vor dem International Gerichtshof in Den Haag im Streit über die Grenzziehung auf der Meeresseite. Der Entscheid wird erst 2013 fallen. Die Beziehungen zu Chile werden sich unter Humala sicher nicht verbessern. Er hat auch Kritik geäußert darüber, wie in Chile die Einwanderer aus Peru behandelt werden. Seine Kritik gegenüber den USA ist auch bekannt. Auch da spielt sein Nationalismus eine Rolle. Aber er wird sich wohl auch nicht gleich der ALBA – also der Organisation der Chávez und die Kubaner vorstehen – in die Arme werfen. Aber er wird sicher nicht mehr eine so pro-chilenische und auch pro-kolumbianische Politik – um die konservativen Länder in seiner Umgebung anzusprechen – betreiben, wie das Alan García getan hat.

Interview: Valeria Risi

Redaktion: Mirjam Gehrke

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