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Wissen & Umwelt

Rekordschmelze in der Arktis

Das Interesse an der Arktis steigt mit der Erderwärmung. Denn sie erleichtert den Zugang zur Region und entfesselt die Jagd nach Rohstoffen. Welche Folgen hat das für die Arktis und den Rest der Erde?

Tromsö in Norwegen wird oft Tor zur Arktis genannt Irene Quaile, Tromsö 2011

Norwegen Tromsö Gateway to the Arctic

Es war ein Sommer der Rekorde im hohen Norden. Das Meereis schrumpfte nicht nur auf die kleinste Ausdehnung seit Anfang der Satellitenaufzeichnung vor 40 Jahren. Noch gravierender sei der Verlust an älterem, dickerem Eis und daher an Eisvolumen, erklärt Walt Meier vom US-National Snow and Ice Data Centre (NSIDC).

Seit 1979 habe der arktische Ozean 50 Prozent seines Sommereises verloren. Die Nordpassage sei 2012 weitgehend eisfrei gewesen, erklärte der Forscher auf dem Arctic Futures Symposium der International Polar Foundation und des EU-Komitees der Regionen in Brüssel.

Das Grönlandeis schmilzt immer schneller

Auch der grönländische Eisschild, die größte Süßwasserfläche der nördlichen Halbkugel, verlor in diesem Sommer dramatisch an Masse, erzählt Glaziologe Konrad Steffen, Direktor der Schweizer Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL. Seit 1999 überwacht er jeden Sommer von einem Forschungscamp auf Grönland aus die Entwicklung des Eisschilds.

"Wir haben zum ersten Mal erlebt, dass die Temperatur über der ganzen Fläche, vom Meeresniveau bis zum höchsten Punkt in einer Höhe von 3.300 Meter, über dem Gefrierpunkt war - und das während zwei Phasen in diesem Sommer", sagt Steffen. "Aus Eisbohrkernen wissen wir, dass das vor 150 Jahren das letzte Mal geschah. In der Vergangenheit hatten wir ein ähnliches Ereignis nur vier Mal in tausend Jahren. Leider nimmt die Häufigkeit zu. Seit 2000 registrieren wir eine zunehmende Schmelze über die ganze Höhe des Eisschildes."

Jedes Jahr verliert laut Steffen der Eisschild 250 bis 350 Gigatonnen Eis. "Das wäre drei bis vier Mal so viel wie das ganze Eis der europäischen Alpen", erklärt er.

Schmelzendes Eis wärmt den Rest der Welt

Grönland, schmelzendes Eis, Schmelzwassersee, aus der Luft gesehen Bild: Irene Quaile

Schmelzwasser absorbiert Wärme

Die Arktis reagiert viel empfindlicher als andere Erdteile auf die globale Erwärmung. Der Schnee reflektiere normalerweise bis zu 90 Prozent der Sonnenstrahlung zurück ins All, erklärt Steffen. Wenn der Schnee schmilzt und das Meereis zurückgeht, absorbieren die dunkleren Flächen wesentlich mehr Wärme. So verstärkt sich die Erwärmung in einer positiven Rückkopplung - mit Auswirkungen auf den ganzen Planeten.

Die Veränderungen des Eises bereiten vielen Ureinwohnern der Arktis Probleme. Duane Smith ist Präsident des Inuit Circumpolar Council in Kanada, einer Organisation, die die 160.000 Inuit in Grönland, Kanada, Alaska und Chukotka, Russland, vertritt.

"Das Meereis ist wie unsere Autobahn", sagt Smith, "für viele Gemeinden ist es die einzige physische Verbindung." Die Eisschicht sei heute aber oft nicht mehr stabil genug, um mit Hunde- oder Motorschlitten zu fahren. Die Jagd nach Eisbären oder Seehunden werde erschwert. Viele Küstenbewohner müssten umgesiedelt werden, da das Meereis die Küste nicht mehr vor Erosion schütze. Auf Permafrost stehende Gebäude stürzten regelmäßig ein. "Friedhöfe und andere kulturell wichtige Stätten werden ins Meer gespült", so der Inuit-Vertreter.

Großstädte der Welt unter Wasser?

Die Thames Barrier ist das größte bewegliche Flutschutzwehr der Welt.

Die Thames Barrier in London ist das größte bewegliche Flutschutzwehr der Welt.

Nicht nur in der Arktis werden Küstengemeinden die Veränderungen im Hohen Norden spüren. Das Abschmelzen des Landeises mache sich jetzt schon im globalen Meeresspiegelanstieg bemerkbar, erklärt Eis- und Klimaforscher Steffen. Das Grönlandeis alleine bewirke schon ein Millimeter Anstieg pro Jahr.

"Seit zehn Jahren beobachten wir, dass der Eisverlust immer größer und schneller wird", sagt Steffen. "Die große Frage ist: Was wird in 50 oder 100 Jahren passieren? Nach den gängigen Modellen könnte der Meeresspiegel um 50, 80 oder sogar 100 Zentimeter ansteigen". Der britische Polarexperte David Vaughan warnt vor den Konsequenzen für Städte wie Amsterdam, London oder Hamburg. Auch Kernkraftwerke am Meer riskierten, überflutet zu werden.

Nur die Veränderung bleibt konstant

Selbst wenn man einen weiteren Anstieg der CO2-Emissionen vermeiden könnte, würde das Meeresniveau weiter steigen, so Konrad, mindestens über die nächsten 50 Jahre. Gustav Lind sieht das ähnlich. Der schwedische Arktis-Botschafter hat zurzeit den Vorsitz im Arktischen Rat, der Organisation der Arktis-Anrainer. "Es wird sehr schwierig sein, den CO2-Anteil in der Atmosphäre zu reduzieren", sagt er. "Die Arktis wird sich weiter verändern. Die einzige Möglichkeit, sie längerfristig zu schützen, wäre eine Lösung innerhalb der internationalen Klimaverhandlungen."

Gleichzeitig werde man sich an die veränderten Bedingungen anpassen müssen. Neue Wirtschaftszweige wie der zunehmende Tourismus oder der Zugang zu Öl, Gas und Mineralien könnten alternative Arbeitsplätze bieten, sagt der Schwede. So werden in der Zwischenzeit die Schifffahrt und die Suche nach Ressourcen in der Arktis zum Tagesgeschäft.

Gewinner des Klimawandels

Nicht alle sind über die Klimaveränderungen in der Arktis unglücklich. Seit zwanzig oder dreißig Jahren suchen die Grönländer beispielsweise vor ihrer Küste nach Öl, Gas und wertvollen Mineralien, erklärte Innuteq Holm Olsen, stellvertretender Außenminister der Eisinsel im Gespräch mit der Deutschen Welle. Der Rückgang des Meereises erleichtert diese Aktivitäten.

Olsen freut sich über das wachsende Interesse großer internationaler Konzerne an der Arktis. "Konkurrenz belebt das Geschäft", sagt er. Noch habe man nur kleine Öl- und Gasvorkommen vor Grönland entdeckt, die nicht kommerziell verwendbar seien, so Olsen. Im kommenden Jahr würden aber weitere Lizenzen für Probebohrungen erteilt. Noch ist die teilautonomische Insel sehr stark von Subventionen aus Dänemark abhängig. "Die Suche nach Öl ist Teil eines größeren politischen Plans", sagt der Grönländer. Man strebe so viel Unabhängigkeit an wie möglich. "Dafür brauchen wir Geld."

In Russland genießt das Geschäft mit Öl und Gas aus der Arktis bereits höchste Priorität, sagt Charles Emmerson, Coautor einer Studie zu den Chancen und Risiken wirtschaftlicher Aktivitäten in der Arktis, die von der britischen Denkfabrik Chatham House und der Versicherungsgesellschaft Lloyds in Auftrag gegeben wurde. Vor Alaska musste Shell allerdings nach technischen Pannen die Suche nach neuem Öl für dieses Jahr beenden.

Wenn es darum gehe, die Risiken abzuwägen, müsse man zwischen unterschiedlichen Regionen der Arktis unterscheiden, so Emmerson. Er schätzt die Barentsseeregion beispielsweise als weniger gefährlich ein als andere eisbedeckte Bereiche. Schließlich entscheiden aber die Kosten - und die Energiepreise auf dem Weltmarkt - über das Ölgeschäft in der Arktis.

Gefahr für Umwelt und Klima

Greenpeace-Aktivist Bild: Markel Redondo / Greenpeace

Greenpeace lehnt Ölbohrungen in der Arktis ab

Umweltschützer sehen in der Suche nach weiteren Ölquellen neben den unmittelbaren Risiken für die empfindliche Umwelt der Arktis ein Paradox. Die erst durch den Klimawandel möglich werdende Ausbeutung von neuen Öl- und Gasressourcen in der Arktis würde zu einer weiteren Erwärmung durch CO2-Emissionen führen, führt beispielsweise Greenpeace an.

Die Organisation betreibt eine groß angelegte Kampagne zum Schutz der Arktis vor Ölbohrungen. Arktisbotschafter Lind und seine Kollegen im Arktischen Rat möchten die wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven für die Arktis aber von dem Klimaproblem getrennt sehen. Für das Emissionsproblem seien die globale Gemeinschaft und die UNO-Klimaverhandlungen zuständig, so Lind.

"Die Welt ist eben noch nicht an einem Punkt angekommen, wo die Ölförderung und -produktion politisch oder ethisch nicht mehr akzeptabel sind", erklärt Energieexperte Charles Emmerson. Man könne nicht erwarten, dass Länder oder Regionen auf Ressourcen in nächster Nähe verzichteten, um das globale Klima zu schützen - vor allem, wenn man Zweifel habe, dass man den Klimawandel überhaupt werde aufhalten können. "Das Hauptproblem ist der globale Ölkonsum. Wenn wir das in den Griff bekämen, würden die anderen Probleme verschwinden", so Emmerson.

Seit dem Ölunfall Deep Water Horizon im Golf von Mexiko ist die Öffentlichkeit für die Gefahren der Ölförderung sensibilisiert. Man wisse auch, dass es wesentlich schwieriger sei, in abgelegenen Regionen der Arktis auf einen Ölunfall zu reagieren, bestätigt Emmerson. Neulich hat der CEO vom Energiekonzern Total das Ölgeschäft in der Arktis für zu riskant erklärt. Als Hintergrund sieht Emmerson die Sorge um das Image der Firma - und damit den Geschäftserfolg.

Bei der Entscheidung für kostspielige Aktivitäten in der Arktis gehe es längst nicht nur um die technische Machbarkeit, so der britische Fachmann. Die Öffentlichkeit stehe solchen Projekten skeptisch gegenüber. Die Auswirkung auf den Ruf der Ölgiganten im Falle eines Ölunfalls in der ehemaligen weißen Wildnis wäre verheerend.

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