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Alltagsdeutsch – Podcast

Reitersprache

Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde – über solche Weisheiten kann man geteilter Meinung sein. Klar ist, von der einstigen Bedeutung des Reitens zeugen in der Umgangssprache noch viele Redewendungen.

Sprecher:

Heute geben wir uns mit einer Pferdestärke nicht mehr zufrieden, und das Zugtier von einst ist auf die Reiterhöfe verbannt. Doch in ihrer Umgangssprache drücken sich die Deutschen manchmal noch immer so aus, als hätten sie vor dem Haus kein Auto, sondern eine Pferdekutsche stehen.

Sprecherin:

Stellen wir uns vor, wir wollten eine Kutschfahrt machen oder ausreiten. Unser Pferd hat aber lange Zeit auf der Weide gestanden und darum keine Hufeisen. Wir müssen es erst einmal zum Schmied bringen und beschlagen lassen, denn ein Reit- oder Kutschpferd sollte stabile Hufeisen haben, es sollte gut beschlagen sein. Was es sonst noch heißen kann, gut beschlagen zu sein, das wollte ich von einer Spaziergängerin wissen:

O-Ton:

"Gut beschlagen? Gott, das ist ja 'ne asbachuralte. Intelligent. Gutes Wissen über ein bestimmtes Gebiet oder eine bestimmte Frage."

Sprecher:

Jemand, der gut beschlagen ist in einer Sache, kennt sich gut aus damit, er weiß viel darüber. Wie das gut beschlagene Pferd auf festen Hufeisen steht, so hat der gut beschlagene Fachmann eine solide Grundlage auf einem bestimmten Gebiet.

Sprecherin:

Die Spaziergängerin war regelrecht empört über meine Frage. Sie fand, dass der Ausdruck gut beschlagen sein eine asbachuralte Redewendung ist.

Sprecher:

Der Ausdruck asbachuralt bezieht sich auf ein alkoholisches Getränk, nämlich den Weinbrand der Firma Asbach. Der wurde den Käufern als sehr alt, nämlich als asbachuralt angepriesen. Über die Werbung gelangte der Slogan dann in die Umgangssprache.

Sprecherin:

Die befragte Dame hält den Ausdruck gut beschlagen sein demnach schlicht für veraltet, sie würde den Ausdruck selber gar nicht mehr benutzen. Sie hatte es ohnehin eilig, und da wollte ich sie auch nicht weiter mit Beschlag belegen. Was das heißt, das konnten mir andere Spaziergänger übrigens problemlos erklären:

O-Töne:

"Wenn man eigentlich immer sehr offen und zugetan ist und dann die Leute nicht merken, wenn man‘s eilig hat, oder man möchte weg, oder man hat was anderes vor, oder man hat Besuch, und es ist jemand so penetrant und geht einem dann wirklich nicht von der Pelle, das, sicher, das erleb‘ ich auch häufiger schon mal." / "Jemanden vereinnahmen, das heißt, ihm so zuzureden oder so zu beschäftigen, dass derjenige überhaupt keine Möglichkeit hat, auszuweichen beziehungsweise sich gar nicht mehr um das kümmern kann, worum er sich vielleicht kümmern möchte." / "Oftmals im Bekanntenkreis, nich', wo man dann auch sehr schnell vereinnahmt wird und etwas mehr tun muss, als man vielleicht möchte und so fort." / "Die meisten Situationen sind einfach beruflich bedingt. Das kommt, weil ich im sozialen Bereich arbeite und da ja immer ganz viele Leute was von einem wollen." / "Jemandem auf den Geist gehen, jemanden nerven, zu viel da zu sein, genau so."

Sprecher:

Mit Beschlag belegen bedeutet ursprünglich dasselbe wie "beschlagen", nämlich mit einem Hufeisen versehen. Jemand, der einen anderen mit Beschlag belegt, drängt sich ihm mit seinen eigenen Belangen auf, er nagelt sie – bildlich gesprochen – am anderen fest.

Sprecherin:

Tja, leider haben nicht alle Menschen genug Feingefühl, um zu merken, wann sie einen anderen in Ruhe lassen sollten. Wenn man diesen Leuten gegenüber freundlich bleibt, wird man sie gar nicht mehr los, sie gehen einem nicht mehr von der Pelle, wie die zuerst befragte Dame erlebt hat.

Sprecher:

Bei "Pelle" denkt mancher Deutsche gleich an eine Wurstpelle, also die Haut, in die die Wurst gepresst wird. Ursprünglich bezeichnet "Pelle" ganz allgemein eine dünne Haut, aber auch die Kleidung eines Menschen. Wer einem anderen auf die Pelle rückt oder auf der Pelle sitzt, kommt ihm demnach zu nahe. Er klebt ihm so zu sagen direkt auf der Haut beziehungsweise auf der Kleidung und lässt nicht von ihm ab. Er geht ihm nicht von der Pelle. Solche Menschen können uns ganz schön zusetzen. Sie strapazieren unseren Geist und unsere Nerven oder – mit anderen Worten – sie gehen uns auf den Geist und auf die Nerven oder, wie man auch kurz sagen könnte: Sie nerven uns.

Sprecherin:

Zurück zu unseren Vorbereitungen zum Ausritt. Unser vorgestelltes Pferd war also beim Hufschmied und ist inzwischen gut beschlagen beziehungsweise mit Beschlag belegt. Es kann also theoretisch losgehen, wenn das Pferd mitmacht, denn ein Pferd kann bekanntlich sehr eigenwillig sein. Wir müssen uns darum gut durchsetzen können und sollten die Zügel fest in die Hand nehmen. Die Zügel fest in der Hand zu haben, ist auch in anderen Lebenslagen von Vorteil, wie ich bei meiner Umfrage erfuhr:

O-Töne:

"Das kann beruflich sein, das kann auch in der Familie sein, wenn man also möchte, dass das in der Familie geordnete Bahnen geht, dann kann man versuchen, darauf Einfluss zu nehmen, ja, und die Zügel ein bisschen anziehen." / "Eine Sache im Griff zu haben. Herr der Lage zu sein. In der Ehe zum Beispiel, dass man das Sagen hat." / "Meistens benutzt man den Begriff den Zügel in der Hand halten ja so bei Pantoffelhelden, ne? Wenn man dann so 'n Pärchen sieht und nach einer Weile dann ganz klar ist, wer da eigentlich die Hosen anhat, ne, der sagt, wo's längs geht."

Sprecher:

Wer die Zügel fest in der Hand hält, hat das Sagen, nämlich das entscheidende Sagen, er hat die Führung. Wie ein Reiter durch die Zügel die Richtung bestimmt, so bestimmt auch er, wo's lang geht, welchen Weg man also – bildlich gesprochen – einschlägt.

Sprecherin:

In der Ehe sollte traditionell der Mann das Sagen haben, was durchaus nicht heißt, dass er auch immer Herr der Lage war beziehungsweise die Sache im Griff hatte, dass er also mit allen Lebenslagen souverän umgehen konnte. Oftmals war der Mann darum auch nur nach außen hin das Oberhaupt seiner Familie, und in Wirklichkeit hatte die Frau die Hosen an.

Sprecher:

Die Hose als traditionell männliches Kleidungsstück steht bildhaft für männliche Autorität. Wenn in früheren Jahrhunderten eine Frau Hosen anzog, verletzte sie nicht nur die Anstandsregeln, sie brachte auch die Geschlechterrollen gefährlich ins Wanken. Aber auch im züchtigen Hausfrauenkleid konnte sie diejenige sein, die im Haus bestimmte, die also in Wirklichkeit die Hosen anhatte. Ein Ehemann, der unter der Herrschaft seiner Frau stand, wurde gerne als Pantoffelheld verspottet. Er hatte zu Hause nichts zu sagen und stand, wie man auch sagen könnte, unter ihrem Pantoffel.

Sprecherin:

Das Leben würde wohl keinen Spaß machen, wenn wir immer und überall die Zügel fest in der Hand hätten. Ab und zu ist es ganz erholsam, die Zügel auch mal locker zu lassen oder mit anderen Worten, die Zügel schleifen zu lassen.

O-Töne:

"Nicht streng sein, fünf gerade sein lassen, tolerant sein."

Sprecherin:

Wenn wir die Zügel schleifen lassen, nehmen wir es mal nicht so genau, wir lassen mit anderen Worten fünf eine gerade Zahl sein beziehungsweise kurz gesagt: fünf gerade sein. Mal ehrlich, ab und zu würden wir selber doch auch gern mal alles stehen und liegen lassen und etwas Verrücktes unternehmen. Das macht allerdings alleine keinen Spaß. Für solche Aktionen brauchen wir einen Freund oder eine Freundin, die alles mitmacht, einen Menschen, mit dem man Pferde stehlen kann. Die Leute, die ich hierzu fragte, kannten das alle:

O-Töne:

"Aus der Kindheit. Da hatte ich 'ne Freundin, die hieß Conny, und mit der bin ich immer Pferde stehlen, also sozusagen, weil wir haben viel gemeinsam gemacht und waren in der Scheune und auf den Feldern und sehr abenteuerliche Spiele halt gespielt, und das, das waren so Situationen." / "Mit jemandem alles machen können, also er ist zu allem bereit und macht alles mit." / "Oh ja, mit meiner Freundin. Wir beide können einiges machen zusammen. Zum Beispiel Hundeausstellung, wenn wir da zusammen sind, halten wir verdammt zusammen, dass wir die Leute auch so 'n bisschen veräppeln. Das heißt Pferde stehlen." / "Durch dick und dünn gehen zu können. Also, Pferde stehlen mit jemandem heißt, sich hundert Prozent auf jemand verlassen zu können. Dass ich denke, verrückte Aktionen mit jemandem starten zu können und zu wissen, der wird nicht schlecht gelaunt sein, wenn ‘s regnet oder, ja, so auf einer Wellenlänge zu liegen."

Sprecher:

Ein Pferd zu stehlen, ist ein schwieriges Vorhaben. Pferdediebe galten darum in früherer Zeit als besonders geschickt und umsichtig. Mit jemandem Pferde stehlen können, heißt dementsprechend, etwas Abenteuerliches und vielleicht sogar ein bisschen Gefährliches mit ihm unternehmen zu können.

Sprecherin:

Bei einem solchen Vorhaben muss man sich aufeinander verlassen können. Man muss das Vertrauen haben können, dass der andere nicht gleich wegrennt, wenn ein Problem auftaucht, sondern mit uns durch dick und dünn geht.

Sprecher:

Dick und dünn hieß ursprünglich: "dicht und dünn". Jemand, der durch dick und dünn mit uns geht, schreckt demnach auch vor Widerständen nicht zurück, er bleibt auch dann an unserer Seite, wenn es kaum noch weiter zu gehen scheint.

Sprecherin:

Mit jemandem Pferde stehlen, muss aber nicht immer gefährlich sein. Es kann auch einfach heißen, dass man viel Spaß hat miteinander, beispielsweise indem man Leute veräppelt. Für solche Späße muss man nicht gleich durch dick und dünn miteinander gehen; es reicht vollkommen aus, dass man die gleiche Wellenlänge hat.

Sprecher:

Mit der Wellenlänge sind wir in der Rundfunktechnik gelandet. Verschiedene Programme haben unterschiedliche Wellenlängen und können nur getrennt empfangen werden. Wenn Menschen die gleiche Wellenlänge haben, können sie sich sozusagen gegenseitig empfangen, sie verstehen sich mit anderen Worten besonders gut. Der Ausdruck veräppeln hat, wie man hört, mit Äpfeln zu tun, genauer gesagt mit faulen Äpfeln. Mit denen bewarf das Publikum früher die Schauspieler, wenn es mit dem aufgeführten Theaterstück nicht zufrieden war. Die eben gehörte Dame, die so gerne mit ihrer Freundin Leute veräppelt, hat zwar keinen Sack mit faulen Äpfeln mehr dabei. Aber sie hat – wie die Theaterbesucher damals – Spaß daran, andere zu verspotten oder zu veralbern.

Sprecherin:

Zurück zu unserem Ausritt. Stellen Sie sich vor, wir sitzen inzwischen auf unserem Pferd und haben die Zügel fest in der Hand. Aber nun taucht ein neues Problem auf: Das Pferd bewegt sich einfach nicht von der Stelle. Weder gutes Zureden, Schenkeldruck noch die Gerte können etwas ausrichten. Schließlich greifen wir zum allerletzten Mittel: Wir legen uns die Sporen an und hauen sie dem armen Tier in die Seiten, wir spornen es an. Das ist auch bei unseren Mitmenschen manchmal nötig, wie es scheint:

O-Töne:

"Anspornen heißt zum Beispiel, ich will irgendwo hingehen, und der will nicht mit, dass ich sage: Los, nun komm‘ mit, und komm', wir schaffen das, und wir machen das, so würd' ich das auch sagen jetzt." / "So ähnlich wie in die Hufe kommen." / "Ja, jemanden animieren, was zu tun, anfeuern, Lust machen."

Sprecherin:

Wie wir hören, ist es gar nicht so brutal, jemanden anzuspornen, wie man vielleicht denken könnte. Wir alle sind manchmal träge und entscheidungsunlustig. In einer solchen Verfassung schieben wir Erledigungen und Projekte gern vor uns her, wir kommen nicht in die Hufe, wie man auch sagen könnte. Dann brauchen wir mitunter jemanden, der uns – bildlich gesehen – etwas die Sporen gibt, uns anspornt und motiviert, etwas zu tun, oder uns anfeuert.

Sprecher:

Der Ausdruck jemanden anfeuern spielt mit dem Bild des Feuers. Wie jemand ein schwelendes Feuer zur Flamme entfacht, so kann er auch unseren Tatendrang hervorlocken oder uns zu größeren Leistungen antreiben. Jemanden anfeuern wird in erster Linie im Zusammenhang mit Sportlern gebraucht, die durch Zurufe aus dem Publikum angetrieben oder angefeuert werden.

Sprecherin:

Das Ziel des Anspornens ist bei Pferd und Mensch dasselbe: Es soll Vier- wie Zweibeiner zu einer schnelleren Gangart anregen oder mit anderen Worten: Es soll sie auf Trab bringen. Manche Menschen sind aber auch ganz ohne das Zutun anderer viel auf Trab:

O-Töne:

"Schnell sein, fix sein, immer am Ball sein, immer dabei zu sein, immer auf der Höhe der Sache zu sein." / "Wenn man gestresst ist oder sehr angespannt ist, sehr viel um die Ohren hat, das kann man ja auch mit einem anderen machen." / "Immer in Action, flott sein, so würd‘ ich das sagen. Ganz kurz und bündig. Auf Zack sein kann man auch sagen, ne, auf alle Fälle, ne."

Sprecher:

Wer auf Trab ist, läuft wie ein angetriebenes Pferd umher, er ist viel unterwegs. Er ist aktiv und beschäftigt wie ein Sportler auf dem Spielfeld oder mit anderen Worten, er ist immer am Ball. Wir sind immer dann auf Trab, wenn wir viel um die Ohren haben, wenn wir also viel zu tun haben. Um alles erledigen zu können, müssen wir auf Zack oder, wie man auch sagen könnte, auf Draht sein, das heißt, wir müssen tüchtig und schnell sein. Das Wort Zack ist von "zucken" abgeleitet und steht sinnbildlich für eine schnelle Bewegung. Der Ausdruck auf Zack sein geht auf die Soldatensprache zurück. Ein zackiger Soldat bewegt sich mit knappen, eckigen Bewegungen und zeigt damit militärische Straffheit, er ist auf Zack.

Sprecherin:

Mit diesem Bild wollen wir enden. Sicherlich sind auch Sie im Alltag viel auf Trab und haben genug um die Ohren, so dass wir Sie nicht länger mit Beschlag belegen wollen.

Fragen zum Text:

Wer die Dinge nicht allzu genau nimmt, der …

1. ist auf Zack.

2. hat die Sache im Griff.

3. lässt fünf gerade sein.

Menschen, die die gleiche Wellenlänge haaaaben …

1. beschäftigen sich mit Elektrotechnik.

2. sind ähnlich groß.

3. verstehen sich sehr gut.

Will man jemanden zu etwas antreiben, dann …

1. bringt man jemanden auf Trab.

2. stiehlt man mit jemandem Pferde.

3. belegt man jemanden mit Beschlag.

Arbeitsauftrag:

Verfassen Sie eine kurze Geschichte, in der Sie mindestens zehn Redewendungen aus der Reitersprache verwenden. Lesen Sie der Gruppe Ihre Geschichte dann vor.

Autorin: Annette Schmidt

Redaktion: Beatrice Warken

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