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Filme

Reisenotizen dreier Psychiatrie-Patienten - "Vincent will Meer"

In dem Kinofilm befreit sich ein junger Mann von seinem übermächtigen Vater. Hauptdarsteller Florian David Fitz hat auch das Drehbuch geschrieben. Noch nie wurde "Tourette" so sympathisch dargestellt.

Vincent (Florian David Fitz) und Alexander (Johannes Allmayer) blicken sehnsüchtig in die Ferne Foto: Constantin Film

Poetische Bilder und die Freiheit der Berge

Es gibt eine Grundregel in der Klinik: "Wir sollen wollen." Die magersüchtige Marie erklärt dem Neuen, wo es während der Verhaltenstherapie langgeht. "Fotze, fick Dich. Scheiße," antwortet Vincent und schiebt gleich noch die Minimalerklärung hinterher: Tourette (eine neurologisch-psychiatrische Erkrankung mit unwillkürlichen raschen und heftigen Bewegungen oder ungewollten, oft vulgären, Äußerungen). Doch er hat ein Ziel: Er will ans Meer und das weiß Marie für ihre Zwecke zu nutzen. Aus dem Psychiatrie-Film wird so schnell ein Road-Movie um drei junge Erwachsene, die aus der psychiatrischen Einrichtung ausbüchsen und sich über die Alpen mit einem geklauten Auto nach Italien durchschlagen. Marie, gespielt von Karoline Herfurth, ist magersüchtig. Florian David Fitz, der auch das Drehbuch zum Film lieferte, spielt Vincent, der am Tourette-Syndrom leidet. Und als dritter Psychiatrie-Fall schließt sich nicht ganz freiwillig Vincents Zimmerkollege dem Duo an: Alexander (Johannes Allmayer), der Zwangsneurotiker, der an Unordnung und Dreck verzweifelt.

Die Schauspielerin Karoline Herfurth als magersüchtige Marie Foto: Constantin Film

Karoline Herfurth als Marie: Magersucht als Selbstmord auf Raten

Anders sein ist nicht peinlich

Regisseur Ralf Huettner, der dieses Trio ganz ohne filmische Peinlichkeiten auf ihren Selbstfindungsweg schickt, hat schon einige Geschichten zwischen großer Tragik und den komischen Seiten, die darin schlummern, hinbekommen. Auch diese. Selbst wenn die Handlung der Tragikomödie "vincent will meer" zunächst etwas überfrachtet wirkt mit menschlichem Fehlverhalten und psychischen Irrwegen. Parallel zur Flucht der drei Patienten aus der kontrollierten Welt der Klinik reisen die behandelnde Ärztin und Vincents Vater als Rettungstrupp dem gleichen Ziel hinterher.

Autopanne: Filmszene mit Florian David Fitz und Karoline Herfurth Foto: Constantin Film

Zwangspause mit Pannen im Kopf und am Auto

Mit jedem Kilometer Richtung norditalienische Küste werden die tief sitzenden Verletzungen der einzelnen Charaktere sichtbarer, aber auch ihr Einfluss aufeinander. Marie, Vincent und Alexander absolvieren eine Fahrt zurück in ein normales Leben. So scheint es zumindest. Alexander fühlt sich durch das lockere Auftreten seiner zwei Freunde sichtlich befreit. Vincents Ticks sind plötzlich kein Thema mehr – oder nur insofern, dass sie Stoff für ein paar herzhafte Bissigkeiten in der Fahrgemeinschaft bieten. Und natürlich kommen sich Vincent und Marie auch zwischenmenschlich näher. Selbst Vincents besserwisserischer Vater (gespielt von Heino Ferch) kann sich dem positiven Einfluss der Therapeutin (Katharina Müller-Elmau) nicht völlig entziehen. Wichtig ist wie so oft nicht das Ziel der Reise, sondern der Weg dorthin: nach San Vincente, wo Vincents verstorbene Mutter einst so glücklich war. Mit in Vincents Gepäck ist nicht nur die Trauer, sondern auch die Asche seiner Mutter.

Darf man über "Tics" und Waschzwang lachen?

Wie Florian David Fitz die Rolle des Vincent und seine Tourette-Tics spielt, ist äußerst bemerkenswert. Und das gilt auch für das mutige Drehbuch, sein erstes für einen Kinofilm. Für die Produzenten war es von Anfang an klar, dass Fitz auch die Titelrolle spielen sollte. Umso besser, dass neben ihm die anderen Schauspieler keineswegs verblassen. Karoline Herfurth, die sich in den letzten Jahren in die erste Liga junger Schauspielerinnen gespielt hat, wirkt plötzlich unendlich mager. Johannes Allmayer pendelt gekonnt zwischen Neurose und Sympathieträger.

Überzeugend: Schauspieler Florian David Fitz als Vincent Foto: Constantin Film

Florian David Fitz: überzeugend mit und ohne "Tics"

Oder wie Ralf Huettner es ausdrückt: "Dass man die Krankheit ernst nimmt und trotzdem die Komödie nicht vergisst." Am Ende spielt es keine Rolle mehr, dass Vincent immer mal wieder zuckt und flucht. Man sieht nur noch die Person. Und die Essenz, die übrig bleibt: die Suche nach Freiheit und die bittere Tatsache, dass wir alle mal in Situationen geraten, denen man nicht gewachsen ist. Der Film ist unterhaltsam, nachdenklich und fast frei von Slapstick.

Autor: Renate Heilmeier

Redaktion: Jochen Kürten

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