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Politik

Reise in den vergessenen Kontinent Lateinamerika

Merkels Reise war der erste Besuch eines deutschen Bundeskanzlers in Lateinamerika seit sechs Jahren. Dabei hätte der Kontinent zuvor schon mehr Aufmerksamkeit verdient, meint Johannes Beck.

Themenbild Kommentar (Grafik: DW)

Porträt Johannes Beck (Foto: DW)

Johannes Beck

Die 1980-er Jahre gelten als das verlorene Jahrzehnt in der Geschichte Lateinamerikas. Wirtschaftlich fielen in dieser Zeit viele Staaten zurück - geringes Wachstum, hohe Inflation und drückende Auslandsschulden gaben damals den Ton an. Auch was die Beziehungen zwischen Deutschland betrifft, waren die 1980er kein gutes Jahrzehnt für Lateinamerika. Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kommunismus im Jahr 1989 wandte sich Deutschland nach Osten. Für die deutschen Politiker und Unternehmen schienen die Märkte vor der Haustür in Osteuropa und später auch die boomenden Volkswirtschaften in Südostasien und China attraktiver als die notleidenden Lateinamerikaner.

Wie wenig die Beziehungen zwischen Europa und Südamerika seit dem Ende der 1980-er Jahre vorankommen sind, zeigt das Projekt eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und dem Mercosur, dem Gemeinsamen Markt des Südens. Seit 1992 wird darüber diskutiert, bis heute steht nicht einmal der Entwurf eines Abkommens. Dabei hatte die EU-Kommission bereits 1994 ein Freihandelsabkommen mit dem Mercosur zur Priorität erklärt. Das ist inzwischen 14 Jahre her und auch beim Gipfel in Lima kamen Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre europäischen und lateinamerikanischen Kollegen in dieser Frage nicht voran.

Informationen? Fehlanzeige

Überhaupt fällt die Bilanz der Merkel-Reise vom 13. bis zum 20. Mai 2008 mager aus. Mit dem mexikanischen Präsidenten Felipe Calderón vereinbarte sie eine gemeinsame Initiative gegen den Anstieg der Lebensmittelpreise für das nächste Treffen der G-8-Staaten im Juli in Japan. Informationen, was die beiden Politiker tun möchten, um die Preise zu senken? Fehlanzeige!

Wenige Tage vorher in Brasilien hatte Merkel mit dem brasilianischen Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva ein Abkommen zu erneuerbaren Energien und effizienter Energienutzung geschlossen. Auch hier: Wenig Konkretes. Eine deutsch-brasilianische Arbeitsgruppe soll Kriterien erarbeiten, damit bei der Produktion von Biosprit kein Urwald zerstört wird.

EU-Beschluss zu Biosprit zerstört das Amazonas-Gebiet

Doch mehr deutscher Druck für den Schutz der brasilianischen Wälder ist angesichts der schnell voranschreitenden Entwaldung sinnvoll. Doch am wirksamsten könnte Angela Merkel in Berlin und in Brüssel den Amazonas schützen. Denn der weltweit boomende Markt für Biotreibstoffe ist erst entstanden, seitdem die Europäische Union beschlossen hat, dass zu Benzin und Diesel Anteile von bis zu zehn Prozent Biosprit beigemischt werden müssen.

Die EU deckt diesen selbst verordneten Bedarf an Biosprit aber gar nicht aus heimischer Produktion. Die katastrophalen Folgen des Palmöl-Anbaus in Indonesien für Biosprit sind bekannt. Weniger bekannt ist, dass fast ein Fünftel des europäischen Biodiesels aus Soja gewonnen wird, wofür in Brasilien, Argentinien und Paraguay riesige Waldflächen abgebrannt und untergepflügt werden. Angela Merkel sollte sich in der EU dafür einsetzen, die Beimischung von Biosprit aus Soja und Palmöl zu beenden. Das ist ein Irrweg zum Klimaschutz.

Sträflich vernachlässigt

Als größter Pluspunkt der Lateinamerika-Tour bleibt, dass der Kontinent endlich einmal wieder die verdiente Aufmerksamkeit erhalten hat. Es war ein großer Fehler, die engen kulturellen und sprachlichen Bindungen zu Lateinamerika so zu vernachlässigen.

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