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Wirtschaft

Reinigendes Gewitter

Freisprüche für alle Angeklagten - so endete nach sechs Monaten eines der spektakulärsten Wirtschaftsverfahren in Deutschland. Ein lehrreicher Prozess für Manager und Vorstandschef, schreibt Karl Zawadzky.

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Die Prämien und Abfindungen von 57 Millionen Euro für die Verlierer der spektakulärsten Übernahmeschlacht der deutschen Wirtschaftsgeschichte waren nicht in Ordnung. Allein der Hauptverlierer, der damalige Mannesmann-Chef Klaus Esser, hat rund 16 Millionen Euro erhalten. Wofür? Dafür, dass er seine Arbeit getan hat, für die er mit einem Millionengehalt, also reichlich, bezahlt wurde. Zuerkannt wurden die Prämien vom Aufsichtsrat, in dem Josef Ackermann, der Chef der größten deutschen Bank, und Klaus Zwickel, der damalige Vorsitzende der Industriegewerkschaft Metall, das Management zu kontrollieren hatten. Vier Jahre nach Ende der 180 Milliarden Euro schweren Übernahme von Mannesmann durch Vodafone sahen sich die Hauptbeteiligten vor Gericht wieder. Der Vorwurf der Staatsanwaltschaft lautete "gemeinschaftliche Untreue in einem besonders schweren Fall". Es ging also um ein kriminelles Delikt; bei einer Verurteilung, wie von der Staatsanwaltschaft für alle Angeklagten verlangt, wäre Ackermann an der Spitze der Deutschen Bank nicht mehr tragbar gewesen.

Doch das Gericht ist keine moralische Anstalt, sondern es hat zu beurteilen, ob der Vorwurf der Staatsanwaltschaft zutrifft. Das Ergebnis ist eindeutig, auch wenn die Staatsanwaltschaft wahrscheinlich in Revision gehen und der Fall vor dem Bundesgerichtshof landen wird. Zwar liegen Prämien dieser Art nicht im Interesse des Unternehmens, zwar war die Höhe der Prämien völlig unangemessen, also ist ein Verstoß gegen das Aktienrecht mehr als wahrscheinlich, aber der kriminelle Akt der besonders schweren Untreue läßt sich nicht beweisen. Hinzu kommt, dass Josef Ackermann - Bankkaufmann und nicht Jurist - den Prämien erst nach einer Rechtsberatung zugestimmt hat. Der Rat war falsch, wie sich hinterher herausstellte, doch Ackermann befand sich zum Zeitpunkt seiner Entscheidung in einem "unvermeidbaren Verbotsirrtum", was ihn entlastet. Der Chef der Deutschen Bank ist nach wie vor ein unbescholtener Mann.

Esser und die übrigen Mannesmann-Manager haben durch ihren am Ende vergeblichen Widerstand gegen die Übernahme durch den britischen Mobilfunk-Riesen Vodafone den Wert des Unternehmens um 70 Milliarden Euro gesteigert. Was sind schon 57 Millionen Euro Prämie im Vergleich zu den 70 Milliarden Euro Wertsteigerung, die die Aktionäre einstreichen konnten. Das wollte der Hauptaktionär, der bei der Aktion um Milliarden reicher geworden ist, nach eigenen Angaben belohnen. Spektakulär sind aber nicht nur die Summen, um die es damals ging, spektakulär war nicht nur die prominent besetzte Anklagebank, sondern großes Aufsehen hatte der Prozeß auch deswegen, weil er dem Zeitgeist entspricht. Die Gier der Manager, die millionenschwere Gehälter kassieren und dann den Hals immer noch nicht voll kriegen, ist tatsächlich ein Thema - und zwar zu Recht. Esser und andere Begünstigte der Prämien- und Abstandszahlungen sind zwar freigesprochen, werden aber dennoch als Raffzähne in Erinnerung bleiben.

Ein reinigendes Gewitter ist dringend geboten. Denn Wirtschaft hat nicht nur mit Monethik zu tun, sondern auch mit Ethik. Das ist im Rausch der Millionen und Milliarden zu Zeiten der New Economy gelegentlich übersehen worden. Insofern war das Mannesmann-Verfahren ein lehrreicher Prozess. In vergleichbaren Fällen werden Manager und Aufsichtsräte - hoffentlich - Zurückhaltung walten lassen. Und hat es dem Wirtschaftsstandort Deutschland geschadet, dass sich höchste Unternehmensführer vor Gericht verantworten mußten? Nein. Rechtssicherheit ist auch im Wirtschaftsleben ein hohes Gut. Wer in Deutschland oder in deutsche Unternehmen investiert, kann und soll sicher sein, dass es hier nach Recht und Gesetz zugeht.