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Bücher

Reinhard Jirgl mit Büchnerpreis ausgezeichnet

Der Berliner Autor Reinhard Jirgl ist mit dem Georg-Büchner-Preis 2010 ausgezeichnet worden. In der DDR hatte er jahrelang nur für die Schublade geschrieben. Jetzt ist er ganz oben im Literaturbetrieb angekommen.

Reinhard Jirgl (Foto: dpa)

Endlich oben angekommen: Reinhard Jirgl

Jirgl tue oft weh, bekannte der Berliner Publizist und Kritiker Helmut Böttiger in seiner Laudatio. In seinen Romanen benutze Jirgl Versatzstücke aus Fernsehtrash und Trivialkultur, aber sie verweigerten sich jeglichem Konsens. Der Preisträger sei das, wovor die Germanistikprofessoren immer gewarnt hatten. Er stehe für das Sperrige und seine Romane seien oft mit der Farbe Schwarz assoziiert worden. Doch man solle sich nicht täuschen lassen, fügte Böttiger hinzu, diese Schwärze wirke erhellend.

Der mit 40.000 Euro dotierte Georg-Büchner-Preis gilt als bedeutendste Literaturauszeichnung in Deutschland. Im Staatstheater von Darmstadt nahm Reinhard Jirgl sie am Samstag (23.10.2010) entgegen.

Panorama des 20. Jahrhunderts

Die Schrecken des Ersten und Zweiten Weltkriegs, Inflation, Flucht und Vertreibung, das Trauma der Trennung und die Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten – in seinen Romanen "Die Stille" und "Die Unvollendeten" lässt Reinhard Jirgl kein großes Thema des 20. Jahrhunderts aus. Lebensbrüche und Grenzsituationen faszinieren den 59-jährigen Schriftsteller, der selbst auf eine Biografie voller Ab- und Aufbrüche blickt.

Buchcover: Reinhard Jirgl - Die Unvollendeten

Sechs Romane schrieb er in der DDR für die Schublade

Sechs umfangreiche Romane schrieb Jirgl, die er nicht veröffentlichen durfte. Der Aufbau-Verlag in Ostberlin, bei dem er 1985 sein erstes Werk "Mutter Vater Roman" einreichte, warf ihm eine "nicht-marxistische Geschichtsauffassung" vor. "Wenn Sie das als Anfangsetikett bekommen, ist eigentlich alles andere gestorben", sagt Jirgl. Da müsse ein Schriftsteller schon Hartnäckigkeit beweisen und zeigen, "aus welchem Holz man geschnitzt ist".

Schreiben in aller Heimlichkeit

Also gab Reinhard Jirgl nicht auf. Im Gegenteil. Heimlich schrieb er seine Romane und hängte dafür sogar seinen Beruf als Ingenieur an den Nagel. Seinen Unterhalt verdiente er als Beleuchtungs- und Servicetechniker an der Berliner Volksbühne. Im Jahr der deutschen Wiedervereinigung gelang es Jirgl endlich, sein Erstlingswerk, den "Mutter Vater Roman", zu veröffentlichen. Doch der literarische Durchbruch gelang ihm damit noch nicht.

Erst 1993 wurde der Berliner Autor einem breiteren Publikum bekannt. Für seinen Roman "Abschied von den Feinden" erhielt er den Alfred-Döblin-Preis und wurde Autor des Carl Hanser Verlags, wo seine Bücher seitdem erscheinen. 1996 gab Jirgl seine Tätigkeit als Bühnentechniker auf und lebt seitdem als freier Schriftsteller in Berlin.

"Rammbock der Gegenwartsliteratur"

Die Auszeichnung mit dem wichtigsten deutschen Literaturpreis - der mit immerhin 40.000 Euro dotiert ist - bedeutet einen weiteren Karriereschub für Jirgl, den ein Kritiker einmal als "Rammbock der Gegenwartsliteratur" bezeichnete. Denn seine Werke sind tatsächlich sperrig und nicht leicht zu konsumieren. Dafür sorgt schon die sehr eigenwillige Orthografie. Satzzeichen setzt Jirgl gerne mal an den Anfang, etwa das Fragezeichen.

Klaus Reichert (Foto: Akademie für Sprache und Dichtung)

Ein Schriftsteller, der sprachlich etwas wagt, findet Klaus Reichert

"Das unterbricht den normalen, linearen Lesefluss, sorgt aber für einen nachdenklichen Leser", lobt Klaus Reichert. Er ist Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, die den Büchner-Preis seit 1951 vergibt. Jirgl erzähle mit großer erzählerischer Sensibilität und Leidenschaft von den Aufbrüchen und Katastrophen des 20. Jahrhunderts, erklärt der Sprachexperte. "Wir haben bewusst einen Schriftsteller ausgezeichnet, der sprachlich etwas wagt, das sich nicht so leicht konsumieren lässt."

In einer Reihe mit großen Namen

Mit seinem Preis darf sich Jirgl darüber freuen, in einer Reihe mit den großen deutschen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zu stehen. Denn zu den früheren Preisträgern zählen unter anderem Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Erich Kästner und Elfriede Jelinek.

Autorin: Sabine Damaschke

Redaktion: Manfred Götzke/Eleonore Uhlich