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Europa

Reich, mächtig und beliebt

Sie ist die reichste Frau im Land. Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" wählte sie 2005 zur drittmächtigsten Frau der Welt. Das Volk nennt sie schlicht "Julia" und hat in ihr die Jeanne d'Arc der Ukraine gefunden.

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Julia Timoschenko bei den Parlamentswahlen

Die charismatische Julia Wolodimiriwna Timoschenko polarisiert wie kaum eine andere Figur in der ukrainische Politikszene: Ihre Gegner bezeichnen sie als nationalistisch und radikal, für ihre Anhänger ist sie eine Märtyrerin und große Freiheitskämpferin. Öffentlich wettert sie gegen die Macht der Oligarchen und gegen die Korruption im Land, sie selbst saß aber schon wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung im Gefängnis.

Die 1960 geborene Timoschenko ist in Dnipropetrowsk, Herz des ukrainischen Industriereviers, in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Dort studierte sie auch Wirtschaftskybernetik und schloss das Studium 1984 mit Auszeichnung ab. Später promovierte sie.

Erste geschäftliche Erfahrungen sammelte Timoschenko 1989 mit einem kleinen Filmverleih. Schon 1991 wurde sie Generaldirektorin in der von der Familie finanzierten Firma "Ukrainisches Benzin". Weitere zwei Jahre später übernahm sie die Leitung der "Vereinigten Energiesysteme der Ukraine", das zeitweise größte Erdgasunternehmen des Landes. In den wilden Jahren der ukrainischen Transformation hat sie auf jeden Fall sehr gut verdient.

Zweite Karriere in der Politik

Mitte der 1990er Jahre entschied sich die "Gasprinzessin" dann für die Politik. 1997 wurde sie ins Parlament, die "Werchowna Rada", gewählt und stieg schnell in wichtige Ämter auf. In der Regierung von Viktor Juschtschenko, der von 1999 bis 2001 schon einmal Premierminister war, wurde sie Energieministerin. Sie begann aufzuräumen und die Geldströme der Schattenwirtschaft lahm zu legen.

Das gefiel den Wirtschaftsbossen um Präsident Leonid Kutschma offenbar gar nicht. Nach nur einem Jahr entließ Kutschma die resolute Politikern aus dem Amt. Und wegen ihrer Geschäfte im Energiesektor ließ er sie strafrechtlich verfolgen: Für 43 Tage saß sie in Untersuchungshaft, eine Verurteilung gab es aber nicht. Bei den Ukrainern, besonders im europafreundlichen Westen, steigerten die Bilder der attraktiven Julia hinter Gittern für Wut auf die alten Machthaber.

Mittlerweile sind alle Haftbefehle gegen sie aufgehoben. Für ihre Anhänger waren die Anschuldigen lediglich eine politische Inszenierung, und Timoschenko selbst sagt: "Kutschma hat mich dafür ins Gefängnis gesteckt, dass ich in meiner Position den Gewinn für die Leute in seiner Umgebung um drei, vier Milliarden verringerte."

Für ihre Treue mit dem Premierposten entlohnt

Seit ihrem Gefängnisaufenthalt trägt Timoschenko die Haare zur traditionellen Kopffrisur geflochten. Sie kämpfte erbittert gegen Kutschma, unterstützte auch immer Viktor Juschtschenko. Zum Dank für ihren Einsatz bei der Orangenen Revolution, bei der sie die Massenproteste anführte und schnell zur Ikone wurde, machte Juschtschenko sie zur Premierministerin. Jetzt wollte sie endlich Ordnung schaffen: "Eine wunderbare Position, um die Pläne zu realisieren, die wir schon unter der Regierung Juschtschenko hatten", ließ sie wissen.

Doch nur ein halbes Jahr nach dem orangenen Umsturz brach der Streit zwischen ihr und Juschtschenko offen aus: Nachdem Timoschenko eine Preisfixierung für Ölprodukte erlassen hatte, rügte Juschtschenko sie und entschuldigte sich sogar bei russischen Ölhändlern. Der Streit ging weiter, und im September entließ Juschtschenko die ganze Regierungsmannschaft.

Wiederaufnahme der orangenen Beziehungen

Nach heftigen Debatten über ein Erdgasabkommen mit Russland setzte sich Timoschenko im Januar 2006 für ein Misstrauensvotum gegen ihren Nachfolger Juri Jechanurow ein. Sie verbündete sich zu diesem Zweck sogar mit dem vormaligen Widersacher Viktor Janukowitsch. Die Mehrheit der ukrainischen Abgeordneten stimmte für die Absetzung der Regierung Jechanurow; sein Kabinett blieb jedoch bis zur Parlamentswahl am 26.3. geschäftsführend im Amt.

Nachdem Timoschenkos Wahlblock bei der Parlamentswahl hinter Janukowitschs prorussischer Partei gelandet ist, aber besser als Juschtschenkos "Unsere Ukraine" abgeschnitten hat, scheinen Juschtschenko und Timoschenko ihren Streit beilegen zu wollen. Sie kündigten an, gemeinsam die Regierungsverantwortung übernehmen zu wollen – mit Timoschenko als Ministerpräsidentin.

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