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Musik

Regisseur Sékou Neblett: "Deutscher Street-Rap war für mich lange Anti-Rap"

Er hat die Anfänge des deutschen HipHop selbst erlebt und mitgeprägt. Als Musiker, Geschichtenerzähler und Bilder-Mensch hat Sékou Neblett (44) einen Film gemacht, in dem deutsche Rapper ihrer Vergangenheit begegnen.

Sékou Neblett kommt 1993 als Student aus den USA nach Deutschland. In Freiburg gründet er die Band "The Phlow" und nimmt eine Platte auf. Der Stuttgarter Musiker Max Herre entdeckt ihn und holt ihn zur Hip-Hop-Formation "Freundeskreis". Nach einigen erfolgreichen Jahren mit dem Freundeskreis beginnt Neblett wieder zu studieren – Film. Nebenbei schreibt er Songs für Yvonne Catterfeld, Joy Denalane und Cassandra Steen, die er auch managt. Beim TV-Casting "The Voice" arbeitet er sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland als Side-Coach. Am 3. Dezember läuft nun sein Film "Blacktape" in den deutschen Kinos an.

Deutsche Welle: Wie lange hast Du an dem Drehbuch von Blacktape geschrieben?

Sékou Neblett: Insgesamt haben wir vier Jahre an dem Film gearbeitet. Ein Drehbuch in diesem Sinne gab es nicht, sondern eine ganz klare Vorstellung davon, wo es hingehen sollte. Die Protagonisten im Film hatten keine Textzeilen. Die haben jeden Tag Aufgaben bekommen und wussten nicht, was als nächstes passiert. Die sind aufgewacht und da lag ein Zettel. Oder sie bekamen einen Anruf von mir - oder vor der Tür stand ein Bus und los ging's. So wurden sie in Situationen geschmissen und mussten agieren und wir haben die Kamera drauf gehalten.

Warum braucht deutscher Rap Tigon?

Jede Kultur braucht Tigon. Jede Kultur hat eine Entstehungsgeschichte und braucht irgendwann die Reflektion. Jetzt haben wir 30 Jahre Hip-Hop in Deutschland und Deutschland ist nicht das Land der "Heroes", in der die Helden der Popkultur wie in den USA oder England gefeiert werden. In Deutschland ist es dagegen etwas relativ Neues, dass man diese Identität hat. Bei intelligenten Menschen schwingt immer noch dieses Gefühl von "Nie wieder Deutschland" mit. Und deswegen komme ich als Amerikaner daher und trau mich zu sagen: "Lass uns mal die Ahnen ehren und zurückblicken auf diese Geschichte, auf die man tatsächlich stolz sein kann."

Kinofilm Blacktape Still

Filmszene: Neblett im Hintergrund, vorne recherchieren die beiden Jurnalisten

Deine Protagonisten machen sich in dem Film auf, um nach dem ersten deutschsprachigen Rapper zu suchen. Warum ist das so eine große Herausforderung?

Mich hat fasziniert, dass die deutsche Sprache nach dem Zweiten Weltkrieg tabuisiert war. Dass sie belastet war von diesem "Tätertum", weil es eine "Tätersprache" war. Ein ganz banales Beispiel ist das gerollte "R": Da denkt man immer gleich an Hitler. Aber wenn man sich alte deutsche Filme ansieht, merkt man, dass das damals ganz normal war. Diese Sprache stand so sehr unter Beschuss, dass alle versucht haben, sich davon zu distanzieren, um sich auch von den Menschen zu distanzieren, die diese schrecklichen Dinge getan haben. Und das hat natürlich auch die Popkultur betroffen. Alles wurde noch komplizierter dadurch, dass die Besatzungsmächte hier waren und ihre Kultur mitgebracht haben.

Aber es gab doch auch vor dem Deutschrap Pop- und Rockmusik auf Deutsch.

Natürlich gab es die. Ich denke an die Punk-Bewegung, die Neue Deutsche Welle, die Hamburger Schule oder an einzelne Musiker wie Herbert Grönemeyer oder Udo Lindenberg. Aber vor allem bei den ersten drei Beispielen ging es vor allem um die Haltung. Die Sprache war dieselbe, aber man hat eine revolutionäre, radikale Haltung entwickelt. Das war spannend, aber diese Bewegungen sind immer wieder gestorben. Und irgendwann kam der deutsche Hip-Hop und konnte sich an diesen ganzen Vorstößen bedienen und darauf aufbauen. Hip-Hop ist halt auch noch viel krasser, weil es so nah am Protagonisten ist: Das, was ich da behaupte, muss auch wirklich echt sein. Das ist zumindest der gängige Hip-Hop-Begriff. Deswegen musste man auf die deutsche Sprache zurückgreifen.

Du spielst im Film viel mit geheimnisvollen Elementen der 1980er Jahre: Da taucht die RAF auf und da wird die amerikanische Besatzungsmacht erwähnt, der man ja sowieso dunkle Machenschaften zutraut: Wie soll das alles jemand verstehen, der nach der Wende geboren wurde?

Für mich ist es immer positives Feedback, wenn Leute sagen: "Ich konnte Realität und Fiktion und nicht mehr auseinander halten." Das ist eine Spannung, die ich aufbauen will. Es gibt inzwischen einen Kanon mit Filmen in der Art. Aber was wir neu gemacht haben, ist dass wir noch mal eine Realitätsebene dazu gebaut haben, weil alle im Film sich selbst spielen und dass alles improvisiert ist, weil es keine festen Texte gab. Die werden wirklich wie in so einem Game auf eine Schnitzeljagd geschickt. Diese Ebene ist schwer zu definieren: Ist das Realität oder nicht? Es ist eine Mischung, es ist beides.

Du hast ja gerade Deinem Protagonisten Marcus Staiger sehr tief in die Seele geblickt: Man kommt seinen Lebensumständen sehr nahe, Du hast seine Familie interviewt. Durfte er beim Schnitt mitreden? Schließlich wird im Film viel gestritten und er sieht nicht immer nur gut aus…

Nein, aber das war auch nicht das Ziel. Sinn der Sache war, ein realistisches Porträt zu schaffen. Und die beiden sind für mich insofern interessante Protagonisten, weil jeder seine eigene Haltung hat. Bei den Dreharbeiten habe ich Marcus durch die vielen Interviews besser kennengelernt und Gemeinsamkeiten entdeckt. Wir bleiben zwar grundsätzlich in vielen Punkten unterschiedlicher Meinung, aber es gab ein Fundament, das uns verbunden hat. Niemand hat bei den Dreharbeiten versucht, auf seinem Recht zu bestehen. Jeder hat seine Meinung. Es gab zwar einige Reibereien, aber es ist nie ausgeartet in was Blödes, weil wir dann die Meinung des Anderen respektiert haben. Wenn einer mal das letzte Wort hatte, haben wir das einfach so stehen lassen. Und das war schön zu sehen auf unserer Reise, wie sich diese unterschiedlichen Charaktere – der impulsive Staiger, der sehr rationale Falk und ich als Beobachter – ergänzt haben.