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Kultur

Regisseur Milo Rau - und das Ende Europas?

Im letzten Teil seiner Europa-Trilogie lässt der Theaterregisseur seine Schauspieler sprechen: von 2000 Jahren Gewalt, von Flucht und Vertreibung. Im Interview erzählt er, wie das Gesicht des Neuen Europas aussehen wird.

Völkermord in Ruanda, Djihadisten in Europa - die Themen von Milo Rau haben es in sich. Die (Lebens-) Geschichten seiner Schauspieler auch. Im dritten Teil der Europa-Trilogie erzählen die Syrer, Griechen oder Rumänen auf der Bühne von ihren Erfahrungen mit Flucht, Vertreibung, Tod oder Kindheit.

Mit seinem dokumentarischen Theateransatz gehört der Schweizer Regisseur aktuell zu den erfolgreichsten Theatermachern. Jetzt hat er an der Berliner Schaubühne mit "Empire" den letzten Teil seiner Europa-Trilogie herausgebracht. Ein Parforceritt durch 2000 Jahre Gewaltgeschichte.

Deutsche Welle: Sie muten sich und den Schauspielern viel zu. Für den dritten Teil ihrer Europa- Trilogie "Empire" sind Sie sogar mit dem kurdischen Schauspieler Ramo Ali in seine Heimat, nach Syrien gefahren. Warum?

Milo Rau: Ich wollte die Trilogie mit einer Rückkehr enden lassen und habe ganz bewusst beim Casting jemanden gesucht, mit dem ich "zurückfahren" kann. Die ganzen Geschichten der Flucht, die man ja kennt, fehlen. Es geht hier in verschiedenen Ebenen um Rückkehr. Ramo hat vom Grab seines Vaters erzählt und da dachte ich, das ist wirklich notwendig, dass wir dahin zurückfahren.

Ihre Stücke sind oft am Puls der Zeit. Im ersten Teil der Trilogie "The Civil Wars", ging es unter anderem auch um Djihadisten in Europa. Ein halbes Jahr nach der Premiere geschah der Anschlag auf Charlie Hebdo. Wann wussten Sie, was Sie machen wollen im letzten Teil?

Milo Rau (Foto: Thomas Müller)

Theaterregisseur Milo Rau

Es war von den drei Teilen der geplanteste, dadurch der stimmigste. Auch da gibt es diese Aktualität: der Friedhof, den wir besucht haben, liegt direkt an der türkischen Grenze. Zwei Wochen nachdem wir da waren, gab es eine Invasion durch die türkische Armee. Ramo beschreibt einen Anschlag, bei dem seine Cousine getötet wurde. Man sagt, das war die Türkei, denn sie haben ein Verwaltungsgebäude gesprengt. Das ist etwas, was der IS nicht macht. Man weiß natürlich nichts Genaues darüber. Aber das ist quasi die Aktualität, die da schräg reinhaut. In meiner Vorstellung war die Rückkehr als etwas Positives gedacht. Dass sich die Leute in die Arme fallen. Das hat dann nicht stattgefunden. Man kann eben nicht in der Schaubühne sitzend denken, jetzt fahren wir zurück und dann freuen sich alle.

Wie war das für Sie? Was haben Sie in Syrien gefunden?

Schwierig zu sagen- Einerseits war ich wirklich betroffen, von dem Ungleichgewicht einer Zivilisation, die in der totalen Zerstörung steckt. Ich bin ja sehr viel nach Zentralafrika, Kongo, gereist. Da ist alles kaputt, aber es gibt nicht diese Zeitdimension. Es ist alles kaputt, aber du merkst, das ist eine Zivilisation. Syrien, Irak, das sind alles prosperierende Länder gewesen, auch wenn sie ihre Diktatoren hatten, aber das hat alles hervorragend funktioniert. Ähnlich wie im Jugoslawienkrieg, der auch eine Tragödie war. In Kurdistan ist alles durchmischt, da wohnen Christen neben Muslimen, Sunniten neben Schiiten, das ist ein großes Durcheinander. Und all dies ist auf basaler Ebene kaputt. Das erzählt auch etwas über die imperiale Logik. Dass es diese Randgebiete gibt, aus denen die Menschen weggehen, weil man da nicht bleiben kann. Es wäre ja möglich, eine politische Lösung zu finden, wenn es einen Konsens geben würde, wäre das tatsächlich, und das ist das Schockierenste, nicht schwer.

Natürlich sind jetzt zehn Jahre vergangen, aber wenn es eine klare Entscheidung geben würde auf internationaler Ebene, würde der Krieg tatsächlich enden. Der Jugoslawienkrieg ist auch geendet. Aber die gibt es nicht. Das ist so eine Hoffnungslosigkeit, die ich krass fand.

Was haben Sie in der Recherche und in den insgesamt 13 Geschichten der Schauspieler über Europa gelernt?.

Für mich geht es bei der ganzen Trilogie auch um den Menschen als Wesen, der in der Geschichte auftritt, mit einer Herkunft, mit einem Tod mit einer Vision seiner Geschichte und was aus diesen Menschen wird. Das alles sind Zeitschichten, in 2000 Jahren findet man uns begraben. Und die Zeitschichten gehen immer weiter und wir stehen irgendwo mitten drin, so wie die Griechen irgendwo mitten drin stehen, das schichtet sich alles ineinander. Agamemnon kommt zurück, geht ins Haus, will den Göttern danken und wird aber sofort von Klytaimestra umgebracht. Damit beginnt ja die Orestie. Wir denken, wir stehen am Ende der Geschichte, aber eigentlich geht es jetzt erst wieder los mit Europa.

Es gibt keine Rückkehr, könnte man sagen. ln "The Civil Wars" gibt es die Ratlosigkeit, in "Dark Ages" gibt es die Erkenntnis der Vergangenheitsleugnung, es gibt keine Gerechtigkeit, die Sachen werden weggeschafft, man muss weitermachen. An dem Punkt merkt man, dass es eine Systematik gibt, wie das Ganze sich zusammen baut, deshalb heißt das letzte Stück "Empire". Wir brauchen die zerstörten Regionen. Zum Beispiel veranstaltet das Goetheinstitut im irakischen Erbil ganz schnell Deutschkurse, damit die Menschen hier rüber können. Das ist ja eine ganze Industrie. So funktioniert das "Imperium". Deshalb beginnt das Stück auch mit Fluchtgeschichten, wie die Leute quasi verschoben werden. Wie Europa sich zusammen baut. Man zieht halt irgendwo eine Grenze. Dass der Verlust der Heimat an den Rändern Europas jetzt einfach als gegeben hingenommen wird, das ist schlimm.

Szene aus dem Theaterstück 'Empire' von Milo Rau (Foto: Marc Stephan)

Szene aus dem Theaterstück 'Empire' von Milo Rau

Wie arbeiten denn diese ganzen persönlichen Geschichten in Ihnen weiter?

Für mich selber hat das eine befreiende Funktion, dass man merkt, trotz aller dramatischen Geschichten, es bleibt trotzdem ein Kern wie beim tragischen Held, wo der Mensch frei und handlungsfähig bleibt. Der Mensch wird nicht endgültig gebrochen. Das ist der Unterschied zwischen Tragödie und einem depressiven Vorgang, wo man nur am Ende ist. Das ist auch meine Erfahrung mit den Schauspielern. Trotz ihrer vielen negativen persönlichen Geschichten sind sie ja alle erfolgreich, drehen Filme, machen ihre Stücke, kriegen viele Angebote.

War es für die Schauspieler schwer, von sich zu erzählen?

Ja, das erlebe ich immer wieder. Das ganz private Leiden beispielsweise, sein Kind in einer Ehestreitigkeit zu verlieren, ist schwieriger zu erzählen, als über eine Bombe, die einen trifft. Was ja objektiv gesehen tragischer ist. Aber ersteres ist ein Unglück, das beschämend ist. Dem Beschämenden Größe zu geben, ist die Herausforderung. Wenn zum Beispiel Ramo Ali ans Grab seines Vaters geht und dann kotzen muss. Dass das nicht nur einfach erbärmlich ist, sondern dass man sieht, es wird etwas durch ihn durch erzählt

Auf der Bühne gibt es die Großaufnahmen von Folteropfern, die durch die Truppen Assads umkamen. Einer der Schauspieler meint, seinen toten Bruder erkannt zu haben. Ist das nicht etwas grenzwertig?

Das ist ein wichtiges Thema, diese Bildergewalt. Schon in "The Civil Wars", wo der junge Karim ständig diese Gewaltfilme schaut und sich vorstellt, wie er seinen Vater quält. Bei diesem Stück haben wir lange probiert, wie viele von den Toten wir zeigen und welche. Von den 12.000 Bildern des Archivs, das ein Deserteur mitgebracht hat, sind neunzig Prozent Fotos von Männern mit ausgeschlagenen Zähnen und Blut. Die haben wir aussortiert. Sonst gäbe es auch keine Würde mehr. Die wir zeigen, haben etwas von Totenmasken. Man schaut ja auch auf die Großaufnahmen der Schauspieler, die von der Livecam auf die Bühne projiziert werden." Das Leid der anderen betrachten", das ist natürlich die Erzählweise und die Metapher der ganzen Trilogie.

Das Interview führte Andrea Kasiske

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