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Afrika

Regisseur Milo Rau: "Der Kongo ist kein ferner Planet"

Drei Tage lang inszenierte Milo Rau in der ostkongolesischen Stadt Bukavu Gerichtsverhandlungen. Lokale Akteure, Rohstoffkonzerne und UN-Vertreter kamen zu Wort. Die DW sprach mit dem Regisseur.

DW: Herr Rau, Sie waren gerade für Ihr neues Dokumentarprojekt "Das Kongo Tribunal" in der Demokratischen Republik Kongo. Eine Reise ins Herz der Finsternis?

Milo Rau: In gewisser Hinsicht schon. "Herz der Finsternis", der Roman von Joseph Conrad, ist ein Buch über den klassischen Kolonialismus und den Anteil Europas an Afrikas Finsternissen - und genau diese wiederholen sich aktuell im Neokolonialismus auf höherem Niveau. In Regionen wie dem Ostkongo zahlen die Menschen die Rechnung für das, was wir hier in Europa an Lebensqualität dazu gewinnen, wenn wir Rohstoffe wie Coltan abbauen, wenn wir Monokulturen für Biodiesel pflanzen. Und was die Arbeit am "Kongo Tribunal" angeht, so ist das tatsächlich eine Reise ins Herz der Finsternis: Massendeportationen, Massaker, Krieg seit 20 Jahren. Das war selbst für mich, obwohl ich schon sehr viel gesehen habe, eine neue Dimension.

Worum wird es genau beim "Kongo Tribunal" gehen?

"Das Kongo Tribunal" ist ähnlich wie meine Vorgängerprojekte - zum Beispiel "Die Moskauer Prozesse" oder "Die Zürcher Prozesse" - ein Gerichtsformat. Wir werden drei Tage lang in Bukavu und noch mal drei Tage in Berlin Live-Tribunale durchführen mit internationalen und kongolesischen Experten, die die Verwicklung von lokalen Akteuren, von Mineralien-Firmen, aber auch der EU, der Vereinten Nationen oder Chinas in diesen opferreichsten Krieg seit dem 2. Weltkrieg untersuchen. Was hat zum Beispiel unser Bedürfnis nach Rohstoffen mit einem Massaker im Ostkongo zu tun? Bei einem anderen Fall, der uns interessiert, geht es um eine Umsiedlungsaktion von Tausenden von Menschen in ein Gebiet, das eigentlich unbewohnbar ist, damit Rohstoffe im großen Stil abgebaut werden können. All das geschieht, während die UNO mit dem größten Blauhelm-Kontingent der Geschichte vor Ort ist, so dass man sich fragen muss: Wen schützt dieses Kontingent eigentlich? Die kongolesische Regierung ihrerseits arbeitet mit den internationalen Firmen zusammen - in vielen Fällen leider gegen die Interessen ihrer eigenen Bürger. Das Projekt versucht, derartige Verstrickungen und Hintergründe sichtbar zu machen.

In einem Theater (Foto: Milo Rau/International Institute of Political Murder)

Bei der Vorbereitung der Live-Tribune

Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit? Haben Sie keine Angst, dass Ihnen das Projekt entgleitet? Der Kongo-Krieg ist längst nicht beendet.

Es wird keine Schauspieler geben, kein Skript, dieses Tribunal ist nicht voreingenommen. Ich weiß also nicht, wie das Ganze ausgeht. Vom hohen Regierungsfunktionär bis zum einfachen Minenarbeiter, vom Rebell bis zum UNO-Offizier werden alle befragt, und am Schluss fällt die Expertenjury ein Urteil, sowohl in Bukavu als auch in Berlin. Ich denke, dass das direkten Einfluss auf die Politik haben wird, weil die vor dem "Kongo Tribunal" verhandelten Fälle in der Realität bewusst verschleppt oder gar nicht erst verhandelt wurden - oder dann auf einer Ebene, die nur die allerunterste Befehlsebene betrifft. Wenn man etwa die Umsiedlungsaktionen großer Firmen nimmt, die nach internationalem wie konogolesischem Recht illegal sind, ist das klassische Wirtschaftskriminalität. Gleichzeitig kann man auch sagen: Das sind nur die Geburtsschmerzen der Industrialisierung, am Ende wird die Mehrheit profitieren wie in Europa. Solche Fälle ohne Vorurteile zu verhandeln - und zwar in Zusammenarbeit mit allen Seiten, den Minenfirmen genauso wie den Bürgerrechtsorganisationen, Rebellen genauso wie der offiziellen Armee, mit Globalisierungskritikern, der OECD und der Weltbank, ist natürlich ein Drahtseilakt. Man läuft Gefahr, dass das Ganze so ernst genommen wird, dass das Tribunal am Ende an seinem eigenen wahnwitzigen Anspruch scheitert.

Gleichzeitig werden Sie selbst und Ihr Tribunal zu einem Akteur in diesem Konflikt.

Ich denke, es ist notwendig, zum Akteur zu werden. Wenn man mich später fragt: "Was hast du getan, als sechs Millionen Menschen im Kongo gestorben sind?", dann will ich nicht sagen müssen: "Ich habe in Paris einen Roman von Michel Houellebecq dekonstruiert." Wer ein bisschen moralischen Restanstand hat, muss aktiv werden, muss sich einmischen. Die globalisierte Wirtschaft verlangt nach global agierender Kunst.

Was hat Sie so politisiert?

Ich glaube, ich bin in punkto Verdrängung nicht besonders gut - ich kann das Massaker, dessen Zeuge ich im Ostkongo wurde, nicht verdrängen, auch nicht die deportierten Menschen, die Flüchtlingslager, dieses unglaubliche Elend. Und vor allem kann ich die Tatsache nicht verdrängen, dass diese Dinge zynischerweise nötig sind, um unseren Reichtum zu garantieren, um die Weltwirtschaft in Schuss zu halten. Was mich politisiert hat, ist also schlicht und einfach die Realität, in der wir leben - die völlig unterschiedlichen Wertmaßstäbe zum Beispiel, die für Europa und Afrika gelten. Aber der Kongo ist kein ferner Planet, auf dem Wesen leben, die keinen Anspruch haben auf Glück. Ich muss mich engagieren, ich kann mich nicht abgrenzen, sonst würde ich verrückt.

Dreharbeiten im Kongo (Foto: Milo Rau/International Institute of Political Murder)

Dreharbeiten im Kongo

Wie geht es Ihrer Meinung nach im Kongo weiter?

Schwer zu sagen. Ich habe verschiedene Oppositionspolitiker getroffen, und es gibt meines Erachtens ein paar, die tatsächlich unabhängig sind und eventuell etwas verändern könnten. Auch der aktuelle Leiter der UN-Mission im Kongo, Martin Kobler, hat einiges in Gang gebracht. Eine Hoffnung ist, dass das föderale System gestärkt wird, dass die kongolesischen Bundesstaaten mehr Unabhängigkeit erhalten. Man muss bedenken, dass dieses Land fast so groß ist wie Europa - es ist unmöglich, auf dem Landweg von West nach Ost zu kommen. Ohne Infrastruktur und ohne lokal gedachte, mit der Bevölkerung ausgehandelte Industrialsierung wird sich niemals irgendetwas ändern. Mein Eindruck ist, dass alle - die direkten Nachbarn, die Rebellenorganisationen, die internationalen Minenfirmen, aber auch die Regierung und sogar die NGOs - von dem ständigen Chaos profitieren. Das ist eine Kriegswirtschaft: Coltan, Gold, Zinn, Erdöl, Anbauflächen, sogar vergewaltigte Frauen bringen Geld auf dem Weltmarkt. Und solange sehr viele Leute ihr Geld mit diesem Krieg verdienen, wird sich im Kongo nichts ändern.

Milo Rau (37) ist Schweizer Theaterregisseur, Journalist und Essayist. Mit seinen Theaterstücken und Filmen widmete er sich unter anderem dem Völkermord in Ruanda ("Hate Radio") und der Gerichtsverhandlung gegen Pussy Riot ("Die Moskauer Prozesse"). "Das Kongo Tribunal" wurde vom 29. - 31. Mai in Bukavu inszeniert und soll auch in Berlin zur Aufführung kommen.

Das Interview führte Dirke Köpp.

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