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Europa

Regimekritiker bei Minsk tot aufgefunden

Wenige Monate vor der Präsidentenwahl sorgt der Tod eines Regierungsgegners in Weißrussland für Aufregung. Oppositionelle widersprachen der Version der Staatsanwaltschaft, der Journalist habe Selbstmord begangen.

Oleg Bebenin wird von weißrussischen Polizisten abgeführt (Undatiertes Archivfoto: dpa)

War dem Regime seit Jahren ein Dorn im Auge: Der Oppositionelle Oleg Bebenin

Der Betreiber der oppositionellen Internetseite charter97.org, Oleg Bebenin, war am Freitag in seinem Wochenendhaus nahe der weißrussischen Hauptstadt Minsk tot aufgefunden worden. Gerichtsmediziner sollten die genaue Todesursache bei einer Obduktion klären, sagte ein Sprecher von Charter 97 am Samstag (04.09.2010).

Wie die staatliche Nachrichtenagentur RIA Nowosti unter Berufung auf die Polizei meldete, wurde der Regimekritiker erhängt aufgefunden. Die Ermittler gehen nach Angaben eines Sprechers in erster Linie dem Selbstmordverdacht nach. Es seien keine Merkmale eines gewaltsamen Todes festgestellt worden, hieß es.

Weggefährten glauben nicht an Selbstmord

Oleg Bebenin wird von weißrussischen Polizisten festgehalten (Undatiertes Archivfoto: dpa)

Verübte Bebenin Selbstmord oder wurde er Opfer des Regimes?

Freunde Bebenins bezweifelten die Version der Staatsanwaltschaft. Natalia Radina, die mit Bebenin an der Internetseite arbeitete, sagte, der 36-Jährige sei "voller Pläne" gewesen und habe sich mit ihr für nächsten Montag verabredet. An seinem Todestag sei Bebenin "bester Laune" gewesen.

Zweifel an der Selbstmord-Vermutung der Behörden hegt auch der Chef der Bürgerinitiative Europäisches Weißrussland, Andrej Sannikow. Er glaube nicht an Suizid, sagte der Oppositionelle. "Kein Abschiedsbrief wurde gefunden, und die letzten SMS-Nachrichten, die er an Freunde verschickte, zeigen, dass er am Donnerstagabend einen Kinobesuch plante." Bebenin war verheiratet und Vater von zwei Söhnen.

Charter 97 schon länger im Visier des Regimes

Die Internetseite Charter97 gilt als wichtiges Sprachrohr der Opposition im autoritär regierten Weißrussland. Die Redaktionsräume waren erst im März von der Polizei durchsucht worden. Dabei wurden mehrere Computer beschlagnahmt. Bebenin hatte die Webseite seit 1998 trotz zunehmendem Druck vonseiten der Regierung weiter betrieben.

In der Vergangenheit hatte es in der von Staatspräsident Alexander Lukaschenko mit harter Hand regierten Ex-Sowjetrepublik immer wieder rätselhafte Todesfälle von Journalisten und Bürgerrechtlern gegeben. Ermittlungen des Europarates legten vor einigen Jahren nahe, dass mehrere Gegner Lukaschenkos 1999 von einer sogenannten Todesschwadron mit engsten Kontakten zur Staatsführung entführt und ermodet wurden.

"Europas letzter Diktator"

Staatspräsident Alexander Lukashenko am 26.07.2010 in Minsk (Foto: AP)

Regiert mit harter hand: Staatspräsident Alexander Lukashenko

Lukaschenko wird von Kritikern auch als "Europas letzter Diktator" bezeichnet. Fernsehsender und die meisten Printmedien werden vom Staat kontrolliert, viele unabhängige Zeitungen wurden geschlossen.

Der 56-jährige Staatschef hat angekündigt, bald den Termin für die nächste Präsidentenwahl bekanntzugeben. Diese soll bis spätestens Frühjahr 2011 stattfinden. Lukaschenko ist seit 1994 an der Macht. Im Jahr 2006 wurde er nach offiziellen Angaben mit 83 Prozent der Stimmen wiedergewählt.

Internationale Beobachter, die schon die vergangenen Abstimmungen stets als undemokratisch kritisierten, beklagen auch jetzt wieder unfaire Bedingungen für die Opposition.

Autorin: Ursula Kissel (dpa, afp, apn)
Redaktion: Susanne Eickenfonder

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