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Wirtschaft

Regierung total digital

Die deutsche Informations- und Telekommunikationsbranche wächst zwar schneller und schafft mehr Jobs als andere Branchen. Doch beim nationalen IT-Gipfel in Essen gibt es auch viel Diskussionsbedarf.

Netzwerkkabel stecken in Berlin in einem Verteiler für Internetverbindungen (Foto: dpa)

Symbolbild Internet Spionage Kriminalität Cyberangriffe

Die deutsche Informations- und Telekommunikationsindustrie kann wirklich nicht klagen: Ihr Umsatz mit Produkten und Dienstleistungen wird in diesem Jahr um 2,8 Prozent auf 152 Milliarden Euro zulegen, sagen die Statistiker des Branchenverbands Bitkom voraus. "IT und Kommunikation sind schon seit langem Wachstums- und Beschäftigungsmotor in Deutschland. Andere Branchen schaffen das nicht", sagt Stefan Heng, Branchenanalyst bei Deutsche Bank Research zur DW.

Aber was sind schon 152 Milliarden Euro Gesamtumsatz in Deutschland verglichen mit den 156 Milliarden Dollar, die allein der US-Computerkonzern Apple im Finanzjahr 2012 einnimmt? Tatsächlich fehlen nicht nur der deutschen, sondern der gesamten europäischen Branche die großen Namen wie Facebook, Google, Intel oder Microsoft.

Zweitgrößter Arbeitgeber

Dafür aber ist die Branche in Deutschland breit aufgestellt: Rund 81.000 Firmen tummeln sich im Markt, sie beschäftigten im vergangenen Jahr 876.000 Menschen und werden in diesem Jahr vermutlich weitere 10.000 Arbeitsplätze schaffen. Damit sind die Anbieter von Informationstechnik, Telekommunikation und Internetdiensten hinter dem Maschinenbau zweitgrößter Arbeitgeber in der deutschen Industrie - noch vor der Automobil- oder der Elektroindustrie.

Gleichzeitig ist die Zahl der freien Stellen für IT-Spezialisten kräftig gestiegen. Aktuell gibt es rund 43.000 offene Stellen - die Branche beklagt einen eklatanten Fachkräftemangel. Mit ihren Sorgen wird sich auf dem IT-Gipfel am Dienstag (13.11.2012) in Essen Bundesbildungsministerin Annette Schavan im Arbeitskreis "Bildung und Forschung für die digitale Zukunft" auseinandersetzen müssen.

Telefonieren war gestern

Auch in der Telekommunikation erwartet die Branche ein kräftiges Umsatzwachstum. Hier sorgt der boomende Smartphone-Absatz für schwarze Zahlen. Sieben von zehn in Deutschland verkauften Mobiltelefonen sind inzwischen Smartphones. Und die werden offenbar immer weniger für Telefongespräche genutzt. Das hat Folgen für die klassischen Telekom-Anbieter. "Mit dem klassischen Telefongespräch kann man sich heute nicht mehr über Wasser halten", sagt Branchenanalyst Stefan Heng. Die Umsatzzahlen sind seit Jahren rückläufig.

Immer mehr Smartphone-Besitzer schicken ihre Bilder und Videos an Freunde, Bekannte oder in die Cloud, immer mehr Außendienstmitarbeiter gleichen ihre Daten per Funk oder Internet mit der Zentrale ab. Das sorgt für enorm steigende Datenmengen und beschert den Anbietern von mobilen Datendiensten zwar ein sattes Plus von 13 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro, es verlangt aber enorme Investitionen in Netze, die diese Datenflut auch bewältigen können.

Wer zahlt den Netzausbau?

"Hier hat Deutschland sehr ambitionierte Ziele, noch ambitionierter als das von der EU vorgegeben ist", sagt Analyst Stefan Heng von Deutsche Bank Research zur DW. Bis zum Jahr 2018 sollen alle deutschen Haushalte einen schnellen Internet-Anschluss bekommen. "Das heißt aber, man muss in den nächsten fünf, sechs Jahren auch mindestens 80 bis 100 Milliarden Euro in die Hand nehmen und in Deutschland verbuddeln."

Doch woher sollen die Milliarden kommen? Die klassischen Telekom-Anbieter haben nämlich heftige Konkurrenz von den Kabelnetzbetreibern bekommen, die nicht nur TV-Programme in die Haushalte liefern, sondern auch Internetanschlüsse mit sagenhaften Übertragungsraten anbieten. Rund drei Viertel des Wachstums im Breitbandmarkt finden derzeit bei den Kabelanbietern statt - und nicht bei den klassischen Telekom-Anbietern.

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Wo bleibt das platte Land?

Zudem klagt die Branche nicht nur über den scharfen Wettbewerb, sondern auch über die Eingriffe der Regulierungsbehörden. Seit Jahren sinken die Entgelte, die die Netzbetreiber untereinander verlangen dürfen, wenn ihre Kunden in das jeweils andere Netz telefonieren, und seit Jahren sinken auch die Roaming-Gebühren im Ausland. Das mag populär sein und kurzfristig die Kunden freuen, argumentiert die Branche, dem Markt würden aber auf diese Weise Mittel für Investitionen entzogen.

Außerdem ist der Ausbau der Breitbandnetze politisch auch noch mit Auflagen versehen. Breitbandausbau ja, aber bitteschön nicht nur in den lukrativen Ballungsgebieten, sondern auch auf dem platten Land. Da schimmert noch der alte Gedanke der Daseinsvorsorge durch, der einmal für die Deutsche Bundespost gegolten hat: Ein Brief muss auch noch auf der letzten "Hallig" zugestellt werden können - so heißen die kleinen, schwer erreichbaren Inseln vor Deutschlands Nordseeküste.

Ebbe vor der Hallig

Die Versorgung der Halligen sei zwar gut und wichtig, gibt Analyst Stefan Heng zu bedenken. "Aber muss da auch ein Eilbrief in den nächsten zwei Stunden angeliefert werden, wenn Ebbe ist?" Wirtschaftsminister Philipp Rösler wird sich auf dem IT-Gipfel in Essen mit diesen Problemen im Arbeitskreis "Digitale Wirtschaft in Deutschland" auseinandersetzen müssen.

Dass die Bundesregierung die Sorgen und Nöte der deutschen ITK-Industrie ernst nimmt, lässt sich auch daran ablesen, wen Bundeskanzlerin Angela Merkel sonst noch zur Teilnahme nach Essen geschickt hat: So wird Innenminister Hans-Peter Friedrich im Arbeitskreis "Vertrauen, Datenschutz und Sicherheit im Internet" diskutieren, und Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wird den Arbeitskreis "Verantwortung und Schutz in der vernetzten Gesellschaft" leiten. Die Kanzlerin selbst wird an der Abschlussdiskussion teilnehmen. Die Bundesregierung - zumindest für einen Tag - total digital.

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