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Musik

Regie ist ein Schöpfungsakt: Vera Nemirova

Die Opernregisseurin Vera Nemirova sprach mit der DW über das revolutionäre Potential von "Tristan und Isolde", Wagners Erlösungszwang und den Liebestod als Happy-End.

Vera Nemirova, deutsch-bulgarische Opernregisseurin. 24.4.2013 in Bonn Copyright: DW/A. Boutsko

Vera Nemirova

Ihre Mutter war eine Opernsängerin, Ihr Vater ein Regisseur. Im Musiktheater aufgewachsen, ist die in Bulgarien geborene Opernregisseurin Vera Nemirova ihm treu geblieben. Ihre Inszenierungen polarisieren nicht nur deutsche Theaterwelt. Spätestens seit Ihrer Deutung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Salzburg 2010 und der 2012 abgeschlossenen "Ring"-Inszenierung an der Frankfurter Oper ist es aber klar: Nemirova ist eine der Großen der Opernregie von heute, eine würdige Nachfolgerin in der Tradition von Walter Felsenstein und Berthold Brecht, sowie von Ihren unmittelbaren Lehrern – Ruth Berghaus und Peter Konwitschny. In Bonn hat Vera Nemirova gerade "Tristan und Isolde" inszeniert.

DW: Frau Nemirova, alle Wagners Heroinnen haben etwas gemeinsam: Sie verlieben sich unsterblich auf den ersten Blick, sind, wenn überhaupt, nur kurz glücklich und am Ende in der Regel tot. Hat Wagner ein Problem mit glücklicher Liebe?

Vera Nemirova: Immer wieder muss bei Wagner die Mission eines großen Mannes durch das Opfer einer Frau erkauft werden. Das finde ich eigentlich nicht gut. Aber grundsätzlich kann man auch sagen, dass es sich dabei um die Erfüllung persönlicher Sehnsüchte handelt. Wagner spaltet sich selbst auf in seine Charaktere. Es steckt genauso viel von ihm in Tristan drin, wie in Isolde. Da gibt es fast keine geschlechtliche Unterteilung.

Dara Hobbs als Isolde, Robert Gambill als Tristan (Foto:Thilo Beu/ Theater Bonn)

Tristan und Isolde in Bonn

Wagner schrieb "Tristan und Isolde" zur Zeit seiner unerfüllten Liebe zu Mathilda Wesendonck. Wie wichtig war das für Sie bei der Konzeption?

Selten hat man eine solche Deckungsgleichheit zwischen biografischen Umständen des Komponisten und der Werkentstehung. Mathilde Wesendonck, die Dichterin, die Muse, die der Grund war für die Entstehung dieser genialen Komposition! Ich habe mich sehr stark daran orientiert. Übrigens: Als ich noch im dritten Studienjahr war, habe ich von meiner Gesangslehrerin ein Stück zu singen bekommen, was mich ungeheuer stark faszinierte. Es war das Lied "Im Treibhaus" aus den "Wesendonck-Liedern". Ich wollte die Bilderwelten, die darin beschrieben werden, irgendwann auf der Bühne verwirklicht sehen. Das Lied war eine Vorstudie Wagners zu "Tristan". Ich habe mir dann in meinem "Tristan“ ein Treibhaus auf der Bühne gewünscht.

Kann eine sehr große Liebe nur unerfüllt bleiben?

Natürlich gibt es in jedem von uns dieses unstillbare Verlangen nach Erfüllung. Bei Tristan und Isolde ist aber ganz extrem: Nachdem sie den vermeintlichen Todestrank zu sich nehmen, wollen sie alles auskosten. Deswegen ist es so exzessiv und deswegen dauert bei ihnen der Zustand des Verliebtseins, der eigentlich ein Ausnahmezustand ist, unendlich lange. "Unendlich" sage ich, weil das Ende, nach dem sie sich sehnen, der Tod, im Grunde gar nicht eintritt. Sie werden verwandelt, sie gehen in eine andere Welt, in eine andere Form des Seins. Und dort finden sie ihre Erfüllung. Tristan spricht es im 3. Akt des Stückes aus, "Sehnen! Sehnen! Im Sterben mich zu sehnen, vor Sehnsucht nicht zu sterben!“. Das finde ich großartig.

Wohin entführen Sie diesmal die Zuschauer?

Ich entführe sie in ein "Treibhaus der Gefühle". Das ist durchaus der Intention des Komponisten folgend. Für mich sind Tristan und Isolde ein Künstlerpaar, das sich im Schöpfungsakt trifft, in der Kunst. Die sublimieren ganz viel. Was sie nicht ausleben können, bringen sie zu Papier, und sie haben ein Anliegen: nämlich mit dem, was sie tun, die Welt zu revolutionieren. Das ist kein Todesstück, sondern ein Liebes- und Lebensentwurf.

Die Oper in Bonn (Foto: picture alliance/ Wolfgang Moucha)

Opernhaus Bonn

Man sagt, es gibt zwei Grundstränge in der modernen Opernregie: Entweder lässt man den Ablauf der Stücke unangetastet und modifiziert lediglich "Rahmenbedingungen", oder aber man zerschlägt das Material und dichtet eine ganz anderen Geschichte hinein. Zu welchem Lager zählen Sie sich?

Ich finde es nicht gut, von "Lagern" zu sprechen, das erinnert an Kriegsführung. Es geht ja um Kunst. Ich bin persönlich der Überzeugung, dass der Regisseur Interpret und Autor gleichzeitig sein muss. Die Kraft der Phantasie des Regisseurs ist vergleichbar mit einem Schöpfungsakt. Mein Ansatz ist so, dass ich ganz stark von der Musik ausgehe, vom Text. Ich versuche, das, was drin steht, sichtbar zu machen. Und Wagners Stücke sind eben gut.

Sie haben 2007 mit "Tannhäuser" ihr erstes Wagner-Stück inszeniert, mittlerweile haben Sie auch einen "Ring" umgesetzt. Zwischendurch machen Sie aber auch immer wieder Verdi. Brauchen sie ihn als "Gegengift" zu Wagner?

Die beiden gleichaltrigen Komponisten sind für mich die zwei wichtigsten Säulen des Musiktheaters und der Grund, warum ich überhaupt Oper mache – neben der dritten Säule: Mozart. Obwohl beide, Verdi und Wagner, sich eigentlich immer gemieden haben, brauchten sie einander als heimliche Quelle der Inspiration.

Daniela Denschlagals Brangäne, Dara Hobbs als Isolde (Foto:Thilo Beu/ Theater Bonn)

Tristan und Isolde in Bonn

Sie sind in Bulgarien geboren…

…und ich gehe immer wieder hin. Zum Arbeiten wie privat. Ich bin oft zu Hause.

Die Realität in Osteuropa ist viel härter, viel direkter, als im Westen. Brauchen Sie die als Inspirationsquelle?

Reisen ist für mich eine sehr wichtige Inspirationsquelle, ich bin viel in anderen Kulturen unterwegs. Ich beobachte Menschen viel – und die sind überall unterschiedlich. Klar, die Härte des Lebens ist in Osteuropa augenfällig. Es gibt aber auch hierzulande viele Probleme und finanzielle Beschneidungen. Wenn dieser Impuls von hier aus geht, hat es dramatische Folgen, auch für den Osten.

Sie sind an den größten Opernhäusern und Festivals wie in Salzburg zu Hause. Dennoch kommen Sie wieder nach Bonn, an ein Haus, das nicht zu den führenden zählt. Warum?

Hier in Bonn gab es ein tolles Ensemble, einen spielfreudigen Chor und gewachsene Strukturen mit hoch professionellen Kräften in allen Abteilungen. Außerdem hat das Bonner Opernhaus eine großartige Tradition – als das Opernhaus der ehemaligen deutschen Bundeshauptstadt. Und Publikum und Haus hier haben immer noch einen Anspruch auf höchste Qualität.

Sie sind mittlerweile eine ausgewiesene "Wagner-Frau". Hätten sie Interesse an Bayreuth?

Ich frage zurück: Hat Bayreuth Interesse an mir? Dann sollen die sich melden.

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