1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Reformstau im Vatikan

Das Pontifikat von Benedikt dem XVI. war von tiefen Krisen gekennzeichnet. Kritiker vermissen eine Reform der Katholischen Kirche und ihres Leitungsapparates in Rom.

In Europa spielen Fortschritte in der Ökumene, eine unzeitgemäß strenge Sexualmoral und mehr Macht und Möglichkeiten für Frauen in der Kirche eine große Rolle. Ein Großteil der Arbeit in den Ortskirchen wird von Frauen geleistet. Auf die Führungspositionen, die Frauen innerhalb der Kirche besetzen dürfen, schlägt sich das kaum nieder. Immer stärker wird die Forderung, dass das Priesteramt auch für Frauen geöffnet werden soll.

Konservative Haltung vertreibt die Anhänger

Ein Dauerbrenner unter den heiklen Themen ist der Zölibat. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes Forsa im Februar dieses Jahres hoffen mehr als 80 Prozent der deutschen Bevölkerung, dass der zukünftige Papst das Gebot der Ehelosigkeit für katholische Priester aufhebt.

Auch beim Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen in der Katholischen Kirche sehen viele klaren Änderungsbedarf. Derzeit sind Katholiken, die nach einer Trennung erneut heiraten, von der Eucharistiefeier ausgeschlossen.

Der Tübinger Theologe Hans Küng hält eine Änderung der konservativen Haltung für unabdingbar. Küng meint, dass sich die Kirche bei Fragen wie Ehescheidung, Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch bewegen müsse, um nicht noch mehr Anhänger zu verlieren.

Missbrauchsfälle sind noch nicht aufgearbeitet

Priester in der Kirche, der eine Bibel hält, der Kopf ist im Dunkeln. Foto: ANP

Kritiker fordern: mehr Licht ins Dunkel kirchlicher Missbrauchsfälle

Die in den vergangenen Jahren aufgedeckten Missbrauchsfälle in katholischen Einrichtungen haben die Kirche stark erschüttert. Viele Kritiker, unter ihnen auch der Schweizer Pastoraltheologe Leo Karrer, vertreten, dass die Hintergründe der Skandale bis heute nicht aufgearbeitet sind.

Außerdem moniert Karrer die Form, in der die Kirchenleitung in Rom Autorität ausübt und pflichtet damit der Klage vieler Katholiken bei, die sich an der Kirchenbasis engagieren und oft von Rom gegängelt fühlen.

Mehr Transparenz und Dialog an der Spitze

Der Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur, KNA, Ludwig Ring-Eifel, sieht als wichtigste Aufgabe für den neuen Papst die Umstrukturierung der Kirchenleitung im Vatikan, der Kurie. "Das hat sich einfach in den letzten Jahren des Pontifikats von Benedikt dem XVI. gezeigt, dass alles, was der Papst sich vornimmt, nicht umgesetzt werden kann, wenn der Apparat an der Spitze nicht richtig funktioniert, egal ob es um Theologisches oder Politisches geht." Außerdem müsse der Papst mehr Laien in die Kirchenleitung rufen, plädiert Ring-Eifel. "Er kann nicht aller wichtigen Ämter Erzbischöfen und Monsignores überbelassen." Der Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe, Karl Jüsten glaubt, dass die päpstlichen Behörden mehr modernen Management-Methoden angepasst werden müssten. "Es wäre sicher gut, in der Kurie ein Kabinett einzuführen, wo die Kardinäle mit dem Papst nicht nur einzeln kommunizieren, sondern wo sich die Kardinäle auch untereinander verständigen."

Vier Fünftel der Katholiken leben außerhalb Europas

Eine Menschenmenge vor einem Jesusplakat REUTERS

Christen in Lateinamerika haben andere Wünsche an den Papst als Europas Katholiken

Auch wenn es Übereinstimmungen gibt, die Betonung, was der neue Papst leisten muss, fällt je nach Weltregion unterschiedlich aus. Für den Maßstab deutscher Medien müsse sich deshalb das nächste Kirchenoberhaupt konservativ zeigen, meint KNA-Chefredakteur Ring-Eifel. "Es ist völlig verfehlt, anzunehmen, dass der Papst einer Weltkirche die Situation der Katholiken in München oder Köln zum Maßstab nimmt für die Entwicklung der Katholiken in Manila oder Mexico City." Theologe Karl Jüsten geht noch einen Schritt weiter mit seiner Einschätzung, dass beim Blick auf die Probleme der Menschheit, die Themen in Europa eher als Luxusprobleme erschienen. "Die Hauptprobleme sind die Bekämpfung von Armut, Hunger, AIDS und andere Krankheiten. Nehmen Sie die ganzen Staaten, wo Bürgerkriege herrschen und die Menschen um das nackte Überleben kämpfen. Hier muss der Papst ganz nah sein."

Der Papst muss Antworten für viele finden

In Lateinamerika lebt der katholische Glaube weit stärker als in vielen anderen Teilen der Erde. Der Kontinent erwartet den neuen Pontifex zum Weltjugendtag im Juli in Rio de Janeiro - ein sehr wichtiger erster Auftritt vor Millionen von Gläubigen. Drogenhandel, Gewalt, Armut und Korruption sind Probleme, für die die Kirche hier Antworten anbieten muss. Außerdem setzten die evangelischen Freikirchen und andere religiöse Gruppen der Katholischen Kirche zu.

Papst Benedikt in Afrika Foto:dpa

1,2 Milliarden Katholiken gibt es in aller Welt

Rückenwind vom neuen Papst statt Stillstand in Rom erwarten auch die Katholiken des aus Vatikan-Sicht aufsteigenden Kontinents Afrika. Die Kirchenleute kämpfen mit anderen gemeinsam gegen Aids, gegen immer wiederkehrende Hungersnöte und einen neuen wirtschaftlichen "Kolonialismus". Islamistischer Hass und Aggression gegen Christen in Afrika reihen sich inzwischen in die weltweit verbreitete Christenverfolgung ein.

Asien ist für die Welt in diesen Jahren von strategisch herausragender Bedeutung, auch für die Kirche. Der deutsche Papst hat Asien nicht besucht, in seinem Pontifikat gab es anhaltenden Ärger mit der Pekinger Führung, die auch die Religion massiv kontrollieren will. Nur wenige Prozent der Asiaten sind Christen, während diese Region doch die Mehrheit der Weltbevölkerung stellt. Das bedeutet eine Herausforderung für eine Kirche, die dort das Evangelium verbreiten will.

Die Glaubenskrise in der westlichen Welt und das weiterhin noch ungeklärte Verhältnis der Mutterkirche zu den abtrünnigen erzkonservativen Pius-Brüdern - auch das sind große Herausforderungen, die der Papst und die Kurie bewältigen müssen. Viel wird davon abhängen, von welchem Kontinent der neue Papst kommt und ob er bereit sein wird, neue Wege zu gehen.