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Alltagsdeutsch – Podcast

Redewendungen aus anderen Ländern

Warum werden Eulen nach Athen getragen? Warum sitzt jemand hinter schwedischen Gardinen? Der deutsche Gelehrte Jacob Grimm ist von den Toten auferstanden und erklärt einige Redewendungen, die uns spanisch vorkommen.

Sprecher 2:

Woher kommt denn diese Eule?

Sprecherin:

Von der Redensart Eulen nach Athen tragen.

O-Töne:

"Eulen nach Athen tragen …" / Da habe ich keine Ahnung, was das heißen könnte." / "Ich schließe mich da an." / "Eulen nach Athen tragen bedeutet, etwas Überflüssiges machen." / "Woher kann so was kommen?" / "Aus der Antike natürlich." / "Und was hat es mit etwas türken auf sich?" / "Etwas türken? Dass man etwas verfälscht." / "Hmm, vielleicht hängt das mit diesem Türkenfeldzug in Europa zusammen, oder so, wo sie da bis vor Wien gerückt sind?" / "Das kommt mir spanisch vor." / "Wenn mir was spanisch vorkommt, dann habe ich eigentlich keine Ahnung davon. Das kann ich leider nicht erklären: Vielleicht, weil die Spanier doch manchmal merkwürdig sind?!"

Sprecher 1:

"Gestatten Sie, meine Herrschaften, dass ich Ihre Gedankengänge unterbreche?! Es fiel mir auf, dass Ihnen der Ursprung einiger Redewendungen unbekannt ist. Wenn ich meine Dienste anbieten darf, Ihnen dieselbigen zu erklären?"

Sprecher 2:

Wer Sind Sie denn?

Sprecher 1:

"Verzeiht, dass ich mich Euch nicht vorgestellt habe. Mein Name ist Jacob Grimm, 1785 bis 1863, Doktor der Jurisprudenz, Gelehrter und Bibliothekar. Ihr werdet meinem Bruder Wilhelm und mich als Herausgeber deutscher Hausmärchen kennen."

Sprecher 2:

Ach, Sie haben "Dornröschen", "Schneewittchen" und "Hänsel und Gretel" und all die anderen wunderbaren Märchen geschrieben?

Sprecherin:

Ja, jetzt erkenne ich den Herrn. Aber die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm sind nicht nur die Sammler, Nacherzähler und Herausgeber der "Kinder- und Hausmärchen" sowie der "Deutschen Sagen", sondern gelten auch als Begründer der germanischen Philologie. Insbesondere Jacob schuf mit seiner "Deutschen Grammatik", der "Deutschen Mythologie" und den "Deutschen Rechtsalthertümern" bahnbrechende Werke. Und zusammen mit Wilhelm begann er 1854 die Arbeiten zum "Deutschen Wörterbuch", das die beiden in zehn Jahren fertig stellen wollten, was sie zu Lebzeiten aber nicht mehr schafften. Es wurde erst 1960 vollendet.

Sprecher 1:

"Nun ja, auch Rom wurde nicht an einem Tag erbaut. Im Vorwort habe ich jedoch etwas niedergeschrieben, was Euch interessieren dürfte: 'Etymologie ist das Salz oder die Würze des Wörterbuchs, ohne deren Zutat seine Speise noch ohne Geschmack bliebe'."

Sprecher 2:

Dann sind Sie ja ein echter Experte, der uns die Herkunft der Wörter und Redewendungen erklären kann.

Sprecher 1:

"Wenn ich nochmals aus meinem Wörterbuch zitieren darf: 'Die lateinische und griechische Sprache legen uns einen großen Schatz klassischer Denkmäler vor Augen'. So entstanden viele Redewendungen, die Ihr heute benutzt, schon in der Antike. Doch nun lasst mich Euch erklären, was es mit Eulen in Athen, Türken und Spaniern auf sich hat."

Sprecherin:

Aber gerne, Meister Grimm.

Sprecher 1:

"Den Ausdruck Eulen nach Athen tragen benutzte erstmals der klassische Komödiendichter Aristophanes in einem seiner Werke. Wie die Dame vorhin so treffend erklärte, bedeutet er, etwas Überflüssiges zu tun. Die Eulen hausten nämlicher in großer Zahl in den Abhängen der Akropolis und sie galten als kluge Gefährtin Athenes, der Schutzgöttin der Stadt."

Musik

Sprecher 1:

Die junge Dame hat nicht ganz Unrecht, wenn sie vermutet, dass der Ausdruck mir kommt etwas spanisch vor – also befremdlich oder seltsam – auf die Spanier und ihre Merkwürdigkeiten zurückgeht. Als nämlich Kaiser Karl V., ein Spanier nach Abstammung und Erziehung, zwischen 1519 und 1556 die deutsche Kaiserkrone trug, fanden manche spanischen Sitten und Bräuche und gar ungewöhnliche Moden in Deutschland Eingang. Mancher Zeitgenosse ereiferte sich damals, es herrschten Zustände wie im alten Rom."

Sprecher 2:

Rom wurde nicht an einem Tag erbaut, Zustände wie im alten Rom, Danaergeschenk, spartanisch leben, Achillesferse, seinen Obolus leisten, Tantalusqualen erleiden – sind das alles Formulierungen, die wir der Antike verdanken?

Sprecher 1:

"Ganz recht, mein Herr."

O-Töne:

"Seinen Obolus leisten heißt, glaube ich, seinen Beitrag leisten." / "Ja, Tantalusqualen sind, glaube ich, also der Tantalus wurde angebunden und hatte Durst, durfte aber nicht trinken." / "Ja, Spartanisch leben, das heißt so ungefähr also, ganz, ganz wenig essen, weder Fleisch essen, noch sonst irgendetwas mehr, vielleicht nur Gemüse. / Spartanisch leben heißt soviel wie armselig leben, bescheiden leben, ohne jeden Luxus." / Danaergeschenk und Achillesferse? Da bin ich mit meinem Latein am Ende."

Sprecher 1:

"Ich sehe schon, in Ihrem Jahrhundert ist die Verbundenheit zur antiken Historie nicht mehr so gegeben wie zu meiner Zeit. Die Redewendung spartanisch leben – also genügsam und anspruchslos leben – leitet sich von der ungewöhnlich harten Erziehung und Lebensweise der Spartaner ab. Ab dem siebten Lebensjahr wurden die Söhne dieses Volkes zur Kriegsführung und zum Gehorsam erzogen. Tantalus litt tatsächlich fürchterlichen Durst, er erduldete Tantalusqualen. Homer berichtet in seiner Odyssee, dass der phrygische König in der Unterwelt bis zum Kinn im Wasser stand, doch sobald er den Kopf neigte, um zu trinken, versiegte das Wasser. Das war die Strafe der Götter des Olymp dafür, dass er von ihrer Tafel Ambrosia, also Götterspeise, entwendet hatte und ihre Geheimnisse ausplauderte."

Sprecherin:

Wer also Tantalusqualen erduldet, der leidet ganz furchtbar. Und wenn man sagt, das ist sein Achillesferse, dann ist das die schwache Stelle eines ansonst tüchtigen Menschen. Sicherlich liegt auch der Ursprung dieses Ausdruckes bei den alten Griechen, Meister Grimm?!

Sprecher 1:

"In der Tat. Die Meeresgöttin Thetis tauchte ihren Sohn Achilles in heiliges Wasser, um ihn unverletzlich zu machen. Nur die Ferse blieb unbenetzt und daher verwundbar. So gelang es Apollo, Achilles mit einem Pfeilschuss in die Ferse zu töten. Die Unverwundbarkeit des menschlichen Körpers finden wir auch im Nibelungenlied. Siegfried badete im Drachenblut. Nur am Schulterblatt, wo ein Lindenblatt gelegen hatte, blieb er verletzlich. Dort traf ihn später der tödliche Pfeil Hagens. Da wir noch in der Antike verweilen: Dass Rom nicht an einem Tage erbaut wurde, war zu meiner Zeit eine gängige Ausdrucksweise. Es entspricht dem Sprichwort Gut Ding will Weile haben – es braucht seine Zeit, um etwas Gutes zu schaffen. Und wenn man von Zuständen wie im alten Rom spricht, dann meint man die dekadenten, im Verfall begriffenen, Gepflogenheiten der herrschenden Klasse: Völlerei und Müßiggang."

Sprecher 2:

Und Danaergeschenk? Das ist doch ein zweifelhaftes Geschenk, das einem nicht unbedingt von Nutzen ist und sogar gefährlich sein kann – oder?

Sprecher 1:

"Richtig. Die Redensart bezieht sich auf den Warnruf des Laokoon, der von den Trojanern nicht beachtet wurde. Als die Danaer, die Griechen, ein riesiges hölzernes Pferd als Geschenk vor die Mauern der Stadt stellten, rief er: 'Was es auch sei, ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen.' Sie wissen, wie die Geschichte endete. Im Bauch des Pferdes hatten sich Krieger verborgen, und mit dieser List gelang es ihnen, Troja zu besiegen. Der Sage folgend mussten nach dieser Schlacht um Troja die gefallenen Krieger ihren Obolus an den Fährmann Charon, der die Verstorbenen über die Unterweltsflüsse ins Reich der Toten ruderte, entrichten. Der Obolus war eine altgriechische Münze mit geringem Wert, und noch heute gilt der Obolus als bescheidene kleine Gabe."

Sprecher 2:

Meister Grimm ist mit seinem Latein bestimmt noch nicht am Ende.

O-Ton:

"Mit seinem Latein am Ende sein, das bedeutet, nicht mehr weiter wissen. Ich denke, dass das damit zu tun hat, dass Latein die Sprache der Bildung und der Wissenschaft war."

Sprecher 1:

"Der Mann hat Recht. Zu meiner Zeit sprach jeder Gelehrte Latein, und wenn ich bescheiden anmerken darf: Ich war auch vortrefflich im Französischen. Mit Beginn der französischen Herrschaft 1806 wurde ich daher zunächst zum Sekretär im hessischen Kriegsparlament in Kassel berufen und darauf als Verwalter der Privatbibliothek König Jérome Bonapartes von Westfalen in Kassel."

Musik

Sprecher 2:

Und haben Sie wie Gott in Frankreich gelebt?

O-Ton:

"Das ist, wenn man in ganz viel Luxus schwelgt und das Leben einfach genießt."

Sprecher 1:

"Ich soll wie Gott in Frankreich gelebt haben? Ihr beliebt zu scherzen. Ich habe mein ganzes Leben lang gearbeitet und studiert. Es gibt mehrere Erklärungen für diese Redensart, wobei mir folgende die liebste ist: Als sich Frankreich in den ersten Jahren der Republik der Vernunft verschrieb, wurde Gott abgesetzt. Somit hatte er nichts mehr zu tun und brauchte sich um nichts zu sorgen. Erst im Mai 1794 ließ Robespierre die Existenz eines höchstens Wesens wieder schriftlich fixieren. Benutzt man in Eurem Jahrhundert übrigens noch den Ausdruck sich auf französisch verabschieden für sich heimlich davonmachen? Er unterstellt unseren Nachbarn ziemliche Unhöflichkeit."

Sprecherin:

Dieser Ausdruck ist ziemlich aus der Mode gekommen. Wissen Sie denn, warum man etwas türkt, wenn man etwas vortäuscht? Und einen Türken baut, wenn man statt des Originals eine Fälschung präsentiert?

Sprecher 1:

"Die politisch korrekt schreibende Zunft vermeidet die diskriminierende Floskel, doch im Alltag begegnet man ihr nach wie vor. Und wer ist schuld daran? Mitnichten ein Feldzug, sondern ein sächsischer Adeliger, der Dichter und Hofrat Baron Wolfgang von Kempelen, ein bedeutender Erfinder von "Rokoko-Hightech-Maschinen". 1769 präsentierte er am Wiener Hof einen Schachautomaten. Er nannte seine denkende Maschine "den Türken", denn vor der unförmigen Kiste mit dem Schachbrett saß eine lebensgroße, prunkvoll osmanisch gekleidete Puppe. Das Geheimnis seiner Maschine, behauptete von Kempelen, liege allein in der komplexen Zahnrad-Mechanik im Inneren der Kiste. In Wirklichkeit jedoch versteckte sich ein Mensch darin. Der erste Käufer des "Schach-Türken" war übrigens Friedrich der Große, doch der Preußenkönig hatte den Schwindel bald bemerkt. Der Schachautomat war also nur getürkt."

Sprecher 2:

Alter Schwede, dieser Baron von Kempelen.

O-Ton:

"Alter Schwede, das ist so 'ne kumpelhafte Begrüßung für 'nen Freund, oder so."

Sprecher 1:

"Es bedeutet aber auch, ein gerissener Kerl zu sein, ein Schlaumeier. Nach Ende des Dreißigjährigen Krieges hat der Große Kurfürst bewährte und erfahrene alte schwedische Soldaten als Ausbilder für sein Heer anwerben lassen. Die Rekruten nannten sie alte Schweden."

O-Ton:

"Hinter schwedischen Gardinen sitzen, das heißt 'im Gefängnis zu sitzen'."

Sprecher 1:

"Diese Wendung ist mir nicht geläufig. Auf dem wogenden Meer der Sprachen tauchen die Wörter empor und versinken."

Sprecher 2:

Die Redensart hinter schwedischen Gardinen spielt darauf an, dass der aus Schweden importierte Stahl der Gefängnisgitter als besonders haltbar galt. Aber das kann Meister Grimm nicht wissen, zu der Zeit war er schon über den Jordan.

Sprecher 1:

"Er hat zwar keine Manieren, der Kerl, aber der Ausdruck über den Jordan gehen ist eine Umschreibung dafür, dass jemand stirbt. Der Übergang der Israeliten über den Fluss Jordan wird als Eintritt ins Himmelreich interpretiert."

Sprecher 2:

Beim russischen Roulette kann man leicht über den Jordan gehen.

Sprecher 1:

"Ein gefährliches Spiel, erfunden von russischen Offizieren in der Zarenzeit und als Mutprobe gedacht: Der Spieler lädt die Trommel des Revolvers mit nur einer Patrone, dreht sie, hält die Waffe an die Schläfe und drückt dann ab. Wer russisches Roulette spielt, der lebt sehr gefährlich."

O-Ton:

"Noch ist Polen nicht verloren ist die erste Zeile der polnischen Hymne: Jescze Polska nie zginela."

Sprecher 1:

"Diese Wendung war zu meiner Zeit ganz aktuell: Es gibt noch eine letzte Rettung. Diese Worte sollen die Polen ihrem Anführer Thaddäus Kósciusko 1794 nach der verlorenen Schlacht am Maciejowice zugerufen haben, als dieser das Ende Polens verkündet haben soll. Die Menschen verlieren die Hoffnung immer zuletzt und träumen von besseren Zeiten."

O-Ton:

"Ein Eldorado, also irgendetwas Tolles, wo man leben könnte, wie Gott in Frankreich leben könnte."

Sprecher 1:

"Eldorado – wörtlich: der Vergoldete. Ein Ausdruck, den Sir Walter Raleigh im 16. Jahrhundert von seinen Reisen nach Südamerika mitbrachte. Er berichtete, dass die Häuptlinge dort jeden Morgen von Kopf bis Fuß geölt und dann mit Goldpuder bestäubt wurden."

Sprecherin:

Für uns ist Eldorado das Märchenland, ein Ort, an dem alle Träume wahr werden. Meister Grimm, wir danken Ihnen herzlich, dass Sie uns Ihre Zeit geopfert haben.

Sprecher 1:

"Es war mir ein Vergnügen. Und wenn ich Euch noch dies mit auf den Weg geben darf: 'Fällt von ungefähr ein fremdes Wort in den Brunnen einer Sprache, so wird es solange darin umgetrieben, bis es ihre Farbe annimmt und seiner fremden Art zum Trotze wie ein heimisches aussieht'."

Fragen zum Text:

Die Redewendung Eulen nach Athen tragen bedeutet …

1. etwas Überflüssiges zu tun.

2. Eulen in die griechische Hauptstadt zu bringen.

3. im Überfluss zu leben.

Wenn jemandem etwas spanisch vorkommt, dann …

1. findet jemand etwas sehr lustig.

2. findet jemand etwas merkwürdig.

3. klingt etwas für jemanden spanisch.

Wenn jemand hinter schwedischen Gardinen sitzt, dann …

1. hat jemand blau-gelb gestreifte Gardinen in seiner Wohnung.

2. ist jemand im Gefängnis.

3. sitzt jemand hinter Gardinen aus Schweden.

Arbeitsauftrag:

Schreiben Sie eine kurze Interpretation darüber, was Jacob Grimm mit seinem Zitat am Ende des Textes gemeint hat. Ergänzen Sie Ihre Interpretation anschließend um weitere Beispiele, die nicht in dieser Alltagsdeutsch-Folge erwähnt wurden.

Autorin: Suzanne Cords

Redaktion: Beatrice Warken

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