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Politik

Reden wie ein Fernsehprediger

Jeremy Rifkin ist ein amerikanischer Tausendsassa: Ökonom, Bestsellerautor, Zukunftsforscher. Und er ist ein mitreißender Redner, wie sein Besuch in Berlin gezeigt hat.

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Monika Dittrich Fernschreiber

Das Publikum in der Berliner Kongresshalle döste gerade weg. Drei zähe Reden waren schon an den Ohren der Zuhörer vorbei gesäuselt. Manch einer muss das Gesicht verziehen, um sein Gähnen zu unterdrücken. Andere sind tief in ihre Sitze gesunken und kämpfen mit schweren Lidern. Es ist der 50. Geburtstag der Berliner Kongresshalle, die wegen ihres extravagant gewölbten Daches auch "schwangere Auster" genannt wird. Und weil das Haus einst ein Geschenk der Amerikaner an die Stadt Berlin war, geht es an diesem Abend um den transatlantischen Dialog. Prominenter Geburtstagsgast ist der amerikanische Ökonom Jeremy Rifkin.

Ob er sein Publikum noch mal aus dem Dämmerzustand holen wird? Auf jeden Fall will er nicht auf der Bühne hinter dem Rednerpult stehen. Er schnappt sich das Mikrofon und wandert zwischen den gut gefüllten Sitzplatzreihen. Er ist ein kleiner, energischer Mann mit Brille und Schnauzbart. In seinem dunklen Anzug mit dem Einstecktuch wirkt er wie ein amerikanischer Fernsehprediger. Und so spricht er auch: Unterhaltsam, witzig, mitreißend. Er gestikuliert mit den Armen, schaut nur ab und zu auf seine kleinen, weißen Karteikarten. Man kann ihm gut zuhören. Vielleicht auch, weil er so viele Komplimente für Europa mitgebracht hat.

Europäischer Traum braucht amerikanisches Selbstbewusstsein

Jeremy Rifkin spricht von einem europäischen Traum – darüber hat er auch schon ein Buch geschrieben. Während der amerikanische Traum auf individuellem Erfolg und Wachstum beruhe, gehe es in Europa auch um Kooperation. Ganz oben auf der europäischen Werteskala stünden ein friedliches Miteinander, ökologische Nachhaltigkeit und die Vereinbarkeit von Marktliberalismus und sozialer Gerechtigkeit. Und dieses europäische Modell sei im Gegensatz zum amerikanischen globalisierungsfähig. Die Zuhörer im Publikum haben jetzt wieder die Ohren gespitzt. Vor lauter Lob für Europa bekommt mancher rote Bäckchen. Wie gut, dass Rifkin Amerikaner ist – als solcher darf er Europa ruhig rühmen, wie man es sich selbst nicht trauen würde.

Rifkins Ansicht nach könnte die sanfte Supermacht Europa sogar die Welt vor dem Klimawandel retten – mit erneuerbaren Energien und Brennstoffzellen. Rifkin träumt von einer dritten industriellen Revolution, die Europa vom Zaun brechen soll. Das sei eine große Aufgabe für Europa, sagt Jeremy Rifkin noch einmal und steckt seine Karteikarten weg. Das Publikum applaudiert und wird entlassen mit der europäischen Verantwortung, die Welt zu retten. Fragt sich nur, ob die Europäer dafür genug Selbstbewusstsein haben. Aber das könnten sie sich ja von den Amerikanern abgucken, meint Rifkin.

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