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Kultur

Redaktionelle Unabhängigkeit in Gefahr

Wie unabhängig sind deutsche Zeitungen? Unfreiwillig machte ein Schreibfehler im Impressum einer von der SPD gekauften Zeitung auf diese Frage aufmerksam. Abhängige Tageszeitung stand da geschrieben, anstatt unabhängige.

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Seit drei Jahren geht es deutschen Zeitungen schlecht

Ein unglücklicher wenn nicht sogar komischer Fehler. Die Herausgeber der "Frankfurter Rundschau" fanden ihn aber überhaupt nicht zum Lachen. Nachdem er bemerkt worden war, stoppten sie die Auslieferung der aktuellen Ausgabe und ordneten alle Lieferfahrzeuge zurück, welche bereits die Druckerei verlassen hatten. Zehntausende Leser mussten auf ihre Zeitung verzichten.

Eine wunde Stelle

Der Fehler berührte die Zeitung an einer wunden Stelle und das zu einem sensiblen Zeitpunkt. Im Mai war das finanziell angeschlagene Blatt von einer Medienfirma gekauft worden, die der SPD gehört. Mit dem Kauf fing sich die Regierungspartei eine Menge Kritik ein. Besonders von Mitgliedern anderer Parteien, die sagten, die Rundschau würde ein Sprachrohr der SPD werden und ihre Unabhängigkeit verlieren. "Die Christdemokraten versuchten, daraus eine große Sache zu machen", sagte Matthias Kurp, Medienanalyst. "Bis jetzt haben wir noch keine Anzeichen dafür entdeckt, dass sich der Inhalt der Zeitung ändert."

Die Debatte um die Unabhängigkeit wurde durch die in Deutschland traditionelle Zuordnung von Zeitungen zu Parteien noch verstärkt. Immer noch sind zwischen den Zeilen der Zeitungsartikel Meinungen zu finden, obwohl diese in Anspruch nehmen, objektiv zu sein.

Bevor das Fernsehen zum einflussreichsten Massenmedium wurde, waren Zeitungen für die politischen Parteien von größerer Bedeutung als sie es heute sind. Parteiführer investierten viel Energie und oft viel Geld, um sicher zu gehen, dass bestimmte Zeitungen die Parteilinie unterstützen. Die finanzielle Unterstützung nahm zum Teil sogar die Form von Subventionen an, die an anscheinend unabhängige Journale vergeben wurden.

Keinen Parteifilter mehr

In Deutschland haben die meisten Zeitungen ihre offizielle Zuordnung zu einer Partei verloren, obwohl es noch einige gibt. So richtet sich der "Bayern Kurier" an der CSU aus und "Neues Deutschland" an der PDS. "Das Spektrum an Parteien zugeordneten Zeitungen war in der Vergangenheit viel breiter", sagt Hendrik Zörner von der deutschen Journalistenvereinigung. "Kultur und Gesellschaft haben sich verändert. Die Leute wollen ihre Nachrichten nicht mehr durch den Parteifilter lesen." Obwohl sich die meisten Zeitungen in Deutschland als unparteilich bezeichnen, ist ihre redaktionelle Ausrichtung meist doch einem Punkt im politischen Spektrum zuzuordnen. Das trifft auf viele Zeitungen in Europa zu, im Gegensatz zu den meisten Zeitungen in den USA. Die beschränken ihre Einschätzungen auf die Meinungs- und Kommentarseite.

Nach Angaben von Analysten ist die Unabhängigkeit der deutschen Zeitungen mehr durch wachsenden, finanziellen Druck gefährdet, als durch ihre mögliche Sympathie für die eine oder andere Partei. Über die letzten drei Jahre hinweg haben deutsche Zeitungen - auch hochwertige - schmerzhafte Verluste hinnehmen müssen. Der Grund hierfür ist der sinkende Verkauf von Anzeigen. Außerdem kaufen immer weniger Menschen Zeitungen, stattdessen wenden sie sich dem Medium Internet zu.

Um eine Konsolidierung des Zeitungsmarkte zu ermöglichen, denkt die Regierung über eine mögliche Lockerung des Kartellrechtes für die Presse nach. Wirtschaftlich angeschlagenen Zeitungen sollen zu ihrer Rettung mit anderen Zeitungen zusammengehen dürfen. In einem solchen Schritt sieht Hendrik Zörner eine Gefahr für die deutsche Pressevielfalt. "Dies ist eine wirkliche Gefahr für die redaktionelle Unabhängigkeit."

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