1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Global Ideas

Recycling auf Kosten von Mensch und Umwelt

Elektroschrott wird häufig illegal in Entwicklungsländer verschifft. Im informellen Recyclingsektor gefährdet er Mensch und Umwelt, sagt Deepali Sinha Khetriwal im Global Ideas Interview.

Deepali Sinha Khetriwa (Foto: Deepali Sinha Khetriwa)

Deepali Sinha Khetriwal

Deepali Sinha Khetriwal ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der United Nations University in Bonn, die das Sekretariat der Step-Initiative (Solving the E-waste Problem) leitet. Ihre Doktorarbeit hat sie zum Thema Konsumentenverhalten und Elektroschrott geschrieben.

Global Ideas: Deutschland hat rund 80 Millionen Einwohner. Die gleiche Anzahl an ausrangierten Mobiltelefonen lagert in den Schubladen der Deutschen. Wie hat sich die Zahl der Mobiltelefone in den vergangenen Jahren entwickelt?

Deepali Sinha Khetriwal: Die Zahl wächst weltweit exponentiell. Insgesamt gibt es 5,9 Milliarden Mobiltelefone. In Indien und China kommen pro Jahr zusammen rund 300 Millionen hinzu. Das zieht sich durch alle sozialen Schichten, weil Mobiltelefone immer günstiger werden. Viele Menschen, die bisher keinen Zugang zu Kommunikationsmitteln hatten, haben die Phase der Festnetzanschlüsse einfach übersprungen und sind direkt ins Mobiltelefon-Zeitalter eingetreten.

Wie langlebig sind diese Produkte?

Die Produzenten schätzen das Lebensalter von Mobiltelefonen in der Regel auf anderthalb bis zwei Jahre. In Entwicklungsländern wie Indien ist die Gebrauchsspanne vermutlich etwas länger, weil alte Handys häufiger weitergegeben werden. In Industrieländern wie Deutschland wechselt man aber das Handy, sobald der Vertrag nach zwei Jahren ausläuft – dann haben die Hersteller auch neue Produkte auf den Markt geworfen. Technisch könnten die Telefone allerdings 10 oder sogar 15 Jahre im Einsatz sein.

Alte Elektrogeräte aus Industrieländern werden häufig in Entwicklungsländer verschifft. Was hat sich an der Praxis verändert, seit es das Baseler Übereinkommen über die Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung gibt?

Die Konvention ist hauptsächlich dazu da, internationale Handelsströme von Elektroschrott zu erfassen. Wenn Elektroschrott von einem ins andere Land verfrachtet wird, müssen sich die Länder gegenseitig darüber informieren. Im Rahmen der Konvention gibt es aber auch den 'Basel Ban': Demnach ist es Industriestaaten verboten, Elektroschrott in Entwicklungsländer zu verschiffen. Staaten, die die Konvention nicht unterzeichnet haben – wie die USA – können ihren Elektroschrott aber weiter nach Nigeria, Ghana oder Indien exportieren.

Foto: Menschen sammeln Müll auf einer Halde (Foto: DW/Carl Gierstorfer)

In Entwicklungsländern leben Menschen vom Wohlstandsmüll der Besserverdienenden.

Illegalen Handel gibt es trotzdem. Wenn eine Hilfsorganisation gebrauchte Computer von Deutschland nach Ghana verschifft, ist das legal, solange die Computer tatsächlich noch einsatzfähig sind. Immer wieder werden Schiffsladungen aber falsch etikettiert – also Elektroschrott als Second-Hand-Computer getarnt.

Wo landet der Elektroschrott aus dem Westen in der Regel? Geht er in die Wiederverwertung oder landet er auf den Müllhalden?

Das ist schwierig zu sagen. Der illegal gehandelte Schrott ist in der Regel für Händler und Recycler bestimmt. Die machen aus drei Computern einen funktionstüchtigen oder nehmen wichtige Metalle wie Kupfer heraus. Andere Teile sind weniger lukrativ. Monitorhüllen werden also häufig auf Müllhalden gefunden. Insgesamt kann man sagen, dass es ein bisschen Wiederverwertung und ein bisschen Recycling gibt und viel Müll.

Auch Kühlschränke haben wertvolle Metalle. Aber gerade das Kühlmittel und der Schaum können gefährlich sein...

Gefährlich in welchem Sinne?

Foto: Eine Frau kratzt das Plastik von einer Platine ab (Foto: EMPA/ewaste)

Mülltrennung: Eine Frau kratzt das Plastik von einer Platine ab

Elektroschrott gilt generell als umwelt- und gesundheitsgefährdend. Will man zum Beispiel das Gold aus einer Platine herausholen, dann werden im informellen Recyclingsektor Quecksilber und irgendwelche Säuren eingesetzt. Das ist nicht nur gefährlich für den Recycler. Wenn er das Gemisch kocht, gehen die Giftstoffe in die Luft, und dann schüttet er die Reste in den Abfluss und verschmutzt damit das Wasser. Alles, was nicht benötigt wird, wird weggeworfen – und ist auf den Abfallhalden dann wiederum giftig für den Boden.

Wer ist schuld an der Elektroschrott-Misere? Die Staaten, weil sie keine ausreichende internationale Instrumente aushandeln? Die Hersteller, weil sie ständig neue Produkte auf den Markt werfen? Oder die Konsumenten, weil sie ihre alten Geräte frühzeitig ausrangieren?

Man kann nicht mit dem Finger auf einen Akteur zeigen. Man braucht sowohl internationale Richtlinien als auch ein Bewusstsein der Verbraucher und der Recycler. In Entwicklungsländern werden günstige Second-Hand-Geräte nachgefragt. Der Handel existiert, weil man damit Geld verdienen kann.

Welche Lösungen halten Sie für sinnvoll?

Wir wollen nicht, dass die Recycler ihre Hände in Säuren eintunken müssen. Man braucht also Kontrollen, damit die Richtlinien – die es ja gibt – auch eingehalten werden. Die Umsetzung der Richtlinien ist ja noch viel schwieriger, als eine solche überhaupt auszuhandeln.

Foto: Ein Mann sitzt vor einer Schale mit brennendem Müll (Foto: EMPA/ewaste)

Beim Verbrennen von Elektroschrott entstehen giftige Dämpfe, die Mensch und Umwelt schaden.

In einigen Ländern ist der Recyclingsektor bereits dabei, sich zu institutionalisieren, beispielsweise in Südafrika, China oder Indien. Bevor der Computer komplett in eine Schreddermaschine geworfen wird, wird er geöffnet und wertvolle Teile werden herausgeholt. Dann werden die einzelnen Materialien wieder exportiert und zu einer Firma geschickt, die auf das Recycling beispielsweise von Platinen oder Plastik spezialisiert ist. Eine solche Aufgabenteilung ist eigentlich das beste Szenario.

Ordnungsgemäßes Recycling ist also nicht das Problem?

Richtig. Wenn Ihr Handy zu Hause in der Schublade liegt, ist es weder umwelt- noch gesundheitsgefährdend. Aber wenn Sie es in den informellen Recyclingprozess geben, wird es zu einer Gefahr.

Sollen wir unsere alten Mobiltelefone also lieber in den Schubladen lassen?

Nein! Das wichtigste ist, den Lebenszyklus des Handys zu verlängern. Grundsätzlich sollte man sich an die drei R-Prinzipien halten: Reduce, Reuse, Recycle. Man sollte sich die Frage stellen: Brauche ich wirklich ein neues Gerät? Dann sollte ich mich fragen: Gibt es jemanden, der mein altes Handy gebrauchen kann? Und wenn nicht, dann sollte es ordnungsgemäß recycelt werden.