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Kultur

Rechtschreibung: Reform ohne "Scharm"

Es war ein Entschluss, der einen Eklat auslöste. 1996 wurde die deutsche Rechtschreibung reformiert – einfacher sollte sie sein, doch erst mal wurde es richtig kompliziert. Jetzt gibt es erneut Änderungsvorschläge.

Schreibvarianten (Grafik: DW)

"Mafia" soll man demnächst nicht mehr mit zwei f als "Maffia" schreiben können und "Scharm" nicht mehr wie "Schwarm" ohne w, sondern wie es die Franzosen zeigen: Charme. So kennen es die Deutschen und so schreiben sie es auch schon ewig und drei Tage und deshalb ist eine andere Variante zur Auswahl unnötig. Das hat jetzt der Rat für deutsche Rechtschreibung erkannt und empfiehlt, diese zwei Varianten und 14 weitere zu streichen.

Dafür sollen vier neue aufgenommen werden: Caprice, Clementine, Crème und Schmand - der bisher als "Schmant" vorgeschrieben war. Auch diese Wörter werden schon lange von den meisten so geschrieben, wie sie die Sprachwächter jetzt als Variante erlauben und verankern wollen. Die Zwangseindeutschungen aufzuheben ist eine vernünftige Entscheidung, auch wenn man sich fragt, wie man überhaupt auf die Idee kam, das vorher anders haben zu wollen.

Lange Erkenntniswege

Ein Kind in einer Grundschule schreibt in ein Heft (Foto: BilderBox)

Für viele Schulkinder war die Reform verwirrend

Das eigentlich kritikwürdige Detail liegt aber anderswo. Denn für die jetzt veröffentlichten Erkenntnisse haben die rund 40 Ratsmitglieder unter Leitung des ehemaligen Kultusministers von Bayern, Hans Zehetmair, vier Jahre lang geforscht und gearbeitet. Das ist ein bisschen so, als wenn man für die Abitursklausur zwölf Monate nachdenkt, um sie anschließend in zwei Stunden aufzuschreiben.

Für das Ergebnis des jetzigen Berichts haben die Mitglieder zudem einiges an Strecke zurückgelegt. Sie sind zu zehn Tagungen in acht verschiedene Orte in sechs Länder Europas gereist: nach Deutschland, ins deutschsprachige Ostbelgien, in die Schweiz, nach Österreich, Südtirol und Liechtenstein. So richtig viel Lust scheinen einige der Ratsmitglieder allerdings nicht gehabt zu haben, so dass nur ein Durchschnittswert von 6,6 Sitzungen pro Person herauskam. Das hat die Arbeit natürlich nochmals erschwert, vieles musste jedes Mal neu diskutiert werden.

Magere Ausbeute

So wundert es einen im Grund nicht, wenn die Forschungsgruppe "Deutsche Sprache" in Karlsruhe den neuen Bericht als "läppisch" bezeichnet. Die eigentliche Malaise – die Variante "Maläse" will man übrigens jetzt auch streichen – liegt aber darin, dass die heißen Eisen der Rechtschreibreform schön im Feuer liegen gelassen wurden. Das wäre zum Beispiel die viel kritisierte, seit 2004 neu geregelte Groß- und Kleinschreibung sowie die umstrittene Getrennt- und Zusammenschreibung.

Viele beschworen den Kulturverfall

Symbolbild deutsche Presse (Foto: dpa)

Zeitungen und Verlage waren lange gegen die Reform

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Im Herbst 2004 hatte die Ständige Konferenz der Kultusminister den "Rat für deutsche Rechtschreibung" ins Leben gerufen und damit die alte Rechtschreibkommission abgeschafft. Statt zwölf zerbrachen sich nun knapp vierzig Menschen den Kopf, was wie zu verbessern sei. Bis dahin hatte es eine gesamtgesellschaftliche Diskussion über Sinn und Unsinn der Reform gegeben. Ein Kulturverfall wurde beschworen, eine entstellende Verschlichtung der Sprache prognostiziert. Im Jahr 2000 verkündete die Frankfurter Allgemeine Zeitung, zur alten Rechtschreibung zurückzukehren. Viele Verlage schlossen sich an.

Der neue Rat für Rechtschreibung sollte die Karre aus dem Dreck ziehen und erfüllte seine Aufgabe in Form einer Überarbeitung, die im Sommer 2006 für gültig erklärt wurde. Dem Hin und Her wurde ein Ende gesetzt, was seitdem vorgeschrieben ist, gilt bis heute. Die Diskussion um die Rechtschreibreform verlor an Hitze und öffentlichem Interesse. Substanzielle Anregungen zur Änderung gab es nicht mehr – genau das war politisch so gewollt. Der Rat war von nun an angewiesen, den Sprachwandel zu beobachten und nicht mehr am Regelwerk herumzufummeln. Daher wohl auch das nun hochgradig unspannende Ergebnis seines zweiten Berichtes. Inzwischen schreibt übrigens auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung "aufwändig" und "Stängel" mit "ä" statt mit "e " wie dereinst. Und auch über die "Gämse" mit "ä" regt sich keiner mehr auf.

Hinterher ist man immer klüger

Buchstabensuppe mit Löffel(Foto: AP)

Die neue Rechtschreibung schmeckt nicht allen, aber man gewöhnt sich daran ...

Was die Reform gebracht hat, lässt sich derzeit kaum bestimmen. Das liegt nicht nur daran, dass immer noch allgemeine Verwirrung bei Lehrern und Schülern herrscht und die Regelverstöße eher zu- als abgenommen haben. Es liegt schlicht an der Tatsache, dass Reformen, gute wie schlechte, Zeit brauchen, um beurteilt werden zu können. Die schmerzhafteste Frage, die man heute stellen kann, ist die, ob eine staatlich diktierte Reform der Rechtschreibung denn überhaupt notwendig war. Doch auch das lässt sich heute noch nicht beantworten.

Autor: Günther Birkenstock
Redaktion: Petra Lambeck