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Welt

Rebellen versprechen ein neues Libyen

Mit der Einnahme des Grenzortes Ras Jdir haben die libyschen Rebellen einen weiteren Sieg gegen die verbliebenen Gaddafi-Truppen errungen. Sie geben sich siegessicher - und erwarten weitere Unterstützung vom Westen.

Schwerbewaffnete Rebellen zeigen das Victory-Zeichen (Foto: Khedir Mabrouka und Khaled Kaoutit/DW)

Rebellen kontrollieren den Grenzübergang nach Tunesien

"Wir sind Männer und keine Ratten", sagt der bärtige Mann mit tarngrüner Weste, langen schwarzen Haaren und einer Kalaschnikow in der Hand. Als "Ratten" hat Gaddafi die Rebellen beschimpft. Genau diese haben es nun zustande gebracht, den langjährigen Diktator zu stürzen und Libyen Stück für Stück zu "befreien", wie sie sagen. Bis nach Ras Jdir - im äußersten Westen des Landes an der tunesischen Grenze - sind sie gekommen.

"Echte Männer verstecken sich nicht"

Der Grenzübergang Ras Jdir war bisher der letzte strategische Stützpunkt Muammar al-Gaddafis und ein möglicher Fluchtpunkt für den Diktator und seine Söhne. Bis vor einem Tag flatterte hier die grüne Flagge auf dem Dach des Gebäudes. Ein lebensgroßes Porträt stand zwischen den Fahrspuren. Zu sehen war ein lächelnder Gaddafi mit grünem Gewand und erhobener rechter Faust. Als würde der selbsternannte "Revolutionsführer" jeden Autofahrer, der die Grenze passiert, begrüßen.

Es waren Symbole, die die Macht des Diktators zeigen sollten, und die hier sowie in weiten Teilen des Landes der Vergangenheit angehören. Stattdessen haben die Rebellen die rot-schwarz-grüne Fahne aufgehängt. Von dem Porträt keine Spur mehr. Genauso wie von Gaddafi selbst, der sich irgendwo versteckt aufhält. "Muammar ist die Ratte", sagt der Mann mit der Kalaschnikow. "Echte Männer verstecken sich nicht". Den Satz wiederholt er mehrmals. Lauthals. Dann feuert er Schüsse in die Luft. Ein Ausdruck der Freude, dem auch andere Rebellen folgen. Dutzende Patronen werden so in die Luft abgefeuert – innerhalb nur weniger Minuten. "Das ist selbstverständlich", sagt Abdallah Souiri, Brigadeführer aus der nahen Stadt Zouara. "Freude wurde uns über 40 Jahre lang verwehrt. Diese Jungs sind alle in der Ära Gaddafi geboren", fügt der große, grauhaarige Mann mit Militäranzug hinzu.

Eine Gruppe von Männern mit Waffen jubelt (Foto: DW)

Der Jubel kennt keine Grenzen...

Er muss laut sprechen, denn hinter ihm drücken Rebellen auf die Gaspedale ihrer mit Staub bedeckten Pick-Ups und wirbeln noch mehr Staub in die Luft, während andere ihre Schusswaffen schwenken und "Allahu Akbar", "Gott ist groß", rufen. Tatsächlich sind die meisten der Rebellen, die nun den Grenzübergang eingenommen haben, jung – viele unter zwanzig.

Zum normalen Leben zurück

Keiner von ihnen sei Berufssoldat, erzählt Massoud Zouari, der Führer einer weiteren Brigade. Manche sind seit dem Anfang der Revolution vor sechs Monaten dabei. Studenten, Lehrer, Ärzte und Ingenieure seien unter ihnen. Er selbst habe vor der Revolution als Beamter bei der Strombehörde gearbeitet. "Wenn der Krieg vorbei ist, kehren wir alle zu unserem alten Leben zurück." Die Waffen, teilweise Panzerfäuste und Raketen, sowie die Munition, die sie haben, wollen sie dem Übergangsrat übergeben, versichert Massoud. Unverständliche Wörter kommen aus dem Walkie-Talkie, das er mit einer schwarzen Binde wie eine Kette um seinen Hals trägt. "Die kommende Regierung soll dann entscheiden, was mit den ganzen Waffen geschieht."

Sie versprechen ein neues Libyen. "So wie die Welt uns bisher nicht gekannt hat. Nicht das verlogene Bild, das Gaddafi und seine Gefolgsleute von uns gegeben haben", sagt Massoud. 40 Jahre lang habe Gaddafi das libysche Volk von der Außenwelt abgeschottet. "Wir stehen für Demokratie und freie Wahlen. Und dafür kämpfen wir", ergänzt er.

Wichtiger Schritt

Grenzübergang (Foto: DW)

Ras Jdir: Die Grenze zwischen Libyen und Tunesien

Noch ist ihr Kampf nicht vorbei. In den Dörfern unweit von Ras Jdir hätten sich Soldaten von Gaddafis Truppen verschanzt, berichten die Rebellen. Der Weg nach Tripolis sei aus diesem Grund immer noch nicht abgesichert. Dies zu ändern, ist für die Rebellen und die Einwohner der Hauptstadt ein lebensnotwendiges Unterfangen. Bei der aktuell schlechten Versorgungslage in den Städten Libyens scheint die Kontrolle über Ras Jdir ein wichtiger Schritt. "Nun können wir die Verwundeten leichter zur Behandlung nach Tunesien schicken", sagt der Brigadeführer Massoud. Auch die Einfuhr von Lebensmitteln und Medikamenten sollte nun leichter werden – über die Küstenstraße von Ras Jdir nach Tripolis.

Aber auch für die Libyer, die nach den Unruhen aus dem Land nach Tunesien geflüchtet sind, sollte die "Befreiung" von Ras Jdir wichtig sein. Bereits vor einigen Wochen begannen diese Exil-Libyer damit, in ihre Heimat zurückzukehren. Bisher fuhren sie über den südlich gelegenen Grenzübergang Dehiba und nahmen somit einen Umweg von über 300 Kilometern in Kauf, um Tripolis und andere Städte zu erreichen. Dehiba, der Grenzübergang, den die Rebellen bereits vor einigen Wochen einnehmen konnten, war bisher der einzige Übergang zwischen Libyen und Tunesien.

"Die Nato – unser Freund"

Immer mehr Rebellen verlassen mit ihren Pick-Ups das Gelände um den Grenzübergang. Sie wollen wieder an die Front, sagen sie. Meist sitzen zwei bis drei Rebellen auf der Ladefläche, auf der Waffen montiert wurden. Auf den Motorhauben steht der Name der Stadt, aus der die Rebellen kommen. Sie lassen nur wenige hier zurück, um die Grenze vor eventuellen Übergriffen zu schützen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass sie versuchen, den Grenzübergang anzugreifen, ist gering", sagt ein Rebell mit Palästinenser-Tuch um den Hals. "Aber wir müssen aufpassen."

Muammar al-Gaddafi (Foto: dapd)

Von Rebellen entmachtet: Muammar al-Gaddafi

Auf die Frage, wie er sich die Beziehungen des künftigen Libyen zu den westlichen Staaten vorstellt, liefert er eine schnelle Antwort: "Besonders zu den Nato-Mitgliedern Frankreich und Großbritannien werden wir gute Beziehungen haben. Sie haben uns sehr geholfen. Ohne die Nato hätten Gaddafis Söldner Bengasi dem Erdboden gleich gemacht." Tatsächlich hatten die Truppen Gaddafis angefangen, die Rebellenhochburg im Osten des Landes mit Artillerie und Kampfjets zu bombardieren. Militärisch gesehen wäre die libysche Revolution somit zu Ende gegangen, wenn der UN-Sicherheitsrat die Nato nicht beauftragt hätte, die Flugverbotszone durchzusetzen.

"Auch mit Deutschland werden wir gute Beziehungen unterhalten", sagt der Mann mit dem Palästinenser-Tuch. "Die Deutschen haben am Anfang gezögert. Dann haben sie Stellung bezogen – aber richtig", fügt er hinzu. "Wer uns in diesen Zeiten geholfen hat, der bleibt für immer unser Freund. Wir sind Männer. Wir sind keine Ratten." Er lächelt.

Autor: Khaled El Kaoutit
Redaktion: Lina Hoffmann / Jan-Philipp Scholz

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