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Kultur

Reality-Show mit reumütigen Aufständischen im Irak

Im Irak hat der Staatssender El Irakijah ein eigenartiges Reality-TV-Format entwickelt: Zur Primetime gibt es dort Geständnisse von Aufständischen und "Terroristen" zu sehen. Die Sendung ist ein Quotenbringer.

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Verhöre per TV in irakische Wohnzimmer übertragen

Die Sendeplanung für den Abend in einem Bagdader Arbeitsraum des irakischen Staatsfernsehens ist in vollem Gange. "Das hier ist ein ganz heißes Ding, sogar mit einer Empfehlung des Innenministers persönlich", sagt Bassem als er eine Videokassette auf den Schreibtisch von Karim Abdul Dschabbar wirft. Der Techniker Dschabbar und zwei weitere Kollegen sind in dem mit meterlangen Archivregalen zugestellten Raum intensiv damit beschäftigt, Bildmaterial für den abendlichen Quotenbringer zusammenzuschneiden. "Terroristen in den Fängen der Justiz" heißt der dramatisch anmutende Titel der populären Reality-Fernsehserie auf El Irakijah.

Das einfache Prinzip der Sendung besteht darin, die Geständnisse von mutmaßlichen Aufständischen und Terroristen auszustrahlen. "Die Sendung ist wie eine Therapie für die Menschen", sagt Dschabbar. Beiläufig zündet sich der 42-Jährige eine Zigarette an und spult dabei in der Aufnahme von einem Saudiaraber herum, der gerade gesteht, zur Teilnahme am "Heiligen Krieg" in den Irak gekommen zu sein.

Sendung ist Aufreger

Die erst seit gut einem Monat laufende Sendung hat bereits für heftige Reaktionen in der irakischen Bevölkerung gesorgt. Viele Zuschauer verlangen, die vorgeführten mutmaßlichen Aufständischen sollten am besten gleich noch öffentlich hingerichtet werden. Eine Minderheit verdächtigt dagegen die Regierung, mit Hilfe der Sendung solle das Bild des heroischen Widerstandskämpfers zerstört und stattdessen der Eindruck von psychopathischen Kriminellen erzeugt werden, die von finsteren fremden Mächten unterstützt würden.

Auch Hamid el Huwaidi ist auf den Bildern zu sehen, welche die Fernsehtechniker bearbeiten. "Jawohl, Sir, es ist mein Fehler", sagt Huwaidi unterwürfig, während das Bild dicht an sein nervöses Gesicht heranfährt. Soeben hat der Beschuldigte zugegeben, mehrere religiöse Rechtsgutachten herausgegeben zu haben, welche die Tötung von irakischen Soldaten rechtfertigen sollen. Direkt angefügt sind Bekenner-Aufnahmen der Islamistengruppe Ansar el Sunna, die zeigen, wie irakische Soldaten der Reihe nach getötet werden.

Undurchsichtiger Hintergrund

Die Idee zur Sendung sei in Mossul entstanden, erklärt der Nachrichtenchef von El Irakijah, Abed Karim Hamadi. Der Kommandeur einer irakischen Armee-Spezialeinheit, den Fernsehleuten nur unter dem Pseudonym Abu el Walid bekannt, lieferte dem dortigen Büro des von der US-Regierung mitfinanzierten Staatssenders im Januar die ersten Videos von Verhören.

Mittlerweile sind die Inszenierungen dramatischer geworden. In einer Folge wird die Geschichte einer Frau erzählt, die in einer früheren Sendung den Mörder ihres 17-jährigen Sohnes, eines Polizisten, wiedererkannt haben will. Nun steht der Mann in einer Reihe von anderen Straftätern, scharf beobachtet von Abu el Walids Männern - und der mitlaufenden Kamera. "Er ist es, der Blonde da!" ruft die Mutter aufgeregt. "Was sollen wir mit ihm machen?", fragt eine männliche Stimme aus dem Off. Die Frau hält ein Foto ihres Sohnes in die Kamera und antwortet: "Macht mit ihm, was ihr für richtig haltet, nehmt Rache!"

In einer weiteren, von dem undurchsichtigen Walid gelieferten Episode gibt ein Mann von Anfang 20 zu, für jeweils 100 Dollar Autobombenanschläge und andere Angriffe gegen US-Soldaten ausgeführt zu haben. Aus dem Hintergrund wird er dann mit ernster Stimme aufgefordert, von seiner Familie zu erzählen: "Meine Mutter war eine Hure, Sir, und mein Bruder und ich sind schwul."

Gemischte Reaktionen

Die 52-jährige Schula Ali, nach eigenem Bekunden Menschenrechtsaktivistin, ist regelmäßige Zuschauerin von "Terroristen in den Fängen der Justiz". "Ich schaue es immer, aber das Verhör ist sehr respektvoll und freundlich, das haben sie gar nicht verdient. Sie sollten vernichtet werden." Der Künstler Kassem el Sabti hat dagegen nicht viel für das Format übrig: "Das ist direkt aus Saddams Lehrbuch." Ein Verdächtiger, der vor wenigen Wochen mit starken Blessuren in einer Sendung zu sehen war, wurde kürzlich tot seiner Familie übergeben.

Rechtsprofessor Abdul Madschid el Sabawi von der Mustansirijah-Universität hält den Quotenrenner für schlichtweg illegal. "Das ist eine Militärbehörde, keine Justizbehörde, welche die Verdächtigen verhört und anklagt", sagt er. Doch der irakische Menschenrechtsminister Bachtiar Amin sieht keinen Grund zum Einwand. "Diese Sendungen haben einen ernüchternden Effekt auf die Menschen", glaubt er. Es gebe nun mehr Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften, und diese könnten via Fernsehen ihre Durchschlagskraft unter Beweis stellen.

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