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Politik

Realitätsgewinn

Eins hat die Welt dem Irak voraus: Sie konnte den kurzen Krieg aus sicherer Entfernung - aber live - verfolgen. Dank Fernsehen fand er in Echtzeit statt. DW-Berufsfernseher Konstantin Klein berichtet.

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Sie nennen es "Reality TV", also Wirklichkeitsfernsehen, und verdienen Geld damit: Weil aber die Wirklichkeit unspannend ist – schließlich muss jeder selbst 24 Stunden pro Tag damit fertigwerden - helfen erfolgreiche Fernsehmanager der Wirklichkeit ein wenig nach - im US-Fernsehen wie auch andernorts. Selbst Kriege sind vor den Realitätsdramaturgen und ihren Regieanweisungen nicht sicher.

Deshalb zeigten amerikanische Nachrichtenkanäle in den vergangenen Kriegswochen gerne umstürzende Statuen und heldenhafte, aber im Grunde gutherzige Infanteristen. Arabische Sender setzten Aufnahmen aus Krankenhäusern und von zertrümmerten Wohnhäusern dagegen. Doch weil erst Menschen mit Namen und Gesichtern ein erfolgreiches Fernsehprogramm ausmachen, setzten die Senderchefs eben Menschen mit Gesichtern ein.

Ein amerikanischer Journalist zeichnet – ganz Stratege - mit dem Stöckchen Landkarten in den Wüstensand und wird wegen Geheimnisverrates vorübergehend des Kriegsschauplatzes verwiesen. Die Kollegen vom katarischen Sender Al Dschasira setzen dagegen die Aufnahmen eines verwirrt blickenden Mannes in kugelsicherer Weste – es sind Bilder von der letzten Stunde im Leben eines Reporters, den die kugelsichere Weste nicht vor einem Raketeneinschlag geschützt hat.

Tagelang wiederholen die arabischen Sender die Bilder von dem todgeweihten Kind, das mit verbundenen Armstümpfen den amerikanischen Präsidenten verflucht. Die US-Sender bedienen ihr Publikum inzwischen mit der ebenso rührenden wie bis zum letzten ausgewalzten Geschichte von der Rettung einer blutjungen Nachschubsoldatin, die doch nur zum Militär gegangen sei, um Lehrerin werden zu können.

Und auf beiden Seiten glauben die Zuschauer allen Ernstes, sie seien umfassend informiert. Es ist, als hätte es zwei ganz verschiedene Kriege im Irak gegeben.

Der amerikanische Präsident mag den Sieg noch nicht amtlich feststellen lassen, doch im Fernsehen ist der Krieg vorbei. Schluß, aus. Reality TV dreht sich wieder um partysüchtige Jungmenschen, mutmaßliche Superstars und heiratswillige Millionäre. In den seltener werdenden Momenten, in denen Weltpolitik noch für Sendezeit gut ist, wurde die Rolle des Bösewichts mit Weltherrschaftsanspruch im US-Fernsehen kurzfristig umbesetzt, und wird jetzt vorerst von einem Nordkoreaner ausgefüllt. Auf der anderen Seite tut es bis auf weiteres der bisherige Inhaber der Rolle, der US-Präsident.

Dass auf den kurzen Krieg ein langer, vielleicht sogar sehr langer Weg zum Frieden folgen wird, spielt eine rasch nachlassende Rolle im Fernsehen. Dazu ist die Aufmerksamkeitsspanne der Kartoffelchips-Helden auf den Sofas der Welt wohl ein wenig zu kurz.