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Europa

Razzia überrascht bürgerliches Brüssel-Forest

Diese Razzia ist schief gelaufen: Bei der Suche nach den Mittätern der Anschläge von Paris werden in Brüssel vier Polizisten verletzt, zwei Verdächtige fliehen und einer wurde erschossen.

Am Nachmittag hatte der Wirt des Cafe "Zum Löwen" an einem zentralen Platz von Brüssel-Forest die silberfarbenen Metallstühle auf den Bürgersteig gestellt. Die ersten Gäste sollten die Frühlingssonne für ein frühes Feierabendbier nutzen.

Doch dann fielen in einer Straße nicht weit entfernt Schüsse. Feuerstöße aus einer Kalaschnikow, abgefeuert von mindestens einem Terror-Verdächtigen, wie sich später herausstellte.

Die Polizei, die die Wohnung des Verdächtigen durchsuchen wollte, feuerte zurück, gab die Staatsanwaltschaft in Brüssel an. Ergebnis des Schusswechsels: Ein toter Tatverdächtiger und vier verletzte Polizisten, die alle außer Lebensgefahr sind.

Belgien Schießerei bei Anti-Terror-Razzia bei Brüssel

Scharfschützen rücken auf die verdächtige Wohnung vor

Polizei überrascht?

In der Wohnung sollen sich mindestens zwei weitere Verdächtige aufgehalten haben, die fliehen konnten. Ob die Personen noch bewaffnet sind, konnten die belgischen Behörden nicht bestätigen.

Die Durchsuchungsaktion ging offensichtlich schief. Polizei, Ermittler aus Belgien und Frankreich, hatten offenbar nicht damit gerechnet, dass sich in dem Unterschlupf jemand aufhielt, der schwer bewaffnet war.

Die Polizei suchte nach Mittätern und Unterstützern der Attentäter von Paris, die am 13. November 2015 an verschiedenen Orten in der französischen Hauptstadt 130 Menschen ermordet hatten. Die Täter um den mutmaßlichen Salah Abdeslam hatten sich nach bisherigen Ermittlungen in Brüssel auf die Attentate vorbereitet.

Abdeslam war nach der Tat in seinen Heimatstadtteil Molenbeek zurückgekehrt und soll sich auch im Stadtteil Schaerbeek aufgehalten haben. Er entwischte der Polizei nur knapp und ist seither verschwunden. Die Staatsanwaltschaften in Brüssel und Paris bestätigten am Abend, dass der meistgesuchte Terrorist Europas nicht das Ziel der Anti-Terror-Aktion war.

Die Identität der in Forest getöteten und geflüchteten Personen hat die Polizei nicht bekannt gegeben. Nach Informationen der belgischen Zeitung "Le Soir" war der getötete Mann der Polizei bislang nicht aufgefallen.

Belgien Schießerei bei Anti-Terror-Razzia bei Brüssel

Deckung hinter dem Panzerwagen: Die Polizei wurde mit einer AK-47 beschossen

Kinder mussten ausharren

Mit der sonst üblichen Beschaulichkeit im Brüsseler Stadtteil Forest ist es erst einmal vorbei. Dutzende Schaulustige und Kamerateams verfolgten hinter blau-weißen Absperrungen der Polizei die Vorgänge in Forest. Krankenwagen, Löschzüge der Feuerwehr und ein gepanzertes Fahrzeug zum Räumen von Sprengfallen fuhren vorbei.

Der Tatort in einer Seitenstraße war weiträumig abgesperrt. Eine Grundschule und eine Kindertagesstätte in der Nähe wurden versiegelt, das heißt Kinder und Lehrer mussten im Gebäude ausharren. Der Schusswechsel fand kurz vor Schulschluss am Nachmittag statt.

Erst zwei Stunden später stürmte eine Sondereinheit der Polizei die verdächtige Wohnung. Eine Mutter, die ein beiges Kopftuch trug, sagte an der Polizeiabsperrung, ihr Kind sei in der Schule. Allen gehe es den Umständen entsprechend gut. Die Lehrer hätten ihr am Telefon gesagt, alle seien sicher. "Trotzdem war ich ziemlich schockiert", so die junge Frau. Nach der Stürmung des mutmaßlichen Terroristen-Unterschlupfs evakuierte die Polizei die Schule und die Tagesstätte. Die Eltern konnten die Kinder nach drei Stunden bangen Wartens in Empfang nehmen. Die Anwohner durften die Straßen wieder betreten.

Belgien Schießerei bei Anti-Terror-Razzia bei Brüssel

Vier verletzte Polizisten wurden abtransportiert

"Es war immer ruhig hier"

Der Bürgermeister von Forest, Marc-Jean Ghyssels, war verblüfft, dass die Terrorverdächtigen ausgerechnet in seinem Stadtteil von Brüssel gesucht wurden. "Das haben wir bislang nie gedacht. Das ist doch ein ganz ruhiger Teil der Stadt, ein bürgerliches Viertel, Geschäfte, Handwerker. Aber das kann wohl überall passieren", so Gyssels vor Journalisten an der Polizeiabsperrung.

Der Terror-Alarm für Brüssel wurde augenscheinlich nicht erhöht. Die Soldaten, die zum Beispiel öffentliche Gebäude im EU-Viertel bewachen, zogen pünktlich um 20 Uhr zum normalen Dienstschluss ab. In einigen U-Bahn-Stationen in der Innenstadt gab es laut Augenzeugen Polizeikontrollen.

Brüssel und andere Städte Belgiens hatten nach den Anschlägen in Paris einige gezielte Polizei-Aktionen gegen Terrorverdächtige mit Durchsuchungen und Verhaftungen erlebt. Belgien scheint eine Art Rückzugsraum für Terroristen und radikalisierte Islamisten zu sein, die aus dem Syrien-Krieg zurückkehren.

Die föderale Regierung hatte im November für einige Tage die höchste Terrorwarnstufe verhängt. Schulen, Universitäten und Geschäfte wurden geschlossen und der U-Bahn-Verkehr gestoppt. Von diesem Alarmzustand ist Brüssel an diesem Abend noch weit entfernt. Der nationale Sicherheitsrat unter Leitung von Ministerpräsident Charles Michel wollte noch am späten Abend zusammentreten.

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