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Politische Talente

Raus aus Muttis Schatten: Wo sind Deutschlands politische Überflieger?

Jung, charismatisch und politisch versiert: Frankreichs Macron, Kanadas Trudeau und Österreichs Kurz sorgen für Furore. Im deutschen Wahlkampfsommer fehlt es dagegen an jungen Polit-Stars. Eine Suche.

"Voilà." Mit einer lässigen Handbewegung schleudert Emmanuel Macron eine Wasserflasche in die Luft. Der Wurf ist präzise, die Flasche dreht sich einmal um die eigene Achse und landet wieder auf dem Tisch. "Bottleflip" wird der Trick genannt, ein virales Phänomen im vergangenen Jahr.

Auch Macron meistert das Kunststück im Wahlkampf, beweist ein Video auf Twitter. Voilà, so einfach. Der bekennende Europäer war in der Stichwahl gegen die rechtspopulistsche Marine Le Pen zum Heilsbringer mutiert und wurde -  "voilà" - Frankreichs jüngster Staatspräsident.

Bei seinem ersten Gipfeltreffen mit anderen Staatsoberhäuptern musste der Polit-Star nicht weit suchen, um Seinesgleichen zu finden: Bilder eines Treffens mit Kanadas Premierminister Justin Trudeau sorgten für Verzückung.

Und während die Österreichische Volkspartei (ÖVP) den 30-jährigen Außenminister Sebastian Kurz als Spitzenkandidat für die dortige Bundestagswahl ins Rennen schickt, spricht man Deutschland noch vor Beginn des Wahlkampfsommers davon, dass die Kampagne von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz, der "Schulz-Zug", schon "zum Erliegen" gekommen sei.

Nur der Rücktritt des SPD-Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern lässt aufhorchen, soll doch die 43-jährige Familienministerin Manuela Schwesig seine Nachfolgerin werden.

Video ansehen 01:08

Personalrochade bei den Sozialdemokraten

Das Rezept zum Erfolg

Was muss ein aufstrebender junger Polit-Star mitbringen, damit man in ihm etwa einen Macron, Trudeau oder Kurz sehen könnte? "Das sind welche, die mit Medien gut umgehen können und eine Sehnsucht nach Charisma befriedigen", sagt der Politologe Uwe Jun von der Universität Trier. "Ohne mediale Aufmerksamkeit bleiben sie immer in der zweiten Reihe." Aufmerksamkeit sei zwar kein Garant für politischen Erfolg, "aber die Voraussetzung", erklärt der Politologe. "Die Jugend selbst ist nicht so entscheidend, sie ist aber wichtig, weil man etwas Frisches, in die Zukunft Gerichtetes repräsentiert", sagt Politologe Jun.

Da ist es nicht verwunderlich, wenn die Staatssekretäre Jens Spahn (CDU) oder Dorothee Bär (CSU) auf einmal in der Sendung des Satirikers Jan Böhmermann zu Gast sind, um ihr jugendliches Image zu kultivieren. Auch die Nachwuchskräfte Christopher Lauer (SPD, ehemals Piraten) und Konstantin von Notz (Grüne) waren da. 

Ohne "Ochsentour" kein Aufstieg

"Wir haben in Deutschland in den seltensten Fällen Politiker, die schon im Alter unter 40 Jahren zu Senkrechtstartern werden", sagt der Politologe. Das hänge auch mit den Rekrutierungsmechanismen der Parteien zusammen. "Jene, die Karriere in den großen Parteien machen wollen, müssen in der Regel noch eine starke regionale Anbindung haben", sagt Jun. Ein Aufstieg werde von der Parteispitze nur gefördert, wenn man schon Wahlerfolge oder Führungsämter auf lokaler Ebene vorweisen kann. "Das nennt man manchmal etwas abschätzig die 'Ochsentour'."

Launchpad vieler Karrieren ist der Deutsche Bundestag: Dort sitzen für die größeren Parteien vergleichsweise viele jüngere Abgeordnete im Parlament. Kandidaten der Volksparteien haben grundsätzlich bessere Chancen über einen Listenplatz ein Mandat zu bekommen, dafür dauert der Aufstieg innerhalb der Partei länger. "In den kleineren Parteien ist es in der Regel etwas leichter als in den größeren Parteien", sagt Jun.

Dort ist wiederum die Konkurrenz größer, denn die Möglichkeiten sind begrenzter. Robert Habeck von den Grünen machte zwar als Vize-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein von sich reden, verlor aber die Wahl um das Amt des Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gegen den fast gleichaltrigen, aber zum Grünen-Establishment gehörenden Cem Özdemir.

Die Partei entscheidet…

Seitenansteiger haben es Jun zufolge vergleichsweise schwer in Deutschland, weil die Parteien Loyalität belohnen, die sich durch langjährige Parteiarbeit kennzeichnet. Das Paradebeispiel: Die Generalsekretäre. Das Amt ist der Schleifstein, an dem es das eigene politische Profil für spätere Posten zu schärfen gilt, für den nächsten Schritt nach oben.

Abgesehen davon gibt es wenige Chancen für junge Berufspolitiker. "Kurz in Österreich ist sehr stark gefördert worden innerhalb der ÖVP", sagt Jun. In deutschen Parteien sei davon aktuell nichts zu sehen, vor allem nicht von der Führungsriege. "Da gab es ja immer welche, die sich Hoffnungen gemacht haben, wie Markus Söder, die dann eben zurückgehalten werden", sagt Jun. "Auch bei der CDU sehe ich nicht, dass Merkel da jemanden aus der jüngeren Generation gezielt gefördert hat."

Deutschland Spitzentreffen von CDU und CSU (picture alliance/dpa/S. Hoppe)

Halten ihren Chefs den Rücken frei: Die Generalsekretäre Andreas Scheuer (CSU) und Peter Tauber (CDU)

…aber sie altert

"Das sind vielleicht auch konkurrierende Machtansprüche", sagt Jun. Bei der SPD etwa, "weil die Parteiführung sehr viel gewechselt hat oder weil die Zeit zu kurz war, um jemanden aufzubauen." So erklärt sich vielleicht die Entscheidung, Schwesig nach Mecklemburg-Vorpommern zu senden.

Schwesigs Ernennung sei ein Beispiel dafür, dass sie "nach der Auffassung vieler zwar für Spitzenämter in Frage kommt, aber eben nicht das mediale Charisma hat oder die Ausstrahlung hat, dass sie massenwirksam zur Geltung gebracht werden kann."

Hinzu kommt der fehlende Nachwuchs. "Die Jugendorganisationen der Parteien haben Schwierigkeiten mit der Mitgliedergewinnung", sagt Jun. Die Namen der aktuellen Vorsitzenden der Jusos, Jungen Union, Grünen Jugend und Co. sind den wenigsten ein Begriff. "Das war auch mal anders", sagt Jun. "Gerhard Schröder war auch Juso-Vorsitzender." Die Parteien würden vor allem von den mittleren Generationen, den Fraktionen und Vorständen mitbestimmt. "Die Jugendorganisationen spielen da keine so große Rolle."

Junge Parteien: Nährboden für Senkrechtstarter

Wenn jüngst in Deutschland von kometenhaften Aufstiegen gesprochen wurde, dann oft im Zusammenhang mit neuen Parteien. Etwa bei Marina Weisband, die 2011 im Alter von 24 Jahren zur Geschäftsführerin der Piraten-Partei ernannt wurde. "Bei jungen Parteien hat man die Chance, relativ schnell als unbekannter Politiker relativ stark aufzusteigen", sagt der Politologe Jun, "weil hier einfach die Strukturen noch nicht so etabliert sind und sich auch für unbekannte Politiker ein neues Terrain eröffnet."

Denn eine neue Partei ist spannend und sorgt für mediale Aufmerksamkeit, die den Aufstieg einzelner befördern kann. "Dafür ist die AfD ein sehr gutes Beispiel", sagt Jun, "dass bis dato völlig unbekannte Politiker und Politikerinnen schnell im Vordergrund standen."

Der Phoenix aus der FDP-Asche: Christian Lindner

Gäbe es ein "Deutschland sucht den Polit-Superstar", wer wäre Sieger? "Einer fiele mir ja ein, der das erfüllen könnte", sagt Jun: Christian Lindner. "Er ist derjenige, der am ehesten derzeit diese Voraussetzungen erfüllt." Dem FDP-Vorsitzenden wird immerhin gerade die Renaissance der Liberalen zugeschrieben.

Deutschland FDP in der Bundespressekonferenz (picture-alliance/dpa/B. von Jutrczenka)

Will seine Partei zurück in den Bundestag führen: FDP-Chef Christian Lindner

Die Checkliste stimmt zumindest: Als Generalsekretär der FDP und Landtagsabgeordneter in NRW hat er Parteiarbeit geleistet und Wahlerfolge eingeheimst. "Das ist wesentlich verbunden mit dem Aufstieg Westerwelles, dass die Jüngeren in der FDP nach vorne kommen konnten", sagt Jun, die Förderung innerhalb der Partei war also da. Auch das "mediale Charisma" wird Lindner von dem Politologen attestiert. Bei Böhmermann war er übrigens auch.

Ein deutscher Macron wird Lindner aber doch nicht, dazu ist seine Partei dann wiederum zu klein. "Das wahrscheinlich höchste Amt, dass Herr Lindner erreichen wird, wird aller Voraussicht nach das Außenministeramt sein", sagt Jun. "Höher kommt er nicht."

Und dann ist da noch Angela Merkel. Auch einst politischer Überfliegerin und erste Bundeskanzlerin Deutschlands, hat sie längst verglimmte Polit-Sterne wie Karl-Theodor zu Guttenberg selbst zum Höhepunkt ihrer Karrieren in den Schatten gestellt.

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