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Nahost

Raus aus dem kulturellen Hinterhof

Syrien ist politisch und kulturell weitgehend isoliert. Umso erstaunlicher, dass jetzt mit der Initiative "All Art Now" die internationale Kunstszene in Damaskus Einzug erhält.

Grafitti (Foto: Qantara)

Ein ungewohnter Anblick: Grafitti-Kunst in Damaskus

In den letzten Jahren hat Damaskus eine beachtliche Entwicklung auf dem Gebiet der Kunst erlebt: Neue Kunsträume sind entstanden, private Initiativen verschiedener kultureller und künstlerischer Art mehren sich, und syrische Künstler zeigen vermehrt internationale Präsenz. Die Kritik der Rückwärtsgewandtheit, die in der Vergangenheit oft zu hören war, wo immer es um die syrische Kunstszene ging, ist daher nur noch bedingt berechtigt.

Der Mangel an Ausstellungs- und Arbeitsräumen für nicht-kommerzielle zeitgenössische Kunst brachte 2005 Abir Boukhari dazu, die Organisation "All Art Now" zu gründen. Nach den Worten der Gründerin ist "All Art Now" eine "kulturelle, künstlerische und soziale Initiative", die sich bemüht, Möglichkeiten für junge syrische Künstler zu schaffen, sei es in Form von Teilnahme an Workshops und Events im Ausland, sei es durch die Schaffung eines für zeitgenössische Medien und Kunstpraxen aufgeschlosseneren Klimas im eigenen Land.

Graffiti-Kunst in der Altstadt

Seit einem Jahr hat die Initiative in einem Haus in der Damaszener Altstadt ihr Zuhause, dessen noch roher, renovierungsbedürftiger Zustand dazu einlädt, die Räumlichkeiten als Experimentierfläche in die verschiedenen Projekte der Organisation miteinzubeziehen. So waren über einige Monate die Ergebnisse eines Workshops mit dem holländischen Graffiti-Künstler Joost Eshuis für junge syrische Künstler auf den Wänden des Innenhofes zu sehen, die dem Haus ein zeitgenössisches, urbanes Gesicht gaben, ganz im Kontrast zu der Umgebung der traditionellen Damaszener Altstadt.

Magnetismvon Nsrine Boukharis (Foto: Qantara)

"Magnetism"von Nsrine Boukharis

Vielschichtig, einladend und experimentell: Nisrine Boukharis Installation im Rahmen des Projektes "Magnetism" Die erste Ausstellung in den neuen Räumen war das von Abir Boukhari und der Schweizer Kuratorin Rayelle Niemann konzipierte Projekt, "Here I Stand", im Sommer 2008. Künstler aus Syrien, Libanon und Jordanien haben sich mit Fragen der individuellen Positionierung im urbanen Kontext auseinandergesetzt – zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, Zugehörigkeit und Verfremdung.

Arbeiten, die das Verhältnis zwischen Mensch und Architektur untersuchten, standen neben Präsentationen, die sich mit den persönlichen Konnotationen des Wortes "Stadt" auseinandersetzten. Nisrine Boukhari ging in einem Video "Here I Stand" von 2008 der Frage nach, wie der Mensch sich in der Beziehung zum Anderen – sei es als eine andere Ebene der eigenen Persönlichkeit oder als andere Person – definiert und abgrenzt und einen eigenen Raum oder Existenzebene für sich beansprucht.

Derartige vielschichtige Untersuchungen von Persönlichkeitsverständnis und Wahrnehmungsebenen sind ein wichtiger Aspekt der Arbeit dieser Künstlerin, die in ihren Arbeiten auch oft den eigenen Körper in investigativer Art einsetzt, um psychologische Phänomene zu visualisieren.

Kunst international – das Projekt "Magnetism"

Im Mai dieses Jahres hat "All Art Now" das Projekt "Magnetism" präsentiert, mit Künstlern aus Syrien, Rumänien, Frankreich und Großbritannien. Inspiriert durch den Wunsch der ausländischen Künstler, das Zentrum und seine besonderen Lage als Ausgangspunkt für ein Werk zu nehmen, waren Videos und Installationen zu sehen, die sich unter anderem mit Fragen von Zufälligkeit, persönlichen Wünschen und Verlangen auseinandersetzten. Ein täuschend unschuldiges und einladendes weiß gestaltetes Zimmer von Nisrine Boukhari ließ den Besucher die Wahl, inmitten von Feder-Vorhängen und weichen Kissen, von drei ähnlich aussehenden weißen Pulversorten (angeblich Zucker, Salz und Gift) aus Glasschüsseln zu kosten.

Eine Installation von Lea Maudet (Frankreich) und Barbu Bejan (Rumänien) lud den Besucher ein, sich aktiv mit der eigenen voyeuristischen Neugier auseinanderzusetzen. Bayan Al-Sheikh, ein weiterer junger Künstler der "All Art Now"-Kollektive, präsentierte eine kritische Auseinandersetzung mit der täglichen religiösen Praxis.

Traditionelle Praxis als "Klotz am Bein"


Künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen voyeuristischen Neugier: die Installation von Lea Maudet aus Frankreich und Barbu Bejan aus Rumänien Die syrischen Künstler, die Abir Boukhari in ihren Projekten zusammenbringt, arbeiten mit zeitgenössischen Techniken, haben aber alle ihre formale Ausbildung in Malerei oder Bildhauerei absolviert, weil diese die einzigen Wahlmöglichkeiten darstellen, die Kunststudenten in Syrien offen stehen.

Installation von Lea Maudet und Barbu Bejan (Foto: Qantara)

Moderne Kunst von Lea Maudet und Barbu Bejan in Damaskus bei "All Art Now"

Zeitgenössische Techniken müssen sich die jungen Künstler in Workshops im Ausland und durch Eigenstudium beziehungsweise Autodidaktik selbst beibringen. Aus diesem Grund wird Zusammenarbeit in den Projekten von "All Art Now" großgeschrieben, damit jeder von den Erfahrungen der anderen profitieren kann.

Und gerade der Austausch mit ausländischen Künstlern auf gleichberechtigter Basis bringt neue Gedanken und Ansätze, was von höchster Bedeutung für die Entwicklung einer seriösen zeitgenössischen Kunstszene in einem politisch und kulturell isolierten Land ist, in dem Künstler selbst nur selten die Gelegenheit bekommen, an internationalen Events teilzunehmen.

Innovative Präsentation von Kunst

Durch unermüdliche Öffentlichkeitsarbeit bemüht sich Abir Boukhari, das syrische Publikum für zeitgenössische Kunst zu sensibilisieren. Im Februar dieses Jahres fand das erste syrische Festival für Videokunst statt, mit Teilnehmern aus 42 Ländern. Nachdem das Goethe-Institut seine Unterstützung erklärt hatte, wurde das Projekt auch vom British Council, dem Centre Culturel Français und dem niederländischen Kulturinstitut unterstützt. Vorführungen fanden in den Kulturinstituten sowie in einigen Cafés und Restaurants von Damaskus statt, um so ein größeres Publikum zu erreichen.

Gerade diese Idee, Kunst in den Straßen von Damaskus sichtbar zu machen, ist in Syrien noch weitgehend unbekannt – in einem Land, in dem immer noch die Anschauung vorherrscht, Kunst gehöre in schöne Räume, abgehoben und fern vom Alltag. Die "All Art Now"-Projekte stoßen in Syrien auf Interesse, aber nicht selten auch auf Unverständnis. So sah sich der türkische Video-Künstler Ethem Özgüven anlässlich eines Diskussionsabends im Rahmen des ersten Festivals für Videokunst mit der erstaunlichen Frage eines syrischen TV-Journalisten konfrontiert, was denn die genaue Definition des Begriffes "Videokunst" sei und aus welchem Grund es als "Kunst" bezeichnet werden könne.

Aufbruch in die Gegenwart

Doch trotz dieses Unverständnisses bei den Medien und Teilen des Publikums erzielt Abir Boukhari mit ihren künstlerischen Aktivitäten oft erstaunliche Resultate. So hat die Fakultät der Schönen Künste der Universität Damaskus ihr Interesse erklärt, für das nächste Festival 2010 Räumlichkeiten für Videovorführungen zur Verfügung zu stellen. Und sogar die Damaszener Stadtverwaltung zeigt sich nicht mehr ganz abgeneigt, in Zukunft einen Graffiti-Workshop in den Straßen der Stadt abhalten zu lassen.

Projekte wie die von "All Art Now" sind von unschätzbarem Wert für die Entwicklung einer wirklichen zeitgenössischen Kunstszene in Syrien. Und gerade Menschen wie Abir Boukhari haben das Potential diese Entwicklung voranzutreiben, damit Kunst aus Syrien nicht länger als anachronistisch angesehen wird.

Autorin: Charlotte Bank
© Qantara.de 2009